Daniel Hautmann

Freier Journalist (Technik, Energie, Umwelt), Hamburg

14 Abos und 10 Abonnenten
Artikel

Das Rad, neu erfunden

13gswx1bk2 detail image 90564

auf allen Vieren .... Varibike

Das soll also ein Fahrrad sein? Wo sind die Pedale? Wo ist der Sattel? Immerhin rollt das „ElliptiGo" mit Lenker und zwei Rädern daran - was beweist, dass das Ding durchaus zum Fahren da ist und nicht zum Herumspringen, wie man auf den ersten Blick meinen könnte: Die grüne Farbe und die beiden hoch aufragenden Schenkel lassen nämlich eher an einen Grashüpfer denken.


Ernsthaft: Das „ElliptiGo" ist ein sogenannter Ellipsentrainer für die Straße. Vorwärts geht's, indem der Radler stehend auf- und abtritt, aber nicht in der fürs Fahrrad gewohnten kreisrunden Bewegung, sondern auf einer elliptischen Bahn, ähnlich wie beim Laufen.

Der Ritt auf der Heuschrecke fühlt sich anfangs schräg an, macht aber durchaus Spaß. Dass es deutlich anstrengender als normales Radeln ist, merkt man schon nach wenigen Metern. Das soll auch so sein: Das „Laufrad" ist mehr Fitnessgerät als Fortbewegungsmittel und wurde ursprünglich für Läufer mit Knieproblemen konzipiert.


Fahrräder, die vom üblichen Konzept abweichen, gibt es nun immer mehr - ob als Einrad, Liege- Dreirad oder geländegängiges Expeditionsmobil. Solche Bikes sind schon lange keine Einzelstücke verrückter Schrauber mehr. Viele rollen bereits aus Manufakturen und sind für Interessenten

bestellbar - wenn auch zu teilweise abgefahrenen Preisen.


Hardy Siebecke, Veranstalter von Europas größter Spezialrad-Messe „Spezi", die jedes Jahr im April in Germersheim am Rhein stattfindet, erkennt einen „klaren Trend zu Velomobilen". Diese sind mit einer karosserieähnlichen Verkleidung und oft einem Elektro-Zusatzantrieb bestückt, der es erlaubt, auch weite Strecken zu fahren. „Viele haben sehr schöne Formen und erinnern an Sportwagen", meint Siebecke.

Manche sind zudem ernsthaft rasant unterwegs. Den Geschwindigkeitsrekord unter den von Menschen angetriebenen Fahrzeugen hält derzeit ein Velomobil: das „VeloX3" mit 133,8 Stundenkilometern. Das kann man allerdings nicht offiziell kaufen.

Von einem Sportwagen weit entfernt ist das „Varibike" - auch wenn schon der Preis mit 5000 Euro quasi eine sportliche Herausforderung darstellt. Dafür bietet das Gerät ganz eigene Betätigungsfelder: zum einen für die Arme, die kurbeln, während die Füße in die Pedale treten. Zum anderen für Menschen, die gern auffallen - denn wer hier mit allen Vieren am Rad dreht, dem sind ungläubige Passantenblicke garantiert.

Das Radeln mit Hand und Fuß ist in der Tat ungewöhnlich und bedarf einiger Übung. Und es strengt wahrlich an, wie die schweißtreibende Probefahrt bewies. Laut einer Studie der State University von New Mexico bringt der Fahrer bis zu 31 Prozent mehr Leistung auf die Räder als mit einem gewöhnlichen Bike - wenn er vollen Körpereinsatz bringt.

Alternativ kann er auch nur die Beine oder Hände benutzen. Oder nur eine Hand. Oder alles zusammen. Da kann man schon mal durcheinander kommen, dafür fördert es die Koordination.

Und wer abseits der Straße protzen will, muss nicht mehr Range Rover fahren, sondern kann sich zwischen zwei Stollenreifen gut aufgehoben fühlen. Das „IceFullFat" ist eine Art SUV, nur ohne lärmenden Motor. Das Dreirad - vorne zwei, hinten eins - kommt auf extrabreiten Reifen daher und soll sich weder von Schnee und Eis noch Sandpisten aufhalten lassen. Es hat bereits eine Extremsportlerin zum Südpol gebracht.

Ganz so weit kam unser Autor zwar nicht, dafür schleuderte ihm das martialische Liegerad Lachfalten ins Gesicht - und Schrammen auf die Beine, als er sich beim Power-Slide-Versuch mitsamt dem Gefährt hinlegte.

Wer weniger gebeutelt ans Ziel kommen möchte, könnte mit dem „Whike" fahren. Der niederländische Hersteller montiert an seine Liegeräder Segel. Das ist zwar nichts für den Stadtverkehr. Aber besonders an den Küsten dürfte der Extraschub gut ankommen. Stramme Wadeln gibt's damit aber nicht.

Fitnesstrainer to go Das „ElliptiGo" ist mehr Trainingsgerät als Fortbewegungsmittel. Und die Bewegungen darauf ähneln eher dem Laufen als dem Radeln. Fahrer sollten nicht mehr als 115 Kilo wiegen. Ausstattung und Verarbeitung könnten zu dem Preis allerdings hochwertiger sein. Ein bisschen Sand genügt, und schon knirscht es unangenehm in den Laufschienen.

Einer liegt, einer sitzt Das „Pino Allround" ist ein echtes Multifunktions-Tandem. Der vordere Fahrer fährt Liegerad, der hintere sitzt auf einem gewöhnlichen Sattel. Wahlweise lässt sich das Pino auch zum Transport-Rad umbauen - egal, ob auf Radtour zu zweit oder allein mit dem Zelt.

SUV-Dreirad Das „IceFullFat" wirkt als wahrer Blickmagnet. Das Gerät ist allein schon durch die überdimensionalen Reifen (4,5 Zoll breit) bestens gefedert. Aber Vorsicht: In so einem tiefergelegten Geländemobil wird man im Straßenverkehr leicht übersehen. Also besser ab durch den Wald.

Schneckenhaus auf Rädern Der „Wide Path Camper" dient als Wohnwagen für Leute mit dicken Waden. Er wird einfach ans Fahrrad angehängt und per Muskelkraft gezogen. Erhältlich ist der schicke Camper aus Dänemark ab 3500 Euro.

Hand und Fuß Das „Varibike FR3" hat unseren Autor regelrecht begeistert. Die Kombination aus Hand- und Fußantrieb trainiert so ziemlich alle Muskelpartien. Im Handbetrieb (dabei sind die Hände an den Kurbeln statt am Lenker) ist das Fahren gewöhnungsbedürftig - die Neigungslenkung reagiert hier auf Körperbewegung. Der Aluminiumrahmen made in Germany ist solide verarbeitet, das Gesamtkonzept durchdacht. Kurzum: eine echte Innovation auf dem Radmarkt.

Halb Auto, halb Rad Das „Twike" ist ein vollverkleidetes, dreirädriges Kraftfahrzeug mit 3kW-Elektromotor. Der Pedalantrieb (5-Gang-Nabenschaltung) dient der Unterstützung und erhöht die Reichweite, je nach Akkubestückung, auf bis zu 600 km. Die Bremsen sind eine Kombination: vorn Scheibe, hinten Trommel.

Hoch zu Rad Die Stilnote eins erhalten Hochradfahrer. Dennoch schwingen sich weltweit nur rund 1000 Menschen auf die historischen Drahtesel, schätzt Zdenek Mesicek, einer der wenigen Hochradbauer. Sein „Jubilea Facile" ist ein wahres Meisterwerk aus Stahlrohr: Formen vergangener Tage, viel Chrom und Leder - in jeder Hinsicht ein Hingucker. „Hochradfahren ist weder schwer noch gefährlich, höchstens anders und interessant", wirbt Mesicek.

Zum Original