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Einstürzende Neubauten: Bargeld will Ewigkeit

"Motherfucker?" – "Nein, Mezzoforte." Blixa Bargeld, der Kopf der Einstürzenden Neubauten © Marlene Gawrisch

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Inhalt

Seite 1 - Bargeld will Ewigkeit

Seite 2 - Im Taschentakt Seite 3 - Zickzack. Summe. Bluff. Mint. Honey. S€x.

Blixa Bargeld macht sich lang, schiebt sich Zentimeter für Zentimeter weiter nach vorn, hin zu einem eingestaubten Regal. Auf Zehenspitzen streckt er seine Arme aus nach einem vergilbten Versandhändlerkarton. Das kolkrabenschwarze Hemd spannt über seinem Wohlstandsbauch und seine Weste schiebt sich hoch bis zu den Rippen, als er die Kiste endlich zu fassen bekommt. Im Kreise seiner Bandkollegen N. U. Unruh, Alexander Hacke, Jochen Arbeit und Rudolf Moser klopft er sich den Staub von den Ärmeln, schreitet mit dem Karton zu einer Hammondorgel in der Studiomitte und bahrt ihn auf - mit dem feierlichen Gestus eines religiösen Rituals. Er blickt in die Runde, vergewissert sich der ungeteilten Aufmerksamkeit aller, hält kurz inne. Dann zwängt er seine Finger durch einen Spalt, drückt den Unterarm hinterher, tief in den Kartonkorpus hinein, durchwühlt das Innere und zieht eine Handvoll Karten heraus. Einzelne Worte stehen darauf, die er andächtig vorträgt: "Intro. Trommel. Zufall. Netz." Sie werden später, auf die eine oder andere Weise, im Stück Zuckerstimme wieder auftauchen, das die Einstürzenden Neubauten einige Wochen vor ihrer neuen Platte Alles in Allem veröffentlichen - dem ersten regulären Studioalbum der Band seit zwölf langen Jahren.

Der Karton und die Karten, sie sind Bestandteil eines künstlerisch-strategischen Konzepts namens Dave. Eine Art Navigationssystem durch den Kreativkosmos der Neubauten, benannt nach dem ersten Sprecher in Bargelds Auto-Navi. Die kryptischen Anweisungen auf den Karten nutzt die Band regelmäßig, um sich damit neue Songs zu erarbeiten. "In den Jahren 2006/2007 habe ich mal unseren Katalog durchgesehen und versucht, alle guten Ideen in Worte zu fassen. Daraus ist dieses System aus etwa 600 Karten entstanden", erklärt Bargeld, während seine Bandkollegen es ihm gleichtun und einer nach dem anderen ein paar Karten aus der Pappkiste fischt. "Seither nutzen wir es, um unsere eigenen Vorstellungen immer wieder zu unterwandern und kreative Zugänge herzustellen, auf die wir ohne Dave nicht gekommen wären; indem wir Schlagworte ziehen, die wir dann irgendwie in ein Stück einarbeiten müssen." Etwa die Hälfte der zehn Lieder auf dem neuen Album ist so entstanden.

Der Bassist Alex Hacke ist an der Reihe und blickt stirnrunzelnd auf die letzte seiner vier gezogenen Karten: "Die hier verstehe ich nicht. Da steht 'MF' drauf. Was soll denn das heißen? Motherfucker?" Bargeld schüttelt grinsend den Kopf. "Nein", entgegnet er wissend. "Mezzoforte."

Freie Radikale

2020 ist ein besonderes Jahr für die Einstürzenden Neubauten. Ein Jubiläumsjahr. Seit nunmehr vier Dekaden kultivieren sie mit jedem neuen Projekt, mit jeder Platte, mit jedem Konzert ihren Status als unkaputtbarer Solitär. Gegen den etablierten Kulturbetrieb, gegen den Mainstream. In all diesen Jahren war ihr Ansatz stets: den Begriff von Musik so zu erweitern, bis alles Musik ist. Dafür verwenden sie neben herkömmlichen Instrumenten auch selbst gebaute Soundobjekte, deren Bestandteile sie häufig auf Schrottplätzen finden. Sie betreiben eine Art Klangforschung, indem sie sämtliche Materialien und Werkzeuge auf ihre musikalische Nutzbarkeit, nun ja, abklopfen. Die Neubauten schlagen mit Beilen auf Lüftungsschächte, hacken mit Klingen auf Spiegeln und lassen unheilvoll Bohrmaschinen erdröhnen. Sie kreieren Sound aus Stahlkörpern, Eisenträgern, Kanistern, Rohren, Blechen, Rettungsdecken, Einkaufswagen und Styropor - damals wie heute ein intendierter Frontalangriff auf konventionelle Hörgewohnheiten. "Zu Beginn haben wir vor allem Musik gemacht, um zu stören, zu nerven und Schmerzen zu verursachen", erklärt Hacke die Motivation ihrer Anfangstage - und erinnert sich daran, wie sie vor 40 Jahren ihre erste Single im Hohlraum einer Autobahnbrücke aufnahmen.

In der Band-Doku Seele brennt, die 2005 für das ZDF und arte produziert wurde, gab Bargeld seinerzeit zu Protokoll, dass es ziemlich schwer sei, die Neubauten zu schlucken - in etwa so, als würde man Bauklötze kauen. Doch die Unverdaulichkeit der Anfänge ist über die Jahre weniger geworden, der geniale Dilletantismus [sic!] und die atonalen Strategien der Band sind mittlerweile bekömmlicheren Kompositionen gewichen. Ihre schrankenlose Gier nach Intensität indes ist geblieben - und das eindeutige Bekenntnis gegen jede Form von Beliebigkeit. Eine Sache ist Bargeld dabei jedoch wichtig: "Es ging uns nie um Provokation, sondern immer nur um das Überschreiten von Grenzen." Und diesem Ansatz folgen sie bis heute - mit bedingungsloser Radikalität.

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