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Patreon: Einfach mal Mäzen werden

Früher Musiker, jetzt CEO von Patreon: Jack Conte, 35 © Jerod Harris/​Getty Images

Jack Conte hat das Limit zweier Kreditkarten ausgereizt und all seine Ersparnisse geopfert, um für 10.000 US-Dollar ein Musikvideo zu drehen. Er hält das für eine gute Investition. Auf YouTube wird der Clip innerhalb eines Monats mehr als eine Millionen Mal angesehen - ein großer Erfolg, denkt er zumindest. Und dann überweist ihm das Geld für die erreichten Klicks: Es sind 166 Dollar.

Das war Mitte 2013. Heute ist der Amerikaner Jack Conte immer noch Musiker. Aber er ist auch CEO von Patreon, einer Social-Payment-Plattform, die er als Reaktion auf diese Farce gegründet hat. "Es hat mich einfach krank gemacht zu sehen, wie Kreative in dieser Welt ausgebeutet werden. Wir sind es schließlich, die das Internet mit Inhalten füllen. Aber wir können nicht mal ansatzweise davon leben. Das wollte ich ändern", erzählt Conte vor wenigen Tagen in einem Zoom-Gespräch. Im Moment steigt die Mitgliederzahl seiner Plattform rasant. Denn jetzt können noch viel weniger Künstler von ihrem Schaffen leben - sie schaffen zwar, aber die Einnahmen aus Auftritten bleiben aus, Veröffentlichungstermine wurden verschoben. "Seit Beginn des Lockdowns Mitte März haben sich 70.000 neue Creator bei uns angemeldet", sagt Conte, der seine Plattform als Gewinner der Krise sieht.

Patreon unterscheidet sich grundlegend von Anbietern wie Kickstarter, Indiegogo oder Ulule. Hier wird nicht einmalig eine große Menge Geld für ein bestimmtes Ziel gesammelt, sondern ein dauerhaftes Subskriptionsmodell etabliert. Wer einen Musiker, eine Illustratorin, einen Podcaster oder eine Journalistin regelmäßig mit kleinen Beträgen unterstützt, von denen Patreon zwischen fünf und zwölf Prozent Provision einbehält, bekommt Zugriff auf exklusive Inhalte wie Songs, Artikel, Blogeinträge oder Behind-The-Scenes-Videos. Je höher der Abo-Betrag, desto umfangreicher die Gegenleistung. Im Optimalfall führt das dazu, dass man als "Creator", wie die Kreativen auf Patreon genannt werden, über ein regelmäßiges Einkommen verfügt, vergleichbar mit einem Gehalt - und dessen Bedeutung ist insbesondere in Zeiten von Corona deutlich höher einzuschätzen als der monetäre Nennwert selbst.

Die digitale Wende steckt Musikern noch immer in den Knochen. Von den abnehmenden Plattenverkäufen physischer Tonträger kann heute kaum noch ein Künstler leben, von Streaming-Tantiemen erst recht nicht. Der Branchen-Primus zahlt gerade mal 0,004 Euro pro gestreamten Song. Selbst bei einer Million Abrufe, die nur ein Bruchteil von Musikern mit ihren Songs überhaupt erreichen, kämen gerade mal 4.000 Euro zusammen. Die noch traurigere YouTube-Auswertung wurde bereits erwähnt. Geld ist für Berufsmusiker in erster Linie mit Konzerten zu verdienen. Der aktuelle Zusammenbruch des Live-Geschäfts ist für die meisten von ihnen existenzbedrohend. Und genau hier liegt der unverhoffte Mehrwert von Patreon.

Aktiv gegen den Systemfehler

"Nehmen Sie eine Band wie das Hip-Hop-Kollektiv Doomtree aus Minneapolis", berichtet Conte. "Die hatten für dieses Jahr mit 300.000 Dollar Toureinnahmen gerechnet, die jetzt wegfallen. In uns haben sie eine digitale Ersatzeinnahmequelle gefunden." Seit Anfang April sind Doomtree bei Patreon und haben bereits 1.300 Unterstützer, durch deren Beiträge jeden Monat 13.000 Dollar zusammenkommen. Auch wenn die Musiker zu siebt sind - zumindest das Nötigste lässt sich davon bezahlen.

Im Moment melden sich dreimal so viele Kreativschaffende an wie sonst. Auch die Unterstützer werden mehr. Seit dem Lockdown ist die Wachstumsrate der "Patrons" um 25 Prozent gestiegen und sie zahlen sogar 75 Prozent mehr als die sonst durchschnittlich üblichen zwölf Dollar im Monat. Offenbar stemmt sich hier eine loyale Community mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln bewusst gegen den großen Aderlass, dem die Kulturbranche derzeit ausgesetzt ist.

Vier Millionen aktive Unterstützer und mehr als 150.000 Creators verzeichnet Patreon zurzeit. Seit der Firmengründung 2013 wurden mehr als eine Milliarde US-Dollar ausgezahlt - die Hälfte davon allein im vergangenen Jahr. Um mit Musikstreaming dieselbe Summe zu verdienen, müsste ein beliebiger Song in den USA rund 250 Milliarden Mal abgespielt werden. Angesichts dessen wirkt der Patreon-Zuschuss beeindruckend, vor allem aber verweist er auf einen Fehler im bestehenden System, das Kreative schröpft und ihrer Arbeit einen lächerlichen Gegenwert entgegenstellt.

Basierend auf diesem Systemfehler gibt es mittlerweile eine Reihe von Portalen, die ihren Nutzern ein vergleichbares Geschäftsmodell anbieten, darunter Substack, Revue oder der deutsche Anbieter Steady. Angst vor der Konkurrenz hat Jack Conte nicht: "Ich find's toll, dass es so viele Angebote gibt und sich jeder Künstler frei entscheiden kann. Allerdings", grinst er, "waren wir die Ersten, haben also einen Wettbewerbsvorsprung, weil wir uns mit dem Thema Social Payment bereits seit sieben Jahren intensiv auseinandersetzen."

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