Claudia Mende

Journalistin, Dozentin, München

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Artikel

Welche Rechte hat eine arabische Christin?

Welche Rechte hat eine arabische Christin?

Orientalische Kirchen teilen meist die konservativen Werte der islamischen Welt. Doch die arabischen Christinnen wehren sich zunehmend gegen Bevormundung. Sie kämpfen für Gleichberechtigung

Anders als in Europa haben die Religionsgemeinschaften im Nahen Osten und in Nordafrika noch große Macht über das Leben ihrer Mitglieder. Denn die Staaten überlassen es den Religionen, Fragen von Eheschließung, Scheidung, Sorgerecht und Erbschaft selbst zu regeln. Islamische beziehungsweise kirchliche Würdenträger entscheiden so über wichtige Fragen im Leben des Individuums.

So brauchen Christen zur Heirat den Segen der Kirche, denn eine Zivilehe gibt es bisher nicht - außer in Tunesien. Scheitert eine Ehe, fangen die Probleme an. Orientalische Kirchen akzeptieren Scheidung nur in eng gefassten Ausnahmen, zu denen Ehebruch oder der Übertritt eines Partners zum Islam zählen. Das führt dazu, dass es für arabische Christen fast unmöglich ist, sich legal scheiden zu lassen. Selbst wer die Scheidungsurkunde in der Hand hält, hat weitere Hürden vor sich, wenn er oder sie noch einmal heiraten will. Denn ohne eine kirchliche Erlaubnis ist das unmöglich.

Die ägyptische Journalistin Karima Kamal schreibt über die Not von Paaren, die nicht mehr zusammenleben können, jedoch gezwungen sind, jahrelang beieinander zu bleiben. Kamal zählt zur Minderheit der Kopten. Sie bilden zehn Prozent der Ägypter. "In puncto Scheidung handelt die koptische Kirche zu engstirnig", sagt sie. Das müsse dringend geändert werden. 2016 entschied eine koptische Synode zwar, dass nicht nur nach Ehebruch oder Glaubenswechsel, sondern auch nach einer Trennungszeit von drei oder fünf Jahren - wenn Kinder vorhanden sind - eine Scheidung möglich sei. Doch das reicht vielen Kopten längst nicht.

Sie machen seit dem Arabischen Frühling 2011 Druck. Mit Kampagnen werben Gruppen wie "Copts 38" oder "Right for Life" für die Zivilehe. Es gibt Protestaktionen in Kirchen und öffentliche "Scheidungspartys" von Betroffenen, wenn diese oft nach jahrelangem Tauziehen ihre Beziehungen auch offiziell beenden dürfen.

In Jordanien, wo nur rund drei Prozent der Bürger Christen sind - meist griechisch-orthodox -, kämpft seit 2019 die Vereinigung Young Women's Church Association. Sie findet viel Resonanz. Bei landesweiten Treffen sprachen Frauen kritisch über das Kirchenrecht und seine Folgen. Viele hätten ihrem Unmut Luft gemacht, sagt die Anwältin Lina Khader. Sie vertritt im Auftrag von Menschenrechtsorganisationen wie Sisterhood is Global und und Mizan Law Group Christinnen, die sich trennen wollen, vor den kirchlichen Gerichten.»Für uns in Jordanien ist das ein großes Thema«, sagt Khader. Die Verfahren vor den kirchlichen Gerichten seien undurchsichtig, extrem langwierig und kostspielig, kritisiert sie. Für eine Scheidung müsse man mit bis zu 10 000 Euro Gerichts- und Anwaltskosten rechnen. In Jordanien, wo ein Lehrer keine 500 Euro im Monat verdient, ist das ein Vermögen. Die Richter seien fast alles Männer, von den Bischöfen eingesetzt. Ihnen fehle es an Verständnis für die Lebenswelt von Frauen. Anzeige Der Synodale Weg: Jetzt ist Mut gefragt Wahre Gleichberechtigung der Frau in der Kirche, die Stellung des Priesters und die Frage der Machtverteilung ... /mehr Angesichts der steigenden Zahl von Scheidungswilligen seien die Kirchengerichte zwar manchmal bereit, auch andere Gründe als Ehebruch und Abfall vom Glauben zuzulassen, erklärt die Anwältin. Doch beim Sorgerecht für die Kinder wird es ganz schwierig. Hier folgen die Kirchen der traditionellen islamischen Auffassung, dass die Väter die entscheidenden Weichen in Erziehung und Ausbildung stellen. Sie habe schon erlebt, dass vor Kirchengerichten darum geschachert wird, bei wem die Kinder bleiben dürften, berichtet Khader. Immerhin, etwas Bewegung gibt es vonseiten der Hierarchie. 2019 hat der umstrittene griechische Patriarch Theofilos eine Reform der Eheprozesse angekündigt. Auch bei den mit Rom verbundenen unierten Kirchen werden Verbesserungen diskutiert. Spruchreif ist das alles aber noch nicht.Unter dem rigorosen Scheidungsrecht leiden natürlich auch Männer. Doch die Frauen sind vielfach benachteiligt, auch beim Erbrecht. Nach islamischem Recht hat eine Frau nur Anspruch auf die Hälfte dessen, was einem männlichen Verwandten zusteht. Dass auch manche Kirchen bei Erbstreitigkeiten islamisches Recht anwenden, erbost viele Christinnen. Vor allem wenn es um Grund und Boden gehe, würden viele christliche Männer auf der islamischen Regelung beharren, sagt Anwältin Lina Khader. Es sei nicht der Staat, der die Kirchen hierzu verpflichte. Vielmehr seien die Kirchen in sozialen Fragen genauso konservativ wie die Vertreter des Islam.In Ägypten war die koptische Anwältin Huda Nasrallah in ihrem Erbstreit erfolgreich. Dies erregt Aufsehen. Ihr Vater hinterließ Nasrallah und ihren zwei Brüdern ein Haus. Ihre Brüder seien durchaus bereit, fair mit ihrer Schwester zu teilen, betont Nasrallah. Aber als Anwältin wollte sie das von einem Gericht bestätigen lassen. Es sei nicht einzusehen, dass ihr nur die Hälfte zustehe. In Ägypten werden solche Erbkonflikte vor staatlichen Gerichten jedoch je nach Religion geregelt. Nasrallah zog vor Gericht und verlor in zwei Instanzen. Im November 2019 aber gab ihr ein Berufungsgericht in Kairo recht.»Viele koptische Männer ziehen es vor, von den islamischen Gesetzen zu profitieren«, sagte Nasrallah in einem Interview mit dem Sender Al Jazeera. Aber die koptische Kirche ist nicht gezwungen, für ihre Gläubigen islamisches Erbrecht anzuwenden. Ob das Urteil im Fall Nasrallah ein generelles Umdenken in der koptischen Kirche bewirkt, muss sich erst noch zeigen.Das Urteil wurde auch von Muslimen in der Region aufmerksam verfolgt. Denn auch unter ihnen gibt es Stimmen, die ein faires Erbrecht und eine Zivilehe fordern. So hat erst vor Kurzem Libanons Innenministerin Raya Al-Hassan, eine sunnitische Muslimin, die Einführung einer Zivilehe gefordert. Die Reaktionen kamen prompt. Der maronitische Patriarch und der oberste Mufti im Land lehnten den Vorschlag kategorisch ab. Doch die Tabus sind längst gebrochen.



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