Daniel Hautmann

Freier Journalist (Technik, Energie, Umwelt), Hamburg

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Speedsurfen: Mit 90 Sachen übers Wasser fliegen - SPIEGEL ONLINE

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Wenn ein Hüne wie Antoine Albeau Angst verspürt, dann muss es ernst sein. Seine Hände packen den Gabelbaum noch fester, als seien sie mit ihm verschweißt. Seine Füße zerren an den Schlaufen, als gelte es, diese abzureißen. Gerade hat der Wind, der mit 100 Kilometern pro Stunde übers Meer peitscht, einem anderen Surfer das Segel aus den Händen gerissen – es ist zwei Kilometer weiter durch die Luft gewirbelt.

Doch Antoine Albeau, der 100-Kilo-Mann, hält sein Segel fest. Mit 49,09 Knoten rast er übers Wasser – nicht festgeschnallt in dem Schalensitz eines PS-starken Rennboots, sondern auf einem wackligen Surfbrett. Sein Höllenritt mit mehr als 90 Stundenkilometern macht den Franzosen Albeau an diesem Frühlingstag zum schnellsten Segler der Welt. Später wird er sagen: "Es war wirklich angsteinflößend."

Dabei sind die 49,09 Knoten nicht einmal das Spitzentempo, das Albeau erreicht. Sie sind die Durchschnittsgeschwindigkeit über 500 Meter, die offizielle Distanz, auf der Windsurfer und Segler seit langem um Rekorde wetteifern.

Die Schlacht wird erbittert geführt und technisch immer weiter hochgerüstet. Albeaus Brett ist an diesem stürmischen Tag mehr Wasserski als Surfboard. Es wurde eigens für ihn entworfen, ist über zwei Meter lang, 37 Zentimeter schlank und von Hand gefertigt. In voller Fahrt berührt es nur mit dem letzten Drittel das Wasser, das reduziert den Widerstand. Damit es auf Kurs bleibt, sticht eine 22 Zentimeter lange Finne senkrecht ins Meer, ähnlich wie das Schwert bei Segeljollen. Als Triebwerk dient ein 4,8-Quadratmeter-Segel aus reißfestem Monofilm, das von einem ultradünnen Kohlefasermast in Form gehalten wird.

Hightech aus der Bastelecke. Bei der Entwicklung ihrer Rennbretter setzen die Surfer vor allem auf Erfahrung und Gefühl – systematische Experimente im Strömungskanal haben bislang kaum Verbesserungen gebracht. "Die Bedingungen auf dem Wasser, wo Scherwinde, Strömungen und Temperaturunterschiede herrschen, scheinen einfach zu komplex zu sein, als dass man sie im Labor nachbilden könnte", sagt Stephan Gölnitz vom Surf-Magazin. "Vor allem aber fehlt der Faktor Mensch."

Und der erweist sich als einfallsreich: Im Kampf um Hundertstelsekunden experimentieren die Athleten mit asymmetrischen Segeln, die nur auf einer Seite den Wind einfangen und Vortrieb entwickeln. So kann der Luftwiderstand verringert werden. Bislang erbrachte das aber noch keine Rekordzeiten. Wichtiger scheinen da die Finnen zu sein: Manche der inzwischen rasiermesserscharfen Minischwerter werden bereits asymmetrisch konstruiert. Dadurch können sie dünner gebaut werden, was den Widerstand im Wasser senkt.

Mit einer derart optimierten Ausrüstung will Antoine Albeau als Erster die 50-Knoten-Grenze knacken – die "Schallmauer", wie die Highspeed-Segler sagen. Mit dieser Sehnsucht ist er nicht allein. Etliche Profisurfer und auch einige Jacht-Crews haben dasselbe Ziel. Und dieselben Probleme namens Kavitation und Ventilation. Wenn das Wasser mit extremer Geschwindigkeit um die Finnen zischt, bildet sich lokal starker Unterdruck. Gasblasen entstehen wie aus dem Nichts. "Das Wasser kocht förmlich, bleibt aber kalt", sagt der Strömungsmechaniker Uwe Hollenbach von der Hamburgischen Schiffbau-Versuchsanstalt. "In diesen Kavitationsblasen verlieren die Finnen ihre Wirkung. Ähnlich bei der Ventilation. Hierbei wird Luft unter das Brett gesaugt, die Finnen sind von winzigen Bläschen umschlossen und bieten keine Führung mehr. Die Folge: Kontrollverlust und böse Stürze. Bei solchen Geschwindigkeiten tut das Wasser nicht nur weh, es kann Knochen brechen.


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