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Der vergessene Blick der Vivian Maier

Sie war eine bescheidene Frau, die jahrzehntelang als Kindermädchen gearbeitet hat und postum zu einer der wichtigsten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts gekürt wurde. Die Geschichte um Vivian Maier berührt und fasziniert die Welt. Im Berliner Willy Brandt-Haus ist jetzt ein Teil ihrer Arbeiten zu sehen.

Das 21. Jahrhundert vergisst nichts. Private Momente, historische Wendepunkte, der banale Alltag - im digitalen Zeitalter wird alles dokumentiert, festgehalten und ist jederzeit, an jedem Ort und immer wieder abrufbar. Die Geschichte von Vivian Maier wäre auch vor zwei Jahrzehnten eine Sensation gewesen. Doch das Mystische und Zauberhafte, das bei der wichtigsten fotografischen Entdeckung der letzten Jahre mitschwingt, ist auch darin zu suchen, dass eine Biografie wie jener von Maier heute kaum mehr vorstellbar ist.

Denn in der prä-Instagram und Co.-Zeit gelangte das umfangreiche, zu Lebzeiten unveröffentlichte Œuvre der 2009 verstorbenen Maier erst 2011 ans Licht der breiten Öffentlichkeit. Schon ein paar Jahre zuvor hatte der junge Makler John Maloof per Zufall zigtausende Abzüge und Negative gefunden, die ihn sofort in den Bann zogen. Maloof dämmerte, dass er eine Entdeckung gemacht hat, die noch für Furore sorgen würde. Doch trotz einer ausgiebigen Recherche gelang es ihm erst einmal nicht, den Urheber der Fotografien ausfindig zu machen. Erst Vivian Maiers Todesanzeige gab den entschiedenen Hinweis - und öffnete schließlich den Zugang zu mehreren 100.000 Negativen, die größtenteils unentwickelt waren. Maloof nahm sich diesen an und konnte kaum glauben, was er sah - ein riesiges Portfolio, das einen persönlichen, aber auch künstlerisch wie historisch bedeutenden, Blick auf das 20. Jahrhundert offenbarte.

Die Urheberin: Viviana Maier. Geboren 1926 in New York City als Tochter der Französin Maria Jaussaud und des Österreichers Charles Maier, zog sie mit ihren Eltern zunächst immer wieder zwischen Frankreich und den USA hin und her, ehe sie sich 1951 im Alter von 25 Jahren für einige Zeit nach New York begab. Fünf Jahre später zog sie schließlich in die Metropolregion rund um Chicago, der Ort, wo sie die nächsten 40 Jahre bleiben sollte. Während dieser Zeit arbeitete die als introvertiert beschriebene Maier bei mehreren Familien als Kindermädchen. Was niemand wusste - in ihrer Freizeit fotografierte sie. Mit neugierigem Blick und Sensibilität für besondere Momente. Ihre Motive sind Alltagsszenen, zufällige Bekanntschaften und - sie selbst. In den Selbstporträts ist eine Frau zu sehen, die Hüte liebte, niemals den Mund verzog und eine Vorliebe für alles Burschikose hatte. Als Feministin und Sozialistin wird sie im Nachhinein beschrieben, als starke, wenn auch in sich gekehrte Persönlichkeit.

Eine Frau, die zeitlebens kinderlos und unverheiratet blieb - und nie wissen wird, zu welcher Bekanntheit sie es eines Tages bringen würde.

Vivian Maier war 83 Jahre alt, als sie mittellos an der Folge eines Sturzes auf eisglattem Boden starb.

Ausstellung vom 19. Februar bis 12. April 2015 Willy-Brandt-Haus Stresemannstr. 28 10963 Berlin Dienstag bis Sonntag 12 bis 18 Uhr | Eintritt frei | Ausweis erforderlich willy-brandt-haus.de

Text: Daniel Segal

Alle Fotografien: © Vivian Maier | Maloof Collection, Courtesy Howard Greenberg Gallery, New York

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