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Kreativität von zwei Kontinenten

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Jochen Baumeister hat eine Zuckerdose auf dem Küchentisch, an der er sich jeden Morgen erfreut. Sie sieht aus wie ein kleines Boot, zwei Löffelchen ragen wie Schiffsmasten in die Höhe. Baumeister freut sich, weil die Zuckerdose für ihn einen besonderen Wert hat. Denn sie wurde nicht nur ganz speziell nach seinen Wünschen von einer Künstlerin aus Afrika angefertigt, sondern sie symbolisiert auch die Geschäftsidee des Urban Change Lab, das Baumeister im vergangenen Jahr gegründet hat. Man könnte sagen, dass Baumeister ein interkulturelles Dawanda erfunden hat. Doch anders als bei der deutschen Bastel- und Handwerksplattform werden nicht einfach handwerkliche Produkte feilgeboten, stattdessen ist die Kreativität des Kunden gefragt. Das funktioniert so: der Kunde beschreibt seine Idee, sei es ein Kunstgegenstand, ein Kleidungsstück, Schmuck oder ein Möbel. Wer will, kann sich von Produkten auf der Webseite inspirieren lassen, man kann aber auch seinen ganz eigenen Entwurf einreichen. Bei den Materialien sind der Phantasie kaum Grenzen gesetzt - ob Holz, Stein, Bananenblätter - alles ist erst einmal denkbar. Die Mitarbeiter des Urban Change Lab suchen dann innerhalb ihres Netzwerks einen Handwerker in Ghana, Kenia oder Nigeria, der diese Idee als Einzelstück verwirklicht und kümmern sich um den Versand, den Zoll und den Geldtransfer. Den Zugang zur Kultur Ostafrikas und einen Einblick in die Lebenswirklichkeit der Menschen fand Baumeister über seine Frau, eine kenianische Ärztin. Dort gibt es eine virale Handwerksszene mit ganz eigenem Design, die in Europa bislang nur wenig vertreten ist. Das Urban Change Lab begreift Baumeister als einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung Afrikas. „Ich glaube, dass es für den ökonomischen Ausgleich von Ländern wichtig ist, Exportchancen zu schaffen. Gerade in Ländern wie Kenia oder Nigeria, die sich sonst vor allem auf Rohstoffe und Landwirtschaft konzentrieren, bietet das Handwerk große Möglichkeiten", meint Baumeister. Der Ansatz des Urban Change Lab geht weit über eine reine Exportplattform hinaus. Wer möchte, kann direkt mit seinem Handwerker telefonieren oder mailen und sich auch über Handyfotos über den Entstehungsprozess auf dem Laufenden halten. Dadurch entsteht im besten Fall nicht nur ein Austausch zwischen dem Handwerker und seinem Kunden, bei dem beide Seiten Einblick in die Lebenswelt des jeweils anderen erhalten. Der stete Kontakt beflügelt einen kreativen Prozess aus zwei sehr verschiedenen Blickwinkeln.

Entschleunigter Konsum

Als Last-Minute-Geschenke-Shoppen à la Amazon Prime ist das Angebot nicht gedacht. Von der ersten Kontaktaufnahme, über den Herstellungsprozess bis hin zur Lieferung, die per Schiff erfolgt dauert der Vorgang seine Zeit. „Ich glaube an die Entschleunigung von Konsum. Und das viele Menschen aus einer solchen kreativen Kooperation über Landesgrenzen große Befriedigung ziehen, weil der Entstehungsprozess einen hohen Stellenwert bekommt", sagt Baumeister. Wer sich über Tage oder Wochen über das Design und die Produktion eines Gegenstands Gedanken macht, weiß ihn am Ende mehr zu schätzen, als wenn man samstags mal kurz zu Ikea fährt, so sein Kalkül. Den Kontakt zu den Handwerkern vor Ort in Kenia hält Damar Padwa. Sie fungiert als „lokaler Anwalt" der Kunden und kontrolliert, dass die Qualität der Produkte den Anspruch „Kenyan pride", zu Deutsch „Kenianischer Stolz", erfüllen und die Preise fair sind. Die liegen auf dem Niveau eines Premium-Industrieprodukts. Der Grund hierfür: zwar sind die Löhne in den Entwicklungsländern deutlich niedriger als in Europa. Allerdings gibt es mehrere Faktoren, die die Herstellung eines Produkts in Entwicklungsländern verlangsamen und damit verteuern. Zum Beispiel sind nicht immer alle erforderlichen Maschinen verfügbar, was zu zeitaufwändiger Handarbeit führt. Auch Stromausfälle sind an der Tagesordnung und führen zu Mehrkosten. Dazu kommen dann noch der Transport und die Vermittlungsprovision des Urban Change Lab, die bei etwa 20 Prozent liegt. „Unsere Prämisse ist, dass jeder am Prozess beteiligte fair bezahlt wird. Die Kalkulation legen wir transparent offen", sagt Baumeister. Baumeisters Konzept basiert auf der Hoffnung, dass es in der deutschen Überflussgesellschaft eine Gruppe Menschen gibt, die es satt hat, vom Allerwelts-Ikea-Tisch und Tschibo-Geschirr zu essen und sich stattdessen nach werthaltigen und kreativen Produkten mit Geschichte sehnt. Wie groß die Gruppe ist, die solch eine Kreativ-Plattform über Landesgrenzen hinweg nutzt, muss sich erst noch zeigen. Mit Unwägbarkeiten kennt Baumeister sich aus. Der gelernte Ingenieur und Unternehmensberater hat bereits mehrmals gegründet, darunter einen der ersten Handyticket-Anbieter und eine Online-Busvermittlung. Gemeinsam war den Unternehmungen stets die Beteiligung von Risikokapitalgebern und der daraus resultierende Wachstums- und Erfolgsdruck. Diesmal ist vieles anders: Zwar sei das Urban Change Lab bewusst auch als eine gewinnorientierte Unternehmung aufgebaut, aber der Hauptaugenmerk liege auf der sinnvollen Wirkung des Projekts. Eines aber wisse er heute schon sicher: „Derart viel Spaß und Passion wie bei dieser Gründung hatte ich noch nie."

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