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Das Fahrrad aus Gras

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Wenn es um die Wachstumsgeschwindigkeit geht, nimmt der Bambus bei den Pflanzen einen der vorderen Plätze ein. Als Sichtschutz in Gärten und auf Terrassen erfreut er sich bei Hobbygärtner daher großer Beliebtheit. Auch Maximilian Schay, Jonas Stolzke und Felix Habke schätzen diese Eigenschaft der Grasart - aber nicht zum Gärtnern. „Bambus gehört nicht nur zu den am schnellsten nachwachsenden Rohstoffen, wobei er extrem viel CO 2 bindet, sondern eignet sich auch perfekt für den Bau von Fahrradrahmen. Er ist leicht, wahnsinnig stabil und verbindet die Vorteile von Stahl- und Aluminiumrahmen in einem Fahrradrahmen", schwärmt Felix Habke. Gemeinsam mit Stolzke und Schay gründete er 2014 das Start-up my Boo und verkauft seitdem von Kiel aus wunderschöne Bambusfahrräder.

Nachhaltig, sozial und fair

Dort in Norddeutschland werden die Räder in einer kleinen Manufaktur montiert. Ein großer Teil der Wertschöpfung findet aber in Westafrika statt. Denn die Bambusteile für das Kieler Unternehmen werden vom Yonso Project gefertigt, einer soziale Initiative in Ghana, die sich für die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit in der Region einsetzt, Schulstipendien an Kinder vergibt und Mikrokredite bereitstellt. Das Projekt steht in der Tradition der ghanaischen Bamboo Bike Initiative, gegründet von Kwabena Danso. Gerade die junge, ländliche Bevölkerung leidet in Ghana stark unter Arbeitslosigkeit. Die Idee Dansos: unter Verwendung eines lokalen, nachhaltigen Rohstoffs, der in Hülle und Fülle zur Verfügung steht, ein erschwingliches Rad zu fertigen, das auch der ärmeren Bevölkerung Mobilität ermöglicht. Die Idee des Bambusfahrrad war geboren. Gleichzeitig schafft die Initiative berufliche Perspektiven, in dem sie junge Menschen zu Fahrradmonteuren ausbildet. In Yonso zeigt die Partnerschaft mit den Kieler Gründern längst Wirkung: „Durch den Bau und Verkauf der Fahrradrahmen ist das Projekt mittlerweile spendenunabhängig und kann so seine eigenen Aktionen sehr viel schneller realisieren", sagt Habke. Mittlerweile hätten rund 20 junge Menschen auf diese Weise eine fair bezahlte Arbeit gefunden.

Stabil wie Stahl, leicht wie Alu

Die Bambusrohre für die my-Boo-Räder werden direkt in Yonso geschlagen und in rund 80 Stunden Handarbeit zu Rahmen gefertigt. Die Verbindungsstücke bestehen aus Hanfseilen und einem Bioharz. Durch die Maserung des Bambus, der durch Klarlack haltbar gemacht wird, ist jedes der Räder ein Unikat. Den Vergleich mit konventionelle Rädern muss der Bambusrahmen nicht scheuen: so dämpft der Vibrationen wie ein Stahl-Fahrrad und ist dabei genauso verwindungssteif wie bei einem Aluminium-Fahrrad.

Längst sind die Bikes aus Bambus kein Geheimtipp mehr: neben my Boo vertreiben auch Firmen wie Bambooride aus Österreich oder Zuribikes aus München Modelle aus dem schnell wachsenden Rohstoff. Bei Bambooride stammt der fair gehandelte Bambus aus Uganda; Zuribikes schafft mit seiner Produktion in Sambia Arbeitsplätze. Auch aus Vietnam kann man Bambusbikes beziehen. Dort lässt Stark Bamboo Bike in einem Frauenprojekt seine Rahmen fertigen. Wer sich lieber selbst ein Bambusbike bauen möchte, kann einen DIY-Workshop besuchen, zum Beispiel bei BAM Original. Bei my Boo in Kiel haben sie zuletzt daran herumgetüftelt, den traditioneller Werkstoff fit für die Anforderungen der urbanen Mobilität der Moderne zu machen. Ab kommendem Frühjahr ist bei my Boo auch ein Bambus-E-Bike mit einer Reichweite von bis zu 120 Kilometern erhältlich.

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