Daniel Hautmann

Journalist (Technik, Energie, Umwelt), Hamburg

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Wind ohne Kraft

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Während die CO2-Konzentration steigt, stockt der Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland. Die Kapazität der Windkraft droht sogar zu sinken. Wie konnte das passieren?



Im vergangenen Jahr lieferten 30000 Windräder rund 20 Prozent des in Deutschland verbrauchten Stroms. Glaubt man den Ankündigungen der Bundesregierung, wird der Anteil in den nächsten Jahren gewaltig steigen. In Wahrheit weht in Berlin aber ein anderer Wind. Wenn es schlecht läuft, schrumpft der Windkraftwerkspark ab 2021. Dann nämlich fallen die ersten Anlagen aus der Förderung, ohne die sich ihr Betrieb oft nicht mehr lohnt. In den Folgejahren bis 2026 summiert sich die Leistung der altersbedingten Abschaltungen auf bis zu 17 Gigawatt - damit ist knapp ein Drittel der derzeit installierten Gesamtleistung in Gefahr. Das alles wäre nicht weiter schlimm, würden genug neue Anlagen gebaut. Doch Konstruktionsfehler im Regelwerk zur Vergabe der nötigen Lizenzen drohen, das zu verhindern.

Nötig wäre genau das Gegenteil: Der jüngste Report des Weltklimarats IPCC legt nahe, dass wir bis 2040 komplett klimaneutral sein müssen. „Um das zu schaffen, müssten wir die Erneuerbaren um den Faktor drei bis vier ausbauen", sagt Volker Quaschning, Fachmann für regenerative Energien an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Und um wenigstens die Ziele der Bundesregierung für 2030 zu erreichen, bräuchte es einen jährlichen Zubau von 4500 bis 5000 Megawatt Windenergie an Land, lässt der Bundesverband Windenergie wissen.

Warum sind wir, das Energiewende-Musterland, so vom Kurs abgekommen? Mangel an Fläche kann es nicht sein, davon ist jedenfalls die Umweltstiftung WWF überzeugt. Im Dezember stellte sie eine Studie zum Erneuerbaren-Ausbau in Deutschland vor. Darin heißt es: Rund 2,5 Prozent der Landesfläche werden benötigt, um den Strombedarf vollständig mit Erneuerbaren zu decken. Einbezogen haben die Autoren dabei, dass nahezu alle Dächer mit Photovoltaik bedeckt sind.

Auch Ernüchterung auf Seiten der Technologie fällt als Ursache aus. Denn hier sind deutliche Fortschritte zu erwarten. Windkraftexperte Po-Wen Cheng von der Universität Stuttgart schätzt die Chance, dass die Mühlen noch deutlich kraftvoller werden, als hoch ein: „Es wird viel mehr Automatisierung geben. Es entstehen neue technologische Optionen, etwa supraleitende Generatoren, die viel leistungsstärker und kompakter sind. Genauso Rotorblätter, die sich an die Windverhältnisse anpassen, also in der Länge und im Profil variabel sind".

Eine bessere Erklärung ist da schon der schleppende Netzausbau. „Es gibt Tage, da wollen mehr Autos auf die Autobahn als draufpassen", sagt Ulrike Hörchens vom Netzbetreiber Tennet. Und so passiert es, dass an windigen Tagen etliche Windräder still stehen. Die Windmüller verdienen dann trotzdem. 2017 betrugen die Entschädigungssummen für abgeregelte Windkraft und Photovoltaik 573 Millionen Euro, wobei über 90 Prozent auf die Windsparte entfielen. Weshalb sollten also noch mehr Mühlen errichtet werden, bevor neue Stromtrassen gebaut sind?

Das Hauptproblem am lahmenden Windkraftausbau ist allerdings eine Mischung aus steigenden Auflagen und handwerklich schlecht gemachten Gesetzen. Beginnen wir mit den Auflagen. Heutige Megawindräder sind rund 200 Meter hoch und haben einen Rotordurchmesser von bis zu 150 Metern. Sie sind Giganten, die sich zudem Schritt für Schritt über ganz Deutschland verteilen, in Wäldern und auf Hügelkuppen stehen. Bei dieser Allgegenwart wollen auch immer mehr Gruppierungen mitreden - von der Flugsicherung über die Bundeswehr bis zu Naturschützern und Anwohner-Initiativen.




Dieser Artikel-Ausschnitt ist der Print-Ausgabe 02/2019 von Technology Review entnommen. Das Heft kann, genauso wie weitere Ausgaben, im heise shop bestellt werden. Heft im heise-Shop kaufen

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