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Fränzi Kühne: Was Männer nie gefragt werden - ein Buch über Genderfragen

Foto: Tom Wagner, dpa

"Bei Männern wird die Familie nur erwähnt, wenn es mal menscheln soll", sagt Fränzi Kühne

Über die fehlende Gleichberechtigung von Männern und Frauen ist schon viel geredet und geschrieben worden. Dass es immer noch nicht genug ist, davon kann man sich jeden Tag aufs neue ein Bild machen, sowohl im Kleinen als auch im Großen. Zum Beispiel wenn Annalena Baerbock gefragt wird, ob sie gleichzeitig Kanzlerin und Mutter sein kann. Ob Helmut Kohl und Gerhard Schröder mal gefragt worden sind, wie sie ihre Kanzlerschaft mit ihrer Vaterschaft vereinbaren können? Wohl kaum.

Nach wie vor steckt unsere Gesellschaft in verkrusteten patriarchalen Strukturen fest, in der Fortschritt, Veränderung und Chancengleichheit einen schweren Stand haben. Auch Gründerin, Unternehmerin und Aufsichtsrätin Fränzi Kühne kann ein Lied davon singen - doch stattdessen hat sie mit Was Männer nie gefragt werden. Ich frage trotzdem mal nun ein aufschlussreiches Buch darüber geschrieben.

Das Buch von Fränzi Kühne:

Wer ist Fränzi Kühne?

Foto: Tom Wagner

War mit 34 die jüngste Aufsichtsrätin eines börsennotierten Unternehmens: Fränzi Kühne

Fränzi Kühne ist 38 Jahre alt und lebt in Berlin. 2008 war sie Mitgründerin von Torben, Lucy und die gelbe Gefahr, kurz: TLGG, der ersten Digitalagentur Deutschlands. TLGG haben für große Marken wie Mont Blanc, die Deutsche Bahn oder die DKB Digitalkonzepte erstellt und kommen mittlerweile auf etwa 200 Mitarbeiter. Im letzten Jahr stieg Fränzi Kühne bei TLGG aus, um sich anderen Dingen zu widmen: jüngste Aufsichtsrätin Deutschlands in einem börsennotierten Unternehmen zu sein, sich bei der AllBright Stiftung für mehr Frauen in Führungspositionen zu engagieren und schlichtweg Vorbild für andere Frauen zu sein - und ein Buch darüber zu schreiben. Plus: Sie wollte mehr Zeit für ihre zwei Kinder haben - so wie ihr Mann auch.

Das Thema Gleichberechtigung fängt bei den richtigen Fragen an

„Mussten Sie sich zwischen Kind und Karriere entscheiden?" „Was tragen Sie zu einer Aufsichtsratssitzung?" Fragen wie diese hat Fränzi Kühne schon tausendfach gehört, sie werden ihr regelmäßig gestellt. Aber: Warum werden Männer nie danach gefragt? Die Antwort darauf ist so einfach wie traurig: Weil wir immer noch viel zu tief in alten Klischee- und Rollenbildern stecken und es leider viel zu lange dauert, bis neue Perspektiven und vermeintliche Selbstverständlichkeiten über Gendergleichheit ins gesamtgesellschaftliche Blut übergehen.

Von Heiko Maas bis Bausa: Was passiert, wenn Männern die gleichen Fragen wie Frauen gestellt werden...

Fränzi Kühne ist dieser Umstand irgendwann bewusst geworden und hat beschlossen, ein Buch darüber zu schreiben. Dafür hat sie 50 erfolgreiche Männer aus Wirtschaft, Politik und Kultur um Interviews gebeten, von denen immerhin 22 zugesagt haben - darunter Heiko Maas, Helmut Thoma, Jean-Remy von Matt und Bausa. Denen hat sie ähnliche Fragen gestellt wie die, die sie jahrelang beantworten musste - und ihre Interviewpartner dadurch mit diskriminierenden Wahrheiten konfrontiert, die beim Lesen noch lange nachhallen - zumal über die knapp 240 Seiten hinweg stets eine kluge, aber nie abfällige oder frustrierte Einordnung der gewonnenen Erkenntnisse stattfindet.

Foto: fraenzi.de

"Was Männer nie gefragt werden" von Fränzi Kühne erscheint im S. Fischer Verlag

Was macht das Buch von Fränzi Kühne mit einem?

Gute Bücher bringen einen zum Nachdenken, regen die Fantasie an und haben eine inspirierende Wirkung. Nun wird Was Männer nie gefragt werden vermutlich keinen Nobelpreis gewinnen, aber das Buch öffnet einem die Augen - vor allem als Mann. Denn seien wir mal ehrlich: Über die meisten Dinge, mit denen Frauen tagtäglich im Alltag diskriminiert, kleingehalten und in mittelalterliche Rollenbilder gedrängt werden, denken wir kaum nach. Oft passieren diese Diskriminierungen noch nicht mal bewusst, manchmal sind es bloß vermeintlich kleine Bemerkungen, die in der Summe jedoch eine große und verletzende Wirkung erzeugen. Uns Männern fällt das manchmal gar nicht groß auf - weil sie auch für uns schon zu einer Normalität geworden sind, die aber nicht Normalität sein sollte.

Warum sollte man "Was Männer nie gefragt werden" lesen - insbesondere als Mann?

Wie eingangs bereits geschrieben, wurde In den vergangenen Monaten und Jahren schon viel über Gendergerechtigkeit gesprochen und diskutiert, und das ist gut und richtig so. Aber zum einen werden diese Diskussion nach wie vor noch nicht gesamtgesellschaftlich geführt, zum anderen stimmt das alte Sprichwort eben, dass Taten nun mal mehr sagen als Worte - und der Schritt, über Gendergerechtigkeit zu sprechen und gendergerecht zu handeln ist leider weitaus größer, als sich manch ein Mann eingestehen will.

Dieser Umstand kommt auch in Fränzis Buch zum Ausdruck. Denn auch wenn sich alle Beteiligten selbst wahrscheinlich als aufgeklärt bezeichnen würden und pro Gleichberechtigung sind, so ist nicht nur durch die einordnenden Worte Fränzis, sondern auch zwischen den Zeilen der Interviewten durchaus herauszulesen, wie viel Unwohlsein der Fragenkatalog bei vielen von ihnen hervorruft - Fragen wohlgemerkt, die erfolgreichen Frauen ständig gestellt werden; und die nur deshalb auffallen, weil sie diesmal an Männer gerichtet wurden. So sagt Fynn Kliemann über das Buch: „Fränzi hat mich eingeschüchtert, verunsichert und beleidigt. Bis ich verstanden habe, dass ihr exakt diese Fragen gestellt wurden. Unfassbar."

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