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Triumphmarsch, versickert

Das ist Werder-Style: Auswärts gewinnen, zu Hause verlieren. So am Samstag gegen Wolfsburg. Es bleibt das Gefühl, dass das Leben hart ist, und die Frage: Was bitte ist ein Schmunzelhase?

taz ■ Das Leben ist hart. Insbesondere, wenn man Anhänger von Werder Bremen ist. Da spielen die Grün-Weißen eine schier unfassbar gute Hinrunde, woraufhin sie nach Weihnachten alles vergeigen, was man vergeigen kann - inklusive ein 0:1 zu Hause gegen Cottbus. Gegen Cottbus! Um dann mit Fünfzigmetertoren und etwas mehr Glück als Verstand hintereinander die Dortmunder und die Bayern zu schlagen, die seit anderthalb respektive zwei Jahren kein Heimspiel mehr verloren hatten. Zum Verrücktwerden. Aber damit nicht genug.

Vor dem Bundesligaspiel gegen den VfL Wolfsburg bekommen die Treuesten in der Ostkurve eine Kindergeburtstags-Tröte in die Hand gedrückt, die ein Sponsor mit „Wir können nicht singen!" bedruckt hatte. Die Mannschaft auf dem Rasen gibt in der ersten Viertelstunde Anlass, das Gegenteil zu beweisen. Zielstrebig bewegt sie sich auf das Tor der Gäste zu, Lisztes, Ailton und Micoud haben beste Chancen. Die Fans singen also: „Die Nummer eins im Norden sind wir!", die Leistung der Lieblinge animiert gar zum Triumphmarsch aus Aida. Aber dann folgt bis zum Pausenpfiff ziemlich müdes Gekicke. Hoffen auf die zweite Hälfte.

Die beginnt wie die erste, mit viel Werder-Druck, und Ailton vollbringt das Kunststück, den Ball aus einem guten Meter gegen den Pfosten zu köpfen. Die Kurve ist zufrieden und bittet nach einer Viertelstunde die Tribünenbesucher von ihren Plätzen: „Steht auf, wenn ihr Bremer seid!" Ungünstig nur, dass dies für Werders Offensivabteilung scheinbar das Signal ist, jegliche Bemühungen einzustellen.

Es folgen endlose, wenig sehenswerte Fehlpass-Stafetten. Trotzdem ruft der „zwölfte Mann" seinem Team zu: „Walk on, you'll never walk alone!" Aber das klingt nicht wie beim FC Liverpool. Die Ostkurve ist von der legendären Anfield Road mindestens so weit entfernt wie Werder vom internationalen Geschäft. Es kommt, wie es kommen musste: Biliskov murmelt den Ball fünf Minuten vor Schluss nach einer Ecke ins Tor. Jetzt singen nur noch die wenigen Wolfsburger Fußballfreunde und versuchen sich ebenfalls als Verdi-Interpreten.

Als der Schlusspfiff die 33.000 erlöst, walken die Werderspieler dann doch ganz schön alone in die Kabine. Die Kurve hat nur noch Hohn und Spott für sie übrig. Der ewige Treue schwörende Hymnus kommt jetzt vom Band, was die Stimmung auch nicht rettet.

Das versuchte nach Spielschluss Werders Medienbeauftragter Tino Polster mit dem Hinweis auf das bevorstehende Osterfest: „Vielleicht findet ja der ein oder andere Werderaner morgen einen Schmunzelhasen, dann ist das Leben nicht mehr ganz so schrecklich." Und Trainer Thomas Schaaf gab den Seinen für Sonntag und Montag frei: „Sie sollen sich mal um ihre Familien kümmern."

Ob Micoud & Co. ein Schokoladentier in kollektiver Suche aufspüren konnten, ist nicht überliefert. Überraschend war der Spielausgang freilich nicht: Alle haben natürlich schon vorher gewusst, dass Werder zu Hause gegen Wolfsburg nicht als Sieger vom Platz gehen wird, wenn sie vorher in Dortmund und München gewonnen haben. Das ist Werder-Style. Wir werden damit einfach leben müssen. Auch wenn es manchmal hart ist.

Daniel Schalz

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