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Pimp your brain mit Neurofeedback

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Langsam schwebt der Mönch, gehüllt in ein orangenes Gewand und im Schneidersitz, immer weiter in die Höhe. Wenn er lange genug die Position ganz oben hält, baut sich ein goldener Schein um ihn herum auf und es stieben Funken. Yeah, geschafft! Was daher kommt wie ein Computerspiel, ist tatsächlich eine Methode um das Gehirn zu trainieren. Denn der Mönch wird durch die Kraft der Gedanken bewegt. Präziser: je entspannter der Proband, desto länger hält der Mönch seine Position und die Punktesammelskala wächst. Neurofeedback heißt diese Methode, die eingesetzt wird zur Selbstregulation unbewusster Abläufe im Gehirn. „Das ist nichts Verrücktes oder Experimentelles", sagt Philipp Heiler, Arzt und Geschäftsführer der Neurofeedback-Praxis Brainboost in München, „sondern eine eingeführte Behandlung, die sich bewährt hat, um beispielsweise Aufmerksamkeitsproblemen entgegenzuwirken oder um Epileptikern zu helfen, Anfällen vorzubeugen. Manche Sportler nutzen Neurofeedback, um zu erlernen ihre Leistung punktgenau abzurufen." Großangelegte Studien zur Wirksamkeit der Methode gibt es zwar nicht, aber Fallstudien weisen darauf hin, dass auch Schlafstörungen oder Migräne erfolgreich behandelt oder zumindest die Symptome gelindert werden können - ganz ohne den Einsatz von Medikamenten. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass manche Menschen mit Depressionen mit Hilfe des Neurofeedbacks erlernen können, der Abwärtsspirale von Gedanken Einhalt zu gebieten. Der Proband bekommt dazu eine Elektrodenhaube aufgesetzt, mit deren Hilfe per EEG die Gehirnströme gemessen werden. Spezielle Software sortiert das eingehende Signal und schlüsselt dieses in genormte Frequenzbereiche auf, die jeweils einem eindeutigen Aktivitätsgrad wie Müdigkeit, Konzentration oder Stress zugeordnet werden können - auf dem Monitor erkennbar als eingefärbte „Heatmap". Per Neurofeedback soll der Patient erlernen, Gehirnströme, die bei Unruhe oder Nervosität aktiv sind, bewusst herunterzufahren und andere, die für Entspannung stehen, verstärkt zu produzieren. Philipp Heiler gründete Brainboost vor knapp einem Jahr, mit dem Ziel, das Neurofeedback zu entstauben und in das digitale Zeitalter zu transferieren. Denn viele der Programme, die bislang zum Training verwendet werden, erinnern optisch an die Anfänge der Computer, als sich noch grobe Pixel verruckelt über den Bildschirm bewegten.

Gehirn trainieren beim Seriengucken

Deswegen entwickelte das junge Team um den 28-Jährigen Arzt Software, die - wie etwa der fliegende Mönch - an das Design und die Funktion moderner Computerspiele angelehnt sind. Wer nicht Spiele-affin ist, hat bei Brainboost auch die Möglichkeit, die Lieblingsserie auf Netflix zu gucken und gleichzeitig das Gehirn zu trainieren: ist das Gehirn entspannt und fokussiert, sieht der Proband den vollen Bildschirm. Wenn man sich jedoch ablenken lässt, färbt sich der Monitor schwarz ein. Gleiches funktioniert auch mit einem akustischen Signal, zum Beispiel beim Hören eines Podcasts, der beim Abschweifen der Gedanken automatisch leiser wird. Immer wenn die gewünschte Gehirnaktivität auftritt, wird der Trainierende also durch ein gut sichtbares TV-Bild oder hörbare Musik belohnt. Auf diese Weise erlernt das Gehirn Konzentration und Entspannung selbst zu regulieren.

Gleiche Funktion wie Yoga oder Meditation

„Neurofeedback passt gut in eine Zeit, in der Themen wie Achtsamkeit und bewusstes Leben immer mehr Menschen interessieren", meint Philipp Heiler. In seiner Praxis finden sich neben Patienten mit klassischen Krankheitsbildern wie ADHS zunehmend Kunden ein, die Neurofeedback nutzen, um ihren Alltag besser zu meistern - wie etwa Menschen in Berufen, die hohe Konzentration erfordern, Musiker, die ihrem Lampenfieber entgegen wirken wollen und auch Studenten, die unter Neurofeedback lernen. Das Training eigne sich zum Beispiel als Burnout-Profilaxe oder auch als Instrument gegen Prüfungsangst, so Heiler. Er will das Neurofeedback ausdrücklich nicht als Hilfsmittel in einer immer fordernden Leistungsgesellschaft verstanden wissen. „Unser Ansatz ist, Menschen zu helfen, Stress abzubauen und ihre Kapazitäten optimal zu nutzen."

Heiler vergleicht das Neurofeedback mit Entspannungstechniken zum Stress-Abbau wie Yoga und Mediation, die nach seiner Aussage auf sehr ähnliche Weise funktionieren. „Die Messung durch das EEG ermöglicht jedoch, lösungsorientiert an eine spezielle Aufgabe heranzugehen, individuelle Trainingsprotokolle zu erstellen, Schwierigkeitsgrade einzustellen und Fortschritte zu messen", sagt Heiler.

Keine standardisierte Ausbildung

Bei medizinischer Indikation übernehmen zumindest private Krankenkassen häufig die Kosten. Die gesetzlichen Kassen bezahlen die Behandlung dann, wenn das Neurofeedback-Training in eine Verhaltenstherapie integriert ist. Eine einstündige Sitzung für Selbstzahler kostet bei Brainboost 85 Euro, ab circa zehn Sitzungen stelle sich ein nachhaltiger Effekt ein, so Philipp Heiler. Weil die Wirksamkeit nur schwer messbar ist, das Neurofeedback aber Linderungen in vielen Bereichen verspricht, die sonst schwer in den Griff zu bekommen scheinen, öffnet sich ein weites Spielfeld für weniger seriöse Anbieter. Die Geräte lassen sich grundsätzlich von jedem erwerben, ein Zertifikat zur Bedienung lässt sich in einem einwöchige Crashkurse erwerben. Vorsicht ist geboten bei Anbietern, die keine Trainingsziele festlegen und kein individuelles Protokoll erstellen, Begriffe nicht erklären können oder während der Sitzung komplett den Raum verlassen. Ob und wem das Neurofeedback tatsächlich hilft, muss am Ende jeder für sich selbst bewerten.

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