3 Abos und 0 Abonnenten
Interview

Slowthai: „Alles, was man missbraucht, missbraucht einen irgendwann zurück“

Die Superlative in Bezug auf den britischen Rapper Slowthai überschlagen sich förmlich, die Fachpresse ist sich einig: der 25-Jährige ist der derzeitig wichtigste Musikexport aus dem UK, seine Songs treffen den Zeitgeist, seine pointierten Lyrics machen ihn zur Stimme einer ganzen Generation. Nachdem er mit seinem Debütalbum „Nothing Great About Britain“ vor zwei Jahren Fans und Medien in Verzückung versetzt hat, will er mit seiner neuen Platte „Tyron“ nun nachlegen – und lässt darauf tiefer blicken denn je. Das Gespräch mit ihm findet via Zoom statt. Slowthai sitzt in seinem Kellerstudio, dass sich im Haus seiner Mutter befindet. Auch Slowthai wohnt noch dort. Mama ist halt die Beste – und sein größter Fan, wie er im Interview erzählt.

 

Für dein Debütalbum “Nothing Great About Britain” von 2019 wurdest du überall gefeiert. Hast du damals damit gerechnet?

Ach, ich habe mich nie groß darum geschert, was Kritiker sagen oder schreiben. So lange mir meine Musik gefällt und ich das ausdrücke, was ich ausdrücken will, bin ich happy. Alles andere liegt eh nicht in meiner Hand.

 

Wie bist du mit dem Erfolg umgegangen?

Er hat mich schon überrascht. Auf der anderen Seite: Ich habe all mein Herzblut in „Nothing Great About Britain“ gesteckt, sodass die Platte in meinen Augen nur das bekam, was sie verdient hat.

 

Auf dem Stück „Play With Fire“ deines neuen Albums „Tyron“ sagst du: „Fuck all these expectations.“ Ist das dein Umgang mit Erwartungshaltungen?

Mein versuchter Umgang zumindest. (lacht) Ganz ausgeblendet bekommt man das nie. Aber wenn man Erwartungen zu sehr im Hinterkopf hat, blockiert dich das, dann wirst du nicht glücklich – zumal es unmöglich ist, stets die Erwartungen aller zu erfüllen. Und ganz ehrlich: Wenn ich immer nur das tun würde, was Leute von mir erwarten, würde ich mich nie verändern, nie weiterkommen und bloß auf der Stelle treten. Ich würde nie besser werden. Das kann’s nicht sein.

 

Sondern?

Leute tendieren dazu, immer das Gleiche zu wollen. Das will ich aber nicht. Ich mag den Überraschungsmoment. Alle Künstler, die ich gut finde, haben sich das erhalten, entwickeln sich weiter und verändern sich. Künstler wie Kid Cudi oder Tyler, The Creator. Und ich glaube, unser Ansatz ist identisch: Wir machen einfach Musik. Und was rauskommt, kommt raus.

 

Welches sind die größten Unterschiede zwischen deinem gelobten Debütalbum „Nothing Great About Britain“ und dem neuen Album „Tyron“?

In “Nothing Great About Britain” geht es um äußere Erfahrungen, wie diese Welt uns geformt hat; der Ort, an dem wir leben. „Tyron“ richtet den Blick mehr nach innen. Darin geht es darum, sich selbst zu finden; herauszufinden, wer man ist. Da habe ich einen Großteil des äußeren Umstände außen vor gelassen.

 

Wir haben gerade über “Play With Fire” gesprochen, in dem es um innere Konflikte geht, in denen du steckst. Welche Konflikte sind das konkret?

Ich bin ein Extremtyp: In einem Augenblick bin ich superglücklich, nur einen Moment später falle ich in ein großes Loch und hasse alles um mich herum. Damit habe ich oft zu kämpfen. Es ist nicht leicht, da die richtige Balance zu finden. Aber allem Schlechten liegt stets etwas Positives inne – zumindest insofern, als dass man daraus lernen, sich weiterentwickeln und daran wachsen kann. Wer nie schlechte Zeiten durchgemacht hat, wird die guten Zeiten auch nie in vollem Maße genießen können.

 

In jedem zweiten Artikel über dich wirst du als „Stimme deiner Generation“ betitelt. Was passiert mit dir, wenn du so etwas über dich hörst?

Das ist schon eine krasse Ansage. Fühlt sich zwar irgendwie cool an, aber ob ich dieser Einschätzung wirklich gerecht werden kann – ich weiß nicht. Ich spreche ja nur darüber, was um mich herum passiert. Und wenn mich das zur Stimme einer Generation macht, okay. Man darf bei solchen Aussagen nur nie vergessen, dass ihre Gültigkeit ein Ablaufdatum hat.

 

Was war das Tollste, was du je über dich gehört hast?

Ach, da gibt es so viele verschiedenen Ebenen hinsichtlich dessen, was meine Songs Leuten bedeutet und welche Gefühle sie bei ihnen ausgelöst haben. Am schönsten sind eigentlich immer die Direktnachrichten auf Instagram, wenn Leute mir schreiben, dass sie Selbstmordgedanken hatten, nicht mehr Teil dieser Welt sein wollten, denen aber insbesondere meine Songs wie „Toaster“ da durchgeholfen haben. Dass Leute den Song gehört und gemerkt haben: Sie sind nicht allein.

 

Das klingt wirklich toll.

Einer hat mir auch mal geschrieben, dass er seine Freundin bei einem meiner Konzerte kennengelernt hat, sie über meine Musik zueinandergefunden haben und nun in ihr erstes gemeinsames Haus ziehen – das ist doch krass. Du siehst: Mir geht’s um nichts anderes, als Leute zusammenzubringen. (lacht)

 

In deinen Songs bist du oft beängstigend ehrlich. Gehst du auch so durchs Leben?

Absolut! Ich versuche immer so ehrlich wie möglich zu sein, nichts schönzureden und mich der Wahrheit zu stellen.

 

Warum ist dir diese Ehrlichkeit so wichtig?

Das hat was mit Integrität zu tun. Wie willst du nachts ruhig schlafen, wenn du eine Lüge lebst? Ich könnte das nicht. Wenn ich so tun würde, als sei ich jemand, der ich nicht bin. Man sollte immer zu dem stehen, wer man ist und was man tut. Und wenn ich irgendwann mal Kinder habe und sterbe, dann sollen die wissen, dass ich für etwas gestanden habe und nicht alles nur Schall und Rauch war; dass ich immer der gewesen bin, der ich vorgegeben habe zu sein.

 

Es sind aber oft auch sehr persönliche und intime Dinge, die du in deiner Musik mit fremden Menschen teilst – wie im Stück „Feel Away“, in dem es um den Tod deines Bruders geht. Hast du nie Angst, dich zu nackt zu machen?

Ich mag es schon auch, wenn einen Künstler ein bisschen was Geheimnisvolles, Mysteriöses umgibt; wenn man nichts über einen Künstler weiß und man nichts kennt außer dessen Kunst – das hat was Romantisches. Gleichzeitig bin ich aber auf meiner eigenen Reise und würde nichts ändern. Ich bin, wer ich bin, und das darf ruhig jeder erfahren.

 

Was hat deine Mutter gesagt, als du ihr „Feel Away“ vorgespielt hast?

Es hat sie berührt. Sie hat geweint. Aber meine Mutter ist eh mein größter Fan und häufig die erste, der ich neue Sachen vorspiele. Ganz oft sagt sie aber: „Das kannst du besser. Das solltest du umschreiben.“ Ich denke dann immer: „Wann bist du so ein Korinthenkacker geworden?“ (lacht) Aber sie ist einfach happy, dass es so gut läuft.

 

Das kann ich mir vorstellen, zumal du auch mal ernste Drogenprobleme hattest.

Ja, das stimmt. Ich bin generell sehr anfällig für Süchte jeglicher Art. Wenn ich irgendwas liebe oder das Gefühl habe, etwas ist gut für mich, dann steigere ich mich da schnell hinein, bis es eben nicht mehr gut für mich ist. Mittlerweile weiß ich aber: Alles, was man missbraucht, missbraucht einen irgendwann zurück.

 

Wie bist du zu dieser Erkenntnis gelangt?

Ich sag mal so: Learning by doing. (lacht) Alkohol, Drogen, Adrenalin – all das kann dich in einen Strudel reißen. Es hat gedauert, bis ich begriffen habe, dass ich all diese Süchte nicht brauche. Mittlerweile habe ich gelernt, auch ohne irgendwelche Substanzen in meinem Körper glücklich zu sein. Das einzige, was ich mir ab und an gönne und sehr genieße, ist, einen Spliff zur rauchen. Das entspannt mich einfach.

 

Wie hat sich dein Leben durch den großen Erfolg deines Debütalbums verändert?

Mit einem Wort: Freiheit. Der Erfolg hat es mir ermöglicht, permanent an meiner Kunst arbeiten zu können. Ich habe immer gedacht, dass meine Möglichkeiten limitiert sind, aber nun habe ich die Mittel, all meine Ideen wahr werden zu lassen. Es sind so viele Türen aufgegangen, die es mir gestatten, weniger eindimensional zu sein, verschiedene Ebenen zu sehen und neue Wegen zu erkunden. Das bedeutet auch mehr Freiheit für meine Familie und weniger Stress, weil ich nicht mehr darüber nachdenken muss, wo ich Geld herbekomme. Ich kann mich darauf konzentrieren, das zu tun, was ich liebe, ohne mich um anderen Scheiß kümmern zu müssen. Ein größeres Privileg kann man gar nicht haben, und das macht mich zu einem glücklichen Menschen.