Daniel Hautmann

Journalist (Technik, Energie, Umwelt), Hamburg

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Artikel

Nur Fliegen ist schöner

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Virtual Reality

Täuschend echt: Testflug im Virtual-Reality-Simulator in der Schweiz.



Glück gehabt. BirdlyBeinah wäre ich mit meiner rotbraunen Schwinge an der Fassade des Wolkenkratzers hängen geblieben. Ich hätte abstürzen und mir die Flügel brechen können. Doch ich schwebe über Manhattan, sehe den Times Square, Central Park, und ich stürze mich in die Straßenschluchten. Pures Adrenalin. Der Wind pustet in mein Gefieder, als der Boden näher kommt und mein Schatten über die Straße gleitet: die Silhouette eines Greifvogels.


Greifvogel? Wer sich in den Simulator „Birdly" schnallt, verlässt den Boden der Tatsachen und hält sich für Federvieh. Zurück in die Realität geht's schneller, als einem lieb ist. Nach zwei Minuten endet der Ausflug. Dann ist der Vogel blind - die Virtual-Reality-Brille Oculus Rift schaltet auf Schwarz. Leicht verwirrt begreift man endgültig, dass der Flug nur vorgetäuscht war. Täuschend echt.


Traum vom Fliegen wahr machen

Genau das wollten die Birdly-Macher. Ein Gerät bauen, das einem suggeriert, man könne fliegen. „In die Illusion eintauchen, möglichst viele Sinne einbeziehen", sagt Max Rheiner, Startup-Gründer und Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste. Dort hat er mit Kollegen den Birdly entwickelt - um den Traum vom Fliegen scheinbar wahr zu machen. „Die Idee war, selbst zu fliegen, statt eine Maschine zu steuern", sagt Rheiner.


Erst seit Kurzem sind solche Anwendungen möglich. Zwar forschten Wissenschaftler schon in den 1980er-Jahren an der Illusion, doch die Rechnerkapazität, die Display-Auflösung und vor allem die Virtual-Reality-Brillen waren damals wenig entwickelt. Das hat sich geändert. „Jetzt kann man Erlebnisse generieren", sagt Rheiner. Doch mit guter Grafik allein ist es nicht getan. Werden uns nur virtuelle Bilderwelten gereicht, wird uns übel. „Der Körper interpretiert das als Gift", sagt Rheiner. Deshalb müsse man sich synchron zu den Bildern bewegen.


Fliegen auf dem Zahnarztstuhl

Den Simulator kann man auch kaufen - zum Preis eines Mittelklassewagens. Rheiner und sein Team haben mit der Technik aber noch mehr vor: nämlich eine virtuelle Welt zu generieren, die den Probanden mitnimmt, eintauchen lässt und ihm so Informationen liefert. Schon bald könnte Virtual Reality (VR) ganze Branchen revolutionieren: Medien, Medizin, Bildung. „Das hier ist nur der Anfang", sagt Rheiner.


Seine Maschine erinnert an einen Zahnarztstuhl. Allerdings liegt man bäuchlings auf den gepolsterten Flächen, setzt sich Kopfhörer und VR-Brille auf und taucht ein in die virtuelle Realität. Der „Zahnarztstuhl" folgt den Bewegungen der Hände oder besser gesagt: der Flügel. Stellt man die Flügel an, so lenkt der Simulator den Körper in die Kurve. Steuert man nach unten, so fühlt sich das auch exakt so an - je nach Fluggeschwindigkeit pustet der Ventilator mal stärker, mal schwächer.


Da Vinci in Wien

„Der Birdly ist ein Forschungsprojekt, eine Plattform, die zeigt, was technisch möglich ist", sagt Rheiner. „Wir geben taktiles Feedback, Bewegungen, Fahrtwind, selbst Gerüche sind möglich." Einzig das Gefühl für die Beschleunigung ist noch verbesserungswürdig.


Auch Horst Eidenberger von der Technischen Universität in Wien will den Traum vom Fliegen wahr machen: Doch statt sich in einen Vogel zu verwandeln wie in Zürich, landet man bei ihm per Fallschirm in Wien.


Von außen lässt der drei mal drei Meter große „Jump Cube" wenig Hightech vermuten. Ein Stahlblechklotz, von der Decke baumeln Seile und Karabinerhaken. Am Boden stehen zwei Ventilatoren, die leise surren. „Das hier ist alles Lowtech", sagt Eidenberger. Keine Hydraulik. Keine Motoren. Bis auf die VR-Brille greift er nur auf simple Mechanik zurück. Es könnte auch eine Apparatur von Leonardo da Vinci sein.


Ich ziehe einen blauen Overall an, zwänge mich ins Gurtzeug, erklimme eine Rampe und werde in die Seile geklinkt. Als ich Brille und Kopfhörer aufsetze, stehe ich an der Luke eines Flugzeugs und schaue auf Wien - aus 15 000 Meter Höhe. Wolken rasen vorbei, der Wind pfeift, die Motoren dröhnen. Ich bekomme eine kurze Einweisung: Sobald der Bildschirm grün leuchtet, springe ich.


Ich krache in die Seile. Es zupft an Armen und Beinen. Ich rase auf Wien zu. Der Wind bläst mir jetzt voll ins Gesicht. Doch die Illusion ist wenig gelungen: grobe Bildschirmauflösung. Von Beschleunigung keine Spur. Ich baumle an den Seilen, höre Stimmen um mich, merke, wie jemand an meinem Gurtzeug rüttelt und mir weismachen will, dass ich in der Luft bin. Als ich ein Gewitter durchfliege, wird es feucht; ein Mitarbeiter sprüht Wasser in die Ventilatoren. In der Tat: alles Lowtech.


Kurz vor dem Boden öffnet sich mein Schirm. Jetzt kurbelt ein Helfer ratternd an einer Seilwinde und zieht mich in die Senkrechte. Meine Füße berühren den Boden, obwohl mich die VR- Brille noch schweben lässt. Lenken oder bestimmen, was ich sehe, kann ich nicht - es ist das Gegenteil von Adrenalinrausch. Ich wünschte, ich steckte wieder im Federkleid des Greifvogels.




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