Daniel Urban

Autor und Composer, Frankfurt am Main

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Artikel

Attack Words ohne klärende Totale

Während sich zwei Ringer hör- und sicht­bar versu­chen zu bezwin­gen, wird aus dem Off in Damir Očkos „Dicta II“ eine endlose Wort­kette von soge­nann­ten „safe words“ verle­sen: „Red, cease­fire, Gemüse, Mayday, Bazinga, Kasset­ten-Player, Pakis­tan, Taco, Justin Bieber, Pistols, butter­fuck, green, safe­word, Schro­edin­ger, Teletubbi, lactose, chif­fon, Tesla, marry me, Oppen­hei­mer, jelly bean, pine­apple, Kaugummi, lawyer, stop, attack attack”. Haupt­säch­lich bekannt aus BDSM-Prak­ti­ken, garan­tiert das Safe­word den sofor­ti­gen Abbruch der aktu­el­len Hand­lung, sobald das vorher verein­barte Wort ausge­spro­chen wird.

Für jenes Sicher­heits­netz hat Očkos mit den beiden Ringern ein Bild­pen­dant gefun­den, dass passen­der nicht sein könnte: Im Submis­sion-Wrest­ling, einer spezi­el­len Ausprä­gung der Martial Arts, versu­chen die Kontra­hen­ten, ihren jewei­li­gen Gegner durch diverse Halte­griffe zur Aufgabe zu zwin­gen. Gelingt dies, zeigt der unter­le­gene Part sein Erlie­gen, die „submis­sion“, durch den „tap out“ – ein mehr­ma­li­ges Klop­fen der Hand –, und der über­le­gene Gegner stoppt den schmerz­haf­ten Aufga­be­griff. Die kontrol­liert ausge­übte Gewalt fokus­siert die Kamera in ihren unzäh­li­gen Close-ups, die das immens physi­sche Gesche­hen, das wilde Durch­ein­an­der der verschwitzt aufein­an­der klat­schen­den Körper, für den Zuschauer genauso erfahr­bar macht wie der Wort­schwall auf der Tone­bene.

RIESIGE, AUFGE­MALTE AUGEN STAR­REN DEN BETRACH­TER AN

„Dicta I“ (2017) und „Dicta II“ (2018) der noch nicht abge­schlos­se­nen, gleich­na­mi­gen Werk­reihe präsen­tiert der 1977 in Zagreb gebo­rene Damir Očko nun im Double Feature. In „Dicta I“ – Plural des latei­ni­schen Dictum – hatte sich der Künst­ler an Bert­hold Brechts 1935 erschie­ne­ner Schrift „Fünf Schwie­rig­kei­ten beim Schrei­ben der Wahr­heit“ orien­tiert, die dieser unter dem Eindruck des Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Regimes verfasst hatte.

DAMIR OČKO, DICTA II (SAFE­WORDS), 4K TRANS­FE­RED TO FULL HD, 2018, COUR­TESY THE ARTIST
DAMIR OČKO, DICTA II (SAFE­WORDS), 4K TRANS­FE­RED TO FULL HD, 2018, COUR­TESY THE ARTIST

DICTA I UND DICTA II

Teaser zu Damir Očkos Videoarbeiten

Brechts Text rich­tete sich in erster Linie an die in Deutsch­land verblie­be­nen Schrift­stel­ler und forderte, dass „der Schrei­bende die Wahr­heit schrei­ben soll in dem Sinn, dass er sie nicht unter­drü­cken oder verschwei­gen und dass er nichts Unwah­res schrei­ben soll. Er soll sich nicht den Mäch­ti­gen beugen, er soll die Schwa­chen nicht betrü­gen.“ Ein Teil der Auflage wurde in Deutsch­land als Tarn­schrift unter dem Titel „Satzun­gen des Reichs­ver­ban­des Deut­scher Schrift­stel­ler“ verbrei­tet.

In „Dicta I“ trägt ein thea­ter­haft geschmink­ter Mann Bruch­stü­cke aus Brechts Schrift vor. Riesige, aufge­malte Augen star­ren den Betrach­ter an, während die tatsäch­li­chen Lider perma­nent verschlos­sen blei­ben. Brechts eindring­li­che Worte ließ Damir Očko via Google Trans­late über­set­zen. Den Worten zu folgen ist so kaum möglich, werden sie doch bruch­stück­haft vorge­tra­gen und die Syntax so ins Unver­ständ­li­che verfrem­det.

ER SOLL SICH NICHT DEN MÄCH­TI­GEN BEUGEN, ER SOLL DIE SCHWA­CHEN NICHT BETRÜ­GEN.

BERTOLDT BRECHT

DAMIR OČKO, DICTA I, 4K TRANS­FE­RED TO FULL HD, 2017, COUR­TESY THE ARTIST

Die gespro­che­nen Sätze erin­nern an poli­ti­sche Slogans, deren ursprüng­li­cher Inhalt durch die konstan­ten Wieder­ho­lun­gen wie auch durch die auf einen drama­ti­schen Effekt abzie­lende Präsen­ta­tion immer inhalts­lee­rer werden. Der Künst­ler hatte sich, wie er kürz­lich im Inter­view mit dem Metal Maga­zine erklärte, für die Arbei­ten an Dicta I und II Tech­ni­ken des Dada­is­mus zu Nutze gemacht. Im poli­ti­schen Sprech, so Očko weiter, ließe sich eine Art von Mimi­kry ausma­chen, mittels der im Zeit­al­ter von „alter­na­tive facts“ unwahre oder auch sinn­lose Behaup­tun­gen als logisch und wahr­haf­tig präsen­tiert werden.

NAHAUFNAHMEN VON KÖRPERN UND AUGEN VERSTÄRKEN DAS GEFÜHL DER RATLOSIGKEIT

Jene diffi­zile Dimen­sion der Spra­che blitzt dann auch in „Dicta II“ auf, in dem einzelne Codes eine Botschaft in sich tragen, die ihrer eigent­li­chen Bedeu­tung gera­dezu entge­gen­steht – ein „attack attack“ als Safe­word, beispiels­weise. Die in beiden Arbei­ten genutz­ten Nahauf­nah­men von Körpern und eindring­li­chen Augen verstär­ken das Gefühl der Ratlo­sig­keit, das sich beim Zuschauer einstellt. Die klärende Totale, die einen objek­ti­vie­ren­den Blick von außen auf das Gesche­hen ermög­li­chen würde, bleibt aus.

DAMIR OČKO, DICTA I, 4K TRANS­FE­RED TO FULL HD, 2017, COUR­TESY THE ARTIST

DAMIR OČKO, DICTA II (SAFE­WORDS), 2018, COUR­TESY THE ARTIST, IMAGE VIA WWW.​DAMIROCKO.​COM

Als weite­ren Film wird Damir Očko Frank Simons Doku­men­tar­film „The Queen“ aus dem Jahr 1968 präsen­tie­ren. Der Film lief seiner­zeit in der Sektion „Semaine de la Critique“ des Cannes-Festi­vals und wurde erst kürz­lich von Kino Lorber in einer neure­stau­rier­ten Fassung wieder­ver­öf­fent­licht. „The Queen“ beglei­tet die Orga­ni­sa­to­ren und Teil­neh­mer des „Miss All-Ameri­can Camp Beauty Page­ant“-Wett­be­werbs 1967 in New York.

DAS LEBEN DER DRAGQUEEN-SZENE ZWEI JAHRE VOR DEN STONEWALL-UNRUHEN

Jack Doro­show, besser bekannt unter dem Dragqueen-Namen Flaw­less Sabrina, kommen­tiert aus dem Off die Entste­hungs­um­stände des Wett­be­werbs, während die Kamera beiläu­fig die Teil­neh­mer zeigt: Beim Anrei­sen nach New York, bei Vorbe­rei­tun­gen im gemein­sam bezo­ge­nen Hotel, beim Austau­schen von Alltags­er­fah­run­gen, bevor schließ­lich der Wett­be­werb selbst zu sehen ist. „The Queen“ ist ein beein­dru­cken­des Zeit­do­ku­ment, das einen Einblick in das Leben der Dragqueen-Szene gewährt; zwei Jahre vor den Stone­wall-Unru­hen, bei denen sich Homo- und Trans­se­xu­elle erst­mals massen­haft den will­kür­li­chen, gewalt­tä­ti­gen Razzien der Poli­zei wider­setz­ten. 

DIANE ARBUS, PHOTO OF FLAW­LESS MISS SABRINA AT HOME, 1968, IMAGE VIA ARTFO­RUM.COM

In einer Zeit, in der Homo­se­xua­li­tät seitens der Ameri­can Medi­cal Asso­cia­tion noch als psychi­sche Störung klas­si­fi­ziert wird und TV-Sendun­gen wie „RuPaul’s Drag Race“ undenk­bar schei­nen, sieht man, wie sich­die Teil­neh­mer des Schön­heits­wett­be­werb in anrüh­ren­den Szenen unge­zwun­gen über ihren Lebens­all­tag austau­schen: Klein­stadt­er­fah­run­gen; die Bezie­hung zu den Eltern nach dem Comin­gout; Über­le­gun­gen zur eige­nen Geschlechts­iden­ti­tät; die homo­phobe Ausmus­te­rung vom Mili­tär, obgleich man doch seinem Land dienen möchte. Der Wett­be­werb selbst, bei dem im Publi­kum neben Andy Warhol auch Pop Art-Grün­dungs­va­ter Larry Rivers oder Schrift­stel­ler George Plimp­ton zu sehen sind, ist derweil ein an Lebens­freude strot­zen­des Spek­ta­kel, eine kleine Oase in einer Welt, in der ein Ende der Diskri­mi­nie­rung noch in weiter Ferne liegt.

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