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Geburtstagspost für den Tiger

Mit seinen fantasievollen Geschichten vom kleinen Bären und dem kleinen Tiger, vom Kastenfrosch und der Tigerente wurde er zu einem der bekanntesten Kinderbuchillustratoren der Welt: Janosch. Doch so viel umarmende Liebe in seinem umfassenden Werk auch steckt, so zurückgezogen lebt er privat, um sich voll und ganz seinem Zynismus, seiner misanthropischen Ader, gutem Essen und dem Alkohol hinzugeben. Heute, am 11. März, wird Janosch 90 Jahre alt. Ein Porträt.

 

„O Bär“, sagte der Tiger, „ist das Leben nicht unheimlich schön, sag!“ – „Ja“, sagte der kleine Bär, „ganz unheimlich und schön.“ So lautet ein Auszug aus „Post für den Tiger“ von 1979, einem von Janoschs unzähligen Kinderbuchklassikern. Und allein dieser kurze Dialog ist ein Paradebeispiel für Janosch als Künstler wie auch als Mensch: Fast unbemerkt mischt er die dunklen Töne des Daseins unter seine gleißende Fürsprache für das Leben an sich. Ganz ohne einen sarkastischen Seitenhieb gegen das Sein kann er einfach nicht. Wie auch? Dafür hat ihm das Leben allzu oft bitter mitgespielt – vor allem als er ein kleiner Bub war. „Kindheit ist selten schön“, hat Janosch diesen Umstand mal kommentiert – ein für einen Kinderbuchautoren wohl eher unübliches Statement. Doch wer sich ein bisschen mit seiner Vita beschäftigt, begreift schnell den Ursprung dieser traurigen Erkenntnis.

 

Janosch kam am 11. März 1931 als Hort Eckart auf die Welt, in der oberschlesischen Stadt Hindenburg, die heute Zabrze heißt. Er war alles andere als ein Wunschkind. Seine Kindheit entsprach ziemlich genau dem Gegenteil dessen, was man sich unter dem Begriff „behütet“ vorstellt. Beide Eltern tranken, nein, soffen sich ihre ärmliche Existenz erträglich. Und der Lebensfrust, den sowohl Vater als auch Mutter vergeblich im Alkohol zu ertränken versuchten, brach sich regelmäßig in Gewaltexzessen gegen ihr eigenes Kind Bahn. Sein Vater, ein ungelernter Hüttenarbeiter, drosch vorwiegend mit einer Hundepeitsche auf seinen Sohn ein. Seine katholisch verblendete Mutter wiederum knüppelte ihn mit der bloßen Hand grün und blau. Wenn ihm vor Schmerz die Luft wegblieb und sich seine Kinderaugen mit Tränen füllten, sagte seine Mutter Sätze wie: „Wenn du nicht aufhörst zu heulen, schlag ich dich tot.“ Kein Wunder, dass Janosch sich schon damals in andere Welten zu flüchten versuchte – wenn auch vergeblich.

 

Trotz der vielen Prügel, der geraubten Kindheit und der unzähligen Narben in seiner Seele hegt Janosch heute keinen Groll mehr gegenüber seinen Eltern. „Ich habe nichts gegen sie“, sagte er vor Jahren mal in einem seiner seltenen Interviews. „Ihr Fehler war, dass sie ein Kind in die Welt gesetzt haben.“ Wohl auch aus Angst, es nicht besser als seine Eltern machen zu können und ähnlich rigoros an der anspruchsvollen Aufgabe einer liebevollen Kindererziehung zu scheitern, blieb Janosch kinderlos.

 

Seine beraubte Kindheit, so interpretiert er es selbst, musste er durch seine Bücher ewig nachholen. Ihm selbst hat das seine Kindheit sicherlich nicht zurückgebracht. Aber dafür hat er die Kindheit vieler anderer Jungen und Mädchen um liebevolle Erlebniswelten bereichert. Aber wie kam er überhaupt dazu, Geschichten für die Kleinsten zu ersinnen und illustratorisch umzusetzen?

 

Mit seinem Geburtsjahr 1931 kam Janosch, der damals noch Horst hieß, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges zur Welt. Die Brutalität, die er in seinem Elternhaus erfuhr, setzte sich draußen fort. Trotz der unzähligen Traumata in ihm und um ihn herum begann Janosch kurz vor Kriegsende eine Lehrstelle als Schmied. In dieser Zeit entdeckte er das Zeichnen für sich – und damit die Möglichkeit, sich selbst und die Welt besser zu begreifen, wie er später mal erzählte.

 

Doch seine Familie war am Ende – nicht nur strukturell, sondern auch finanziell: Das Geld reichte weder für Essen, noch für eine intakte Wohnung. In der Hoffnung auf ein besseres Leben flüchteten sie, Janosch war gerade 15 Jahre alt, nach Westdeutschland, in die Nähe von Oldenburg. Dort arbeitete Janosch anfangs in einigen Textilfabriken, besuchte eine Textilfachschule und fand sich mit Anfang zwanzig über Umwege irgendwann in München wieder. Sein Leben war unstet: Viel Alkohol, viele Frauengeschichten, viel Exzess – eine wilde Zeit. Die einzige Konstante: das Zeichnen. Er bewarb sich an der Kunstakademie, absolvierte ein paar Probesemester. Doch man legte ihm nahe, sich lieber einen anderen Beruf als den des Künstlers zu suchen. Ein Tiefschlag. Ein zerplatzter Traum. Doch träumen, das beherrschte Janosch damals schon – zumindest mit dem Stift in der Hand.

 

Er ließ sich von der Absage nicht entmutigen und zeichnete als freischaffender Künstler immer weiter. Auf die Frage, warum er so viel zeichnete, sagte Janosch einmal: „Für die Mädels, um die rumzukriegen – was mir dann nicht gelungen ist.“ Und man kann sich das schelmische Grinsen hinter dieser wohl nicht ganz zutreffenden Antwort bildlich vorstellen. Doch die Wahrheit als solches hatte für ihn noch nie einen sonderlich hohen Stellenwert. Vermutlich war genau das die Basis für sein fantasievolles Schaffen. Wie hat Janosch diesen Umstand doch selbst mal kommentiert? „Eine gute Illusion ist besser als eine Scheißwahrheit.“ Diese träumerische Sichtweise war stets sein künstlerischer Antrieb.

 

Mitte der Fünfzigerjahre begann er seine schriftstellerische Tätigkeit im Feuilleton und traf bei seiner Auftragssuche 1959 auf den Verleger Georg Lentz. Der zeigte sich begeistert vom Zeichenstil Horst Eckarts, von der subtilen Komik, aber auch der Tiefe in dessen Figuren – nur der Name störte ihn: Horst Eckart. Also fragte Lentz bei einem abendlichen Treffen, wie Horst Eckart denn stattdessen heißen wolle. „Janosch“, sagte Janosch spontan „in seligem Halbrausch“ – und der Rest ist gezeichnete Geschichte.

 

1960 wurde Janoschs erstes Buch im Münchner Georg-Lentz-Verlag veröffentlicht: „Die Geschichte von Valek dem Pferd“. Doch bis er mit seinen Zeichnungen und Geschichten wirklich erfolgreich wurde, sollte es noch 16 Bücher und 18 Jahre dauern. Erst als 1978 „Oh, wie schön ist Panama“ erschien, schaffte er damit den Durchbruch – auch international. Die Geschichte vom kleinen Bären und kleinen Tiger, die erst weggehen müssen, um anzukommen, ist universell – und mit so viel Verve und Tiefe und Hingabe gezeichnet, so ergreifend in Wort und Bild umgesetzt, dass das Buch bis heute nichts von seiner Strahlkraft verloren hat. Auch die Tigerente, die seither Janoschs Markenzeichen geworden ist, hatte dort ihren ersten Auftritt. Der Künstler selbst ist mit ihr heute jedoch nicht mehr so glücklich, bezeichnet sie als Kitsch, ja gar als Mist – so schreibt es Janosch zumindest in seinem autobiografischen Roman „Gastmahl auf Gomera“ von 1997. An der anhaltenden Faszination der Tigerente für Kinder auf der ganzen Welt ändert das freilich nichts.

 

Der wachsende Erfolg, vor allem durch die Fortführung der Bär-und-Tiger-Geschichten mit „Komm, wir finden einen Schatz“ (1979) und „Post für den Tiger“ (1980), erlaubte es Janosch, sich immer weiter zurückzuziehen. Seine Zeit in München, die er selbst als „Schwabinger Lotterleben“ bezeichnet, war aus künstlerischer Sicht zwar effektiv und profitabel, aber auch alkoholgetränkt und selbstzerstörerisch gewesen. Wer Janosch in dieser Zeit begegnete, kannte ihn einerseits als charmanten Geschichtenerzähler, andererseits aber auch als kauzigen und selten nüchternen Eigenbrötler. Stets versuchte er den Krisen seiner Kindheit auf zweierlei Wegen Herr zu werden: mit der Flasche in der Hand oder dem Zeichenstift. Als Janosch Anfang der Achtzigerjahre in ein kleines, abgelegenes Häuschen auf die Rentnerinsel Teneriffa zog, verwunderte das niemanden. Es passte zum Spleen, den Janosch nicht nur in seinem Werk, sondern auch um sich selbst als Künstler etabliert hatte.

 

Der Produktivität seines kreativen Schaffens tat diese Zurückgezogenheit indes keinen Abbruch. Mehr als dreißig Bücher veröffentlichte Janosch seither, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Er ließ seine Bilder ausstellen, gründete die Janosch AG und wurde zeichnender Kolumnist des ZEITmagazins – alles aus seinem spanischen Exil heraus.

 

Die irreparablen Schäden seiner traumatischen Kindheit konnte Janosch in all den Jahren allerdings nicht vollständig ausheilen, sie begleiten ihn bis heute – davon zeugt nicht nur seine über Dekaden hinweg kultivierte Liaison mit dem Alkohol. Die tiefen Narben, die ihm seine Eltern in seinen ersten Lebensjahren in die Psyche peitschten, sind nicht nur in ihm, sondern auch seinem Werk bis heute spürbar.

 

Wer sich eingehend mit Janoschs vielfältigem Werk beschäftigt, stellt fest, wie er die Risse auf seiner Seele mit jedem Pinselstrich zu übertünchen versucht. Wie jede Radierung als Versuch verstanden werden kann, bestimmte Erinnerungen seiner Kindheit zu löschen. Seine Sehnsucht nach einer intakten Familie, nach bedingungsloser Liebe und lebenslanger Freundschaft, nach Treue und Geborgenheit, all das findet sich in nahezu jedem seiner Werke wieder – wenn auch teilweise mit ironischem Unterton oder einer leichten Spitze gegen die Wirklichkeit. Denn auch heute, an seinem 90. Geburtstag, gilt: Ganz ohne einen sarkastischen Seitenhieb gegen das Sein kann er einfach nicht.