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Bürgerrechtler, umgedeutet: Was würde Martin Luther King tun?

Unter amerikanischen Christen gibt es den Slogan „What would Jesus do?": Was würde Jesus tun? Wenn eine schwierige Entscheidung bevorsteht, bemüht man eine theologische Hochrechnung und lässt Jesus das Steuer übernehmen. Ähnliches lässt sich beobachten, wenn jetzt angesichts der antirassistischen Proteste reflexhaft gefragt wird: Was würde Martin Luther King tun?

Amerikas erinnerungspolitischer Anspruch an die Bürgerrechtsbewegung ist überparteilich. Mehr als 950 Straßen sind nach Martin Luther King benannt, seit 1986 hat er einen eigenen Feiertag. Als Donald Trump sich 2017 mit Papst Franziskus traf, schenkte er dem Kirchenoberhaupt ein Box-Set mit Kings Schriften. Der Deckel, goldverziert, trug das Siegel des Präsidenten.

Doch nicht erst seit diesem Frühjahr muss King auch zur Diskreditierung von Aktivisten herhalten. Der Republikaner Mike Huckabee erklärte 2015, dass King über „Black Lives Matter" wohl „entsetzt" gewesen wäre. Als 2016 Alton Sterling und Philando Castile von Polizisten erschossen wurden und Demonstranten daraufhin in Atlanta eine Autobahn blockierten, sagte Bürgermeister Kasim Reed: „Dr. King würde niemals eine Autobahn besetzen" - was dieser, etwa in Selma, allerdings mehrfach getan hatte.

Reeds Nachfolgerin, Keisha Lance Bottoms, deren Stadt gerade wiederum in Aufruhr ist, nachdem am Freitag ein Polizist den schwarzen Rayshard Brooks erschossen hat, erklärte zuletzt, Plünderungen seien „nicht im Sinne Martin Luther Kings". Und der Bezirksstaatsanwalt von Philadelphia, Larry Krasner, sagte: „Es gibt Proteste, die meisten davon friedlich, und es gibt opportunistische Straftaten (...). Martin Luther King hat das nicht getan."

Was hat er getan? In ihrem Buch „A More Beautiful and Terrible History: The Uses and Misuses of Civil Rights History" beklagt die Historikerin Jeanne Theoharis eine Entpolitisierung von Bürgerrechtlern wie King und Rosa Parks: „Man hat diese beiden Freiheitskämpfer in Thanksgiving-Umzugsballons umfunktioniert - überlebensgroß schweben sie über uns; ungefährliche, glückliche Patrioten." Kings Forderungen würden geglättet, indem sie auf die Jim-Crow-Südstaaten reduziert würden, während etwa seine Kritik der strukturellen Polizeibrutalität im Norden unerwähnt bliebe. In seinem „Brief aus dem Gefängnis von Birmingham" hatte King 1963 nicht etwa den Ku-Klux-Klan, sondern die apathische politische Mitte als größtes Hindernis ausgemacht: „Wir brauchen keine Verbündeten, denen mehr an Ordnung liegt als an Gerechtigkeit."

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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Juni 2020.

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