Claudia Wiggenbröker

Freie Journalistin | Wirtschaft und Wissenschaft

2 Abos und 0 Abonnenten
Artikel

Gut vernetzt

Ein Haarnetzfabrikant hatte Absatzschwierigkeiten, eine junge Tschechin eine Geschäftsidee. Aus dem Nichts schaffte es der „Netbag“ auf die It-Listen der Modemagazine. 

Um in den Showroom des kleinen Netztaschen-Imperiums zu gelangen, muss die Besucherin eine Klingel drücken. Dann öffnet Karolína Pechová die Tür - und sofort wird ihr Erfolgsgeheimnis sichtbar: Farben. Vor den weißen Wänden im Prager Verkaufsraum stapeln sich rosarote, gelbe oder türkise Knäule, und auch Pechová selbst ist farbenfroh: Mit leuchtend roten Haaren und einem knallbunten T-Shirt lässt sie sich auf einem grellgrünen Sofa nieder. „Meine Idee? Das Geschäft so ähnlich aufzuziehen wie der Erfinder der Netze", erläutert sie bei einer Tasse Tee. 

„Auch Vavrin Krcil hatte ja schon verschiedene Modelle im Angebot." Der richtige Beutel für jede Gelegenheit: zum Einkaufen der Klassiker, zum Ausgehen eine modische Variante - so habe es auch der Taschenpionier gehalten.

Und Karolína Pechová, 36 Jahre, ist so etwas wie die unternehmerische Erbin des Erfinders, dessen aus der Not geborene Idee in Zeiten des zunehmenden Mehrwegbewusstseins nicht nur in Tschechien eine Renaissance erfährt.

Wie alles anfing? Der Schöpfer der luftigen Einkaufsbeutel leitete in den 1910er Jahren eine Haarnetz-Manufaktur in dem Städtchen Zdar nad Sázavou, das knapp zwei Autostunden von der Hauptstadt Prag entfernt im Zentrum des Landes liegt. „Ein kleines Unternehmen mit gutem Ruf, das auch ins Ausland verkauft hat", erzählt Karolína Pechová. 

Vor etwa 100 Jahren sei der Haarnetz-Produzent allerdings in eine Krise geraten: Mit den 20er Jahren wurde der Bubikopf modern - und der Bedarf an Haarnetzen, die lange Haare aus Schönheits- oder Hygienegründen bändigen sollten, nahm ab. Dazu überschwemmten auch japanische Produzenten den Markt, erfährt man im Heimatmuseum der ehemaligen Netzmetropole. Oder mit Karolína Pechovás Worten: „Der Mann hatte einfach kein Business mehr." (...)


Zum Original