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Vergessenes Kind

Im Februar 1956 richtet William Graham, angehender Bauingenieur in San Francisco, ein Schreiben an den deutschen Staat. Darüber steht: „Lebenslauf (Verfolgungshergang)“. Weiter, auf Englisch: „Ich wurde am 8. Januar 1931 in Berlin, Deutschland, geboren und erhielt den Namen Wolf (Wolfgang) Wolodia Grajonca. Mein Vater, der Bauingenieur war, starb kurz nach meiner Geburt. Ich war der einzige Sohn und das jüngste von sechs Kindern. Meine Mutter war nicht imstande, zugleich ihr Gewerbe zu unterhalten und sich um all die Kinder zu kümmern.“ Als kleinen Jungen habe sie ihn in ein Kinderheim gegeben. 1939, „als die umfassende Verfolgung des jüdischen Volkes begann“, sei er mit anderen jüdischen Kindern mit einem Zug nach Nordfrankreich gebracht worden.

Dem Lebenslauf, der sich in Grahams Entschädigungsakte beim Berliner Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten findet, legt er sein letztes deutsches Zeugnis bei, ausgestellt im März 1939 von der I. Privaten Knaben-Volksschule der Jüdischen Gemeinde Berlins. In Heimatkundlicher Anschauung erhält Wolfgang Grajonca eine Drei, in Deutsch nur eine Vier. Besser liegen ihm Rechnen, wo ihm eine Zwei gelingt, und Turnen, eine glatte Eins. In Musik bekommt der Junge aus der 2b, der einmal der bedeutendste Impresario der Rockgeschichte werden soll, eine Zwei. (...)

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. Januar 2021.

Volltext online: https://zeitung.faz.net/faz/feuilleton/2021-01-02/936a0b8978935995c6332441c1725709/?GEPC=s9