Daniel Hautmann

Journalist (Technik, Energie, Umwelt), Hamburg

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Kinderstube für Kabeljau

An den Fundamenten von Offshore-Windrädern wie hier im Windpark Borkum-Riffgrund 1 siedeln sich Tier- und Pflanzenarten an. Damit locken sie weitere Arten an, denen sie als Nahrungsquelle dienen.


Von Daniel Hautmann

1500 Windräder stehen in den deutschen Teilen von Nord- und Ostsee, zusammen kommen sie auf eine Leistung von fast acht Gigawatt. Weil das aber nicht genügt, um die Klimaziele zu erreichen, sollen es Ende des Jahrzehnts schon 30 Gigawatt sein, 2040 dann 40 Gigawatt. Auf See wird „der Turbo gezündet", jubelte die Unionsfraktion im Bundestag erst Anfang der Woche, nachdem sie sich mit der SPD über die Ausbauziele für die Offshore-Windenergie geeinigt hatte.

Allerdings wollen nicht alle in den Jubel einstimmen. Naturschützer fürchten vor allem für die Ostsee, dass der Ausbau zulasten bedrohter Arten geht. Und die Fischerei sorgt sich um ihre Fanggebiete - denn Offshore-Windparks sind für Fischkutter tabu.

Sind die Befürchtungen berechtigt? Das haben Wissenschaftler des Thünen-Instituts und des Alfred-Wegener-Instituts in einem zweijährigen Forschungsprojekt untersucht. Das Ergebnis: Die Windparks verändern die Lebensräume tatsächlich. Doch genau davon profitieren manche Arten - was letztlich auch der Fischerei zugutekomme.

80 Windräder bilden ein künstliches Riff: ein Lebensraum für Tiere und Pflanzen

Die Wissenschaftler haben im Rahmen ihrer Studie insgesamt knapp drei Wochen im Offshore-Windpark Meerwind gut 25 Kilometer nordwestlich von Helgoland verbracht. Er wurde 2014 in Betrieb genommen und besteht aus 80 Windrädern, die mit 3,6-Megawatt-Turbinen bestückt sind. Betreiber ist das Unternehmen WindMW aus Bremerhaven, das seit 2016 mehrheitlich zur China Three Gorges Corporation gehört. „Wir waren ganz froh, dass die uns da reingelassen haben", sagt der Meeresbiologe Holger Haslob vom Thünen-Institut gegenüber EnergieWinde. Die Forscher mussten vorher Sicherheitstrainings absolvieren - nur so durften sie auf die Crew Transfer Vessels, mit denen die Wartungsmannschaften zur Arbeit in den Park gebracht werden.

Für ihre Forschung angelten die Wissenschaftler im Windpark, brachten Fangkörbe für Krebse aus und ließen feinmaschige Netze ins Wasser, um Zooplankton und Fischeier analysieren zu können. Vor allem interessierten sie sich für den Kabeljau, dessen Bestände in der Nordsee laut Greenpeace kurz vor dem Kollaps stehen.

Der Kabeljau wird von den Windparks angezogen Holger Haslob, Meeresbiologe

Gerade vor diesem Hintergrund waren die Erkenntnisse der Forscher ermutigend: „Der Kabeljau wird von den Windparks angezogen", sagt Haslob. Der Grund: Der sogenannte Kolkschutz, also die Anhäufung von Steinen an den Fundamenten der Windräder, bildet ein künstliches Riff, in dem sich zahlreiche Arten ansiedeln und so eine Nahrungsquelle schaffen, die weitere Arten anlockt.

Entsprechend befanden sich die im Windpark geangelten Kabeljaue in einem guten Ernährungszustand. Untersuchungen zeigten, dass ihr Nahrungsspektrum viel diverser sei als bei Tieren, die außerhalb des Parks gefangen wurden. In ihren Netzen fanden die Thünen-Forscher zudem Kabeljau-Eier, was darauf hindeute, dass der Kabeljau im Windpark gelaicht hat. Ein eindeutiger Beleg sei es allerdings nicht, betont Haslob: „Dass die Wirkung auf die Entwicklung des Kabeljaubestands positiv ist, ist damit noch nicht bewiesen."

Wenn sich die Bestände in den Parks erholen, blüht auch außerhalb das Leben auf

Die Forscher des Thünen-Instituts - eine dem Bundeslandwirtschaftsministerium unterstellte Behörde - wollten mit ihrer Studie herausfinden, ob Offshore-Windparks eine Chance für die kommerzielle Fischerei bieten. Ihre Ergebnisse legen das nahe: Wenn die Parks eine Kinderstube für zahlreiche Arten sind, dürfte auch außerhalb das Leben aufblühen. Fachleute nennen das Spill-over-Effekt.

Dass Windparks, in denen keine Schleppnetze den Grund umpflügen, Erholungszonen für Fische sind, bestätigen auch andere Wissenschaftler. Für den Biologen Georg Nehls vom Beratungsunternehmen BioConsult SH in Husum ist klar: „Schweinswale, Robben und andere Tiere wissen, dass es dort ein reichhaltiges Nahrungsangebot gibt." Auch für Kim Detloff, Leiter Meeresschutz beim Naturschutzbund Deutschland, ist das Fischereiverbot ein positiver Nebeneffekt der Offshore-Windkraft.

Auch Krebse böten sich für den Fang an - wenn die Nachfrage größer wäre

Bei ihrer Suche nach kommerziell interessanten Arten konzentrierten sich die Forscher aber nicht allein auf den Kabeljau. Sie hielten auch nach Muscheln und Krebsen Ausschau. Fündig wurden sie unter anderem beim Taschenkrebs. Für den gibt es laut Haslob in Deutschland bislang zwar wenig Nachfrage. Doch das könne sich ändern. Jedenfalls beobachte man bereits Fangaktivitäten in der Nähe der Windparks. Und die Forscher liefern im Schlusskapitel ihrer Studie sogar Kochrezepte und Marketingideen mit, etwa für „Austern Rockefeller" oder „Miesmuscheln klassisch".

Kabeljau-Fang in Norwegen: Aus der südlichen Nordsee ist der Fisch weitgehend verschwunden.

Kim Detloff sieht das alles eher kritisch. „Wir brauchen Offshore-Wind, aber nicht grenzenlos", sagt der Nabu-Mann. Die Nord- und Ostsee seien ohnehin schon überlastet. Er warnt daher vor einer „völligen Industrialisierung". Greenpeace-Experte Thilo Maack spricht sich im Interview mit EnergieWinde ebenfalls für größere Schutzgebiete und weniger Fischfang aus. „Fisch sollte eine Delikatesse sein. Und Delikatessen isst man nicht jeden Tag", sagte er.

Aquakulturen vor dem Windpark? In Belgien wird das bereits praktiziert

Thünen-Forscherin Antje Gimpel sieht im Nebeneinander von Fischerei und Energieerzeugung dagegen eine Chance. „Die Frage ist: Welche Vorteile ergeben sich durch die Ausweisung von Flächen für Offshore-Windkraft", sagt sie. „Wir haben simuliert, ob Aquakulturen in der 500-Meter-Zone um die Windparks ökologisch und ökonomisch sinnvoll sein könnten. Für die Muschelzucht trifft das tatsächlich zu." Profitieren könnte dabei auch das Meer, denn die Muscheln reinigen das Wasser, sagt Gimpel. In Belgien gebe es eine solche Form der Co-Nutzung bereits mit der europäischen Auster.

Um all die Fragen abschließend beantworten zu können, brauche es noch viel mehr Forschung, sagt Kim Detloff. Für ihn ist schon heute klar: „Windparks verändern die Lebensräume." Denn eigentlich gebe es in der sedimentgeprägten Nordsee nur wenig sogenanntes Hart-Substrat, also Steinriffs. Die seien zwar für Arten wie den Taschenkrebs oder den Kabeljau vorteilhaft, für andere Arten jedoch seien sie nicht der geeignete Lebensraum, manchmal stellten sie sogar eine Bedrohung dar. Etwa für Borstenwürmer, grabende Krebse oder die Tellermuschel. „Wo Gewinner sind, sind eben auch Verlierer", sagt Detloff - und fordert, sich nicht nur auf die Gewinner zu konzentrieren, sondern auch die Verlierer genau anzusehen.

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