Daniel Hautmann

Journalist (Technik, Energie, Umwelt), Hamburg

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Aktive Sterbehilfe

2019: Massenentlassungen und Werksschließungen: Tiefpunkt der Windindustrie

Wer nach dem Horrorjahr 2018 denkt, dass es nicht mehr Schlimmer kommen könne, sieht sich 2019 eines Besseren belehrt. Nach einer Analyse der Fachagentur WindEnergie an Land gehen von Januar bis Ende September 2019 nur 148 Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von 507 Megawatt ans Netz.


Der Windradhersteller Senvion mit weltweit 4000 Mitarbeitern, 2000 davon in Deutschland, meldet im April Insolvenz an. Auch Branchenriesen wie Nordex oder Siemens-Gamesa streichen Stellen. Im November kündigt Enercon an, 3000 Arbeitsplätze abbauen und Standorte ins Ausland verlagern zu wollen.


Und eine Besserung ist nicht in Sicht. Zwar lädt Altmaier bereits im September zu einem „Windgipfel", der Wege finden soll, um die Akzeptanz der Windkraft in der Bevölkerung zu erhöhen, den Ausbau zu beschleunigen und der Branche aus der Krise zu helfen. Doch passiert ist bislang nichts.


Mehr noch: Im aktuellen Entwurf zum Kohleausstiegsgesetz sieht das Bundeswirtschaftsministerium einen Mindestabstand von Windrädern zu Siedlungen von einem Kilometer vor - selbst dann, wenn es sich um Kleinstsiedlungen handelt. Das würde die zur Verfügung stehenden Flächen für Windparks dramatisch eingrenzen.

Die Reaktionen von Branche, Industrie, Opposition und Umweltverbänden sind entsetzt. Altmaier hole zum „Todesstoß" gegen die Windkraft aus, schreibt WWF-Klimaexperte Michael Schäfer. Einen wahren Brandbrief erhält Altmaier kurz darauf von BDI, DGB, BWE und VDMA: „Die geplanten Einschränkungen der Windenergie an Land stellen die Realisierbarkeit sämtlicher energie- und klimapolitischen Ziele der Bundesregierung in Frage." Der Ausbau werde durch das Gesetz „massiv erschwert, unter Umständen sogar zum Erliegen kommen".


Es kommt ausgesprochen selten vor, dass die Stellungnahmen von Umwelt- und Industrieverbände zu einem Gesetzesvorhaben des Bundeswirtschaftsministeriums einander so sehr ähneln. Auch das zeigt, wie dramatisch die Lage in der deutschen Onshore-Windenergie inzwischen ist.




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