Daniel Hautmann

Freier Journalist (Technik, Energie, Umwelt), Hamburg

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Die Windräder heben ab

Die Windräder heben ab

Was vermuten Sie in 2465 Metern Höhe in den Schweizer Alpen? Einen Skilift? Nein: ein Windrad. Es ist Europas höchst gelegener Dreiflügler. Genau genommen kommt er sogar auf 2585 Meter. Denn das Maschinenhaus sitzt 85 Meter hoch auf dem Turm und jeder Flügel ist 35 Meter lang.
Die Windturbine in den Schweizer Alpen ist exemplarisch für eine ganze Branche. Die nämlich bricht in immer neue Regionen auf, knackt immer neue Rekorde. Während die Offshore-Windkraft nicht so richtig in Schwung kommt, bietet sich an Land noch enormes Potenzial, das sich viel leichter erschließen lässt. Wie gigantisch das Potenzial ist, zeigen die gerade veröffentlichten Zahlen der Universität Stanford und Newark: allein an Land ließen sich weltweit 80 Terawatt aus Windgeneratoren erzeugen – das ist das Siebenfache des Energieverbrauchs der gesamten Menschheit im Jahr 2030.

Davon sind wir allerdings noch weit entfernt. Bislang stehen weltweit Propeller mit zusammen 240.000 Megawatt – also ein Bruchteil des Möglichen. Doch täglich werden es mehr. Die Energieversorger nehmen zunehmend jene Standorte in den Fokus, die bislang als zu schwierig für den Bau von Windrädern galten: Gebirgsregionen, arktische Gefilde, abgelegene Standorte in Mitteleuropa. Unterdessen entwickeln die Hersteller der Windräder maßgeschneiderte Anlagen für die jeweiligen Standorte und passen die Transporttechniken an.

So kam auch bei dem Schweizer Windrad auf 2465 Meter Höhe Spezialgerät zum Einsatz. Mit einem „Tausendfüßler“ transportierte der Auricher Hersteller Enercon die 2,3 Megawatt starke Anlage auf den Berg. Das ist ein ferngesteuerter Tieflader mit mehreren lenkbaren Achsen, dessen viele Räder die Last gut verteilen. Nur so konnten die schweren Riesenteile die Serpentinen bewältigen. Gewöhnliche LKW wären nicht um die Kurven gekommen und hätten die Straßen zu stark belastet.

Noch kniffliger wurde es bei den drei Rotorblättern. Die sind zwar nicht so schwer, aber mindestens so umständlich durch Haarnadelkurven zu fädeln, wie Omas alte Kommode durchs enge Treppenhaus. Deshalb wurden sie auf einem speziellen Kippblock transportiert. Mit ihm lässt sich das Blatt während der Fahrt hydraulisch in die Horizontale schwenken; so kracht es in den Kurven nicht gegen den Berghang.

Doch das Transportieren und Errichten ist nur die halbe Miete. Die andere Hälfte ist der Betrieb eines Windrads an solch einem exponierten Standort. Das Klima auf 2500 Metern ist gnadenlos. Die Winter sind kalt und lang, Sturmböen und Turbulenzen sind an der Tagesordnung. Da muss alles einwandfrei funktionieren, denn man kann nicht „mal eben“ einen Techniker hinschicken.

Damit die Anlage auch bei harschen Minusgraden verlässlich arbeitet, sind die Rotorblätter mit einer Heizung ausgestattet: überdimensionale Heizlüfter pusten Luft in die Flügel. Das verhindert das Anfrieren von Eis. Denn vereiste Rotoren vermasseln die Effizienz: Einerseits laufen sie wegen des ungleich verteilten Gewichts unrund und beschädigen damit die Mechanik, andererseits stört Eis die Aerodynamik ...