Claudia Kohler

Journalistin, Ostfildern (Stuttgart)

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Feature

Wie die Digitalisierung unsere Beziehungen verändert

Noch nie war es so leicht, seine Mitmenschen zu erreichen: ein paar schnell getippte Worte, ein Foto, manchmal nur ein oder zwei Klicks – schon besteht eine Verbindung. Für Papst Franziskus ist das nicht genug: »Besonders junge Menschen sind anfällig für die Illusion, dass die Sozialen Netzwerke ihnen in Sachen Beziehungen alles geben könnten, was sie brauchen.« Die Digitalisierung bringt viele neue Dynamiken in unser sensibles Beziehungsgefüge. Die Veränderungen können zu mehr Kontakt und Kommunikation, aber auch zu größerem sozialen Druck, Misstrauen und Einsamkeit führen. Wenn unser Miteinander zunehmend im digitalen stattfindet, was verändert sich zwischen uns? 

 

Auf einem Feldweg, mit Blick in die hügelige Landschaft um Ehingen, stoppt Lorena Schächinger ihren Laufschritt. Sie streicht sich die Haare aus dem Gesicht und holt ihr Smartphone aus der Tasche der Sportjacke. Fröhlich lächelt sie in die Front-Kamera, zwei, drei, vier Mal, dann ist sie mit dem Ergebnis zufrieden. Nach einer Minute ist das Foto gepostet; Lorena Schächinger joggt weiter.

Seit einem Jahr lässt die 28-Jährige aus Ehingen ihre Follower auf Instagram und Youtube an ihrer Sportbegeisterung und auch an ihrem privaten Leben teilhaben. Die Bilder und Videos zeigen die durchtrainierte junge Frau beim Laufen, im Handstand oder beim Zirkel-Training. »Ich finde es toll, dass andere Leute etwas daraus mitnehmen können«, sagt Lorena Schächinger über ihre Posts. »Aber natürlich mache ich es auch für die Likes, für die Komplimente und die Aufmerksamkeit. Jeder, der etwas anderes behauptet, ist nicht ehrlich zu sich selbst.«

 

»So würde ich gern aussehen«

 

Die Reaktionen haben die Einzelhandelskauffrau schon oft überrascht. Zum Beispiel, als ihr Chef verrät, dass er ihr folgt. Oder als sie von einem Fitness-Coach angeschrieben wird, der sie in sein Team aufnehmen möchte. »Das habe ich abgelehnt, das ist nicht meine Art«, sagt Lorena Schächinger. »Ich bin gar nicht der Mensch, der auf andere zugeht oder Fremden etwas zeigen oder erklären will.« Wenn ein Post mal nicht so gut läuft, sucht die 28-Jährige Anregungen in anderen Fitnessvideos, etwa von Influencerin Pamela Reif. »Klar denke ich dann: So würde ich das gerne machen oder so würde ich gern aussehen.« 

Wie Lorena Schächinger geht es jeden Tag Millionen von Menschen. Im Jahr 2018 nutzten laut Statistischem Bundesamt 90 Prozent der deutschen Bevölkerung das Internet. Die Studie »Digitale Nutzung in Deutschland 2018« des Bundesverbands Digitale Wirtschaft e.V. und der Forschungsagentur DCORE ergab, dass 73 Prozent der Menschen in Deutschland ihre Kommunikation zunehmend auf digitale Kanäle verlagern. Die Digitalisierung gestaltet nicht nur Arbeitswelt und Freizeit, sondern auch menschliche Interaktionen und das menschliche Miteinander neu. 


»Digitale Beziehungen sind wie Fast Food«

 

Von vielen wird dies mit gemischten Gefühlen betrachtet. Im »TechnikRadar 2018«, veröffentlicht von der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften und der Körber-Stiftung, waren sich 60,2 Prozent der Befragten sicher, dass durch den technischen Fortschritt zunehmend neue Zwänge entstünden. In der Studie »Digitale Nutzung in Deutschland 2018« gaben 38 Prozent der Befragten an, dass es ihnen bereits schwerfällt, offline zu sein. Auch die Krankenkasse DAK-Gesundheit warnte 2018 in der Studie »So süchtig macht Social Media« vor den Auswirkungen der digitalen Kommunikation auf die soziale und psychische Gesundheit. Aber wie genau verändert diese unser Miteinander? 

»Wenn ich es überspitzt formulieren darf: Digitale Beziehungen sind wie Fast Food«, sagt Dr. Klaus Koziol, neu ernannter Bischöflicher Beauftragter für Digitalisierung, Menschenwürde und humane Kommunikation in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. »Sie sind schnell, manchmal sogar unmittelbar verfügbar und verschaffen viele niederschwellige, oftmals aber auch unverbindliche soziale Kontakte.« Wie er keine Fast-Food-Kette grundsätzlich verurteilen möchte, so bewertet Klaus Koziol auch diese Beziehungen nicht per se als schlecht. »Wie bei jeder anderen Form der Interaktion werden auch in digitalen Beziehungen einfach nur menschliche Bedürfnisse erfüllt«, so der Soziologe. Das seien vor allem Anerkennung, Bestätigung, der Wunsch nach Zugehörigkeit und das Streben nach Sicherheit und Beheimatung.

 

Neue Lösung für sozialen Rückhalt

 

Koziol trifft folgenden Rückschluss: Was die Menschen verstärkt im digitalen Bereich suchen, fehlt ihnen oft im »realen« Leben. Digitale Kommunikation sei schlicht ein neuer Lösungsansatz, in einer zunehmend hektischen, unübersichtlichen Welt diese sozialen Rückhalte zu finden. Dabei ist es laut Koziol nicht unbedingt problematisch, dass die digitalen Beziehungen sogenannte »schwache Verbindungen« darstellen, die sozial nur wenig belastbar sind. Das sei den meisten Nutzern bewusst. Was passiert aber, wenn das Fast Food doch zum Grundnahrungsmittel wird?

»Die Konzentration auf digitale Beziehungen kann zu einem Gefühl des Alleinseins führen, weil man eventuell reale Beziehungen vernachlässigt«, sagt Dr. Michael Schenk, Professor für Medienwirtschaft und Kommunikationsforschung an der Universität Hohenheim. »Menschen können aber auch im ›realen Leben‹ vereinsamen. Vor allem Jüngere ziehen sich dann unter Umständen gezielt auf digitale Plattformen zurück, um Gleichgesinnte zu finden.«

Dr. Christian Montag, Professor für Molekulare Psychologie an der Universität Ulm, beschreibt, wie problematisch dieser Rückzug werden kann: »Die menschliche Berührung ist sehr mächtig und löst die Ausschüttung von Botenstoffen aus, die wiederum den Traurigkeitsschaltkreis im Gehirn runterregulieren. Wir wissen durch viele Studien aus der Psychologie und den Neurowissenschaften, dass unsere Spezies ein genetisch verankertes Grundbedürfnis nach Fürsorge und Nähe hat. Wenn dieses Grundbedürfnis auf Dauer nicht erfüllt wird, kann das unserer mentalen Gesundheit schaden.«

Matthias Mischo greift entspannt nach seinem Wasserglas, obwohl das Smartphone in der Tasche seines Jacketts vibriert. »Wahrscheinlich habe ich gleich wieder ein Dutzend neue Nachrichten im Messenger«, sagt er und lacht. Gestresst fühle der 30-Jährige sich deshalb nicht: »Digitale Kommunikation ist für mich ein Mittel zum Zweck, ohne zentralen Stellenwert oder persönliche Bedeutung.« 

 

Beziehungen können auch enger werden

 

Wie  hilfreich sie sein kann, bestätige sich in vielen Bereichen seines Lebens: In seiner Gemeinde St. Michael in Leonberg-Höfingen, im Diözesanrat, auf der Arbeit. Einige Beziehungen seien durch die digitale Technik sogar enger geworden, etwa zu seiner Familie, die in der Nähe von Hannover lebt und mit der er täglich über Messenger kommuniziert. Soziale Medien wie Facebook nutze Matthias Mischo vor allem, um alte Schulfreunde nicht ganz aus den Augen zu verlieren. Er achte dabei genau darauf, was er von sich preisgibt. »Ich veröffentliche selten selbst etwas und wenn, dann können das nur die Leute sehen, von denen ich das auch möchte«, sagt Matthias Mischo. Völlig leugnen kann er die Anziehungskraft aber nicht. »Wenn ich dann doch mal etwas poste und sehe, wie viele Leute darauf reagieren – das ist schon ein gutes Gefühl.« 

Grenzen der Technik sieht der 30-Jährige etwa in der Seelsorge oder der Pflege. »Das sind sensible und persönliche Bereiche, hier sollte es eine echte Gemeinschaft geben«, sagt Matthias Mischo. »Generell bin ich aber optimistisch: Wenn man vernünftig damit umgeht, kann die digitale Kommunikation unser soziales Miteinander verbessern.«

 

Digitale Souveränität früh lernen

 

Kommunikationsforscher Michael Schenk stimmt ihm da zu: »Die digitale Kommunikation ermöglicht es, über verschiedene Plattformen bereits vorhandene persönliche Beziehungen zu pflegen und neue Beziehungen aufzubauen. Das persönliche Kern-Netzwerk kann so ohne allzu großen Aufwand erweitert werden.« Allerdings betont auch Schenk, dass es wichtig ist, diese Interaktionen bewusst zu reflektieren. Was Matthias Mischo »vernünftig damit umgehen« nennt, bezeichnen Forscher häufig mit dem Begriff »digitale Souveränität«. Die Verfasser der DAK-Studie »So süchtig macht Social Media« halten es für wichtig, dass Kinder und Jugendliche diese Kompetenz schon früh lernen. 

Denn das Beziehungs-Fast-Food kann noch weitere Nebenwirkungen haben – etwa erhöhten sozialen Druck. Ein Beispiel dafür sind laut Michael Schenk die Haken im Messengerdienst »WhatsApp«. Sie erscheinen neben jeder Nachricht und werden hellblau, sobald der Empfänger den Text gelesen hat. Dadurch entsteht die Erwartungshaltung, schnell eine Antwort zu bekommen. Für Schenk kann diese Funktion »sozialen Druck aufbauen und als ein Instrument angesehen werden, andere zu kontrollieren. Misstrauen und Missverständnisse können leicht entstehen.« 

Für die Betreiber der Plattform sei der soziale Druck erwünscht, erklärt Psychologe Christian Montag. Dadurch werde von beiden Seiten mehr und schneller kommuniziert, was wiederum mehr Daten bedeute. »Tatsächlich zahlen wir für die meisten Online-Services mit unseren Daten. Hier gilt die Maxime: Je länger wir auf einer Plattform verweilen, desto mehr Daten füttern wir in das entsprechende Unternehmen ein«, so Montag.

In Sozialen Medien können laut Michael Schenk vor allem ständiger Vergleich und gesteigerter sozialer Wettstreit mit anderen zur mentalen Belastung werden. »Derzeit gibt es etwa einen Fitness-Trend auf Instagram – alle wollen so sportlich und gut aussehen wie die beliebtesten Influencer«, so der Hohenheimer Kommunikationsforscher. »Eine Folge davon kann sein, dass vor allem junge Nutzerinnen und Nutzer Vorstellungen von einem ganz bestimmten Körperbild entwickeln. Über solche Mechanismen kann ebenfalls hoher sozialer Druck aufgebaut werden.« 

 

Sozialer Druck und mentale Belastung

 

Für Christian Montag wird der Vergleich dadurch noch verschärft, dass es sich oft um »geschönte« Profile handele. »Die meisten Posts stellen Ausschnitte aus dem Alltag dar, die suggerieren, dass jeder überall gerade die beste Zeit hat«, so der Psychologe. »Das ist natürlich nicht zutreffend. Trotzdem ist es schwer, sich von diesen Vergleichsprozessen zu lösen.« 

Mechanismen wie »Like«-Funktionen befeuern laut Christian Montag, dass wir uns auch zunehmend mehr darüber messen lassen, wie wir in diesem Vergleich der sozialen Bestätigung abschneiden. Hier könne ein gefährlicher Rückschluss stattfinden: Der »Mangel«, das »Versagen« werde nicht auf das digitale Erscheinungsbild, sondern auf die reale Person, das eigene Leben bezogen – mit teils gravierenden Folgen. »Erste empirische Arbeiten deuten darauf hin, dass besonders einsame Menschen über soziale Vergleichsmechanismen sogar depressive Symptome entwickeln können«, weiß der Ulmer Forscher. 

Auf der anderen Seite würden aber auch Rückschläge im Alltag durch positive Erlebnisse auf dem eigenen Social-Media-Profil oder in anderen Bereichen des Internets kompensiert – auf Dauer entstehe dadurch ein Sog, immer mehr Zeit online zu verbringen. Auf diese Weise ist die digitale Kommunikation laut Christian Montag für viele bereits zum zentralen Lebensmittelpunkt geworden, um Bestätigung zu erfahren. Um die beschriebene Entwicklung zu verhindern sei es jedoch wichtig, den personalen Selbstwert durch Errungenschaften im Beruf, durch persönliche Beziehungen oder in anderen Bereichen erfahren zu können. 

 

Auftrag für die Kirche


Hier sieht Klaus Koziol, der auch Vorstand der Bischöflichen Medienstiftung ist, einen Auftrag – für die Gesellschaft, aber vor allem auch für die Kirche. Man dürfe die digitale Lebensrealität der Menschen nicht verurteilen oder pauschal negativ bewerten. Die digitale Kommunikation bietet laut Koziol viele Chancen für soziale Organisationen wie die Kirche, gerade im Bezug auf jüngere Menschen. Doch man dürfe dort eben nicht stehen bleiben.

Der Soziologe erzählt von einer alleinlebenden älteren Dame aus einer kleinen Gemeinde, die offen zugibt: Ohne das Internet und die Kurse in der Volkshochschule wäre sie völlig vereinsamt. »Das darf nicht sein«, sagt Klaus Koziol. »Gerade wir als Kirche müssen Möglichkeiten und Räume schaffen, wo sich Menschen in direkter Kommunikation und realer Beziehung begegnen können.« 

Lorena Schächinger hat ihre Laufrunde beendet. Nachdem die Wohnungstür hinter ihr zugefallen ist, schaut sie erneut auf das Smartphone. Sie verzieht das Gesicht. Noch kein »Like« unter ihrem Post. »Ich würde mich deswegen jetzt nicht verrückt machen oder so«, murmelt sie. »Aber ein bisschen enttäuscht bin ich schon.«

Claudia Kohler

 

 

Info: Digitale Kommunikation

 

Social Media (deutsch: Soziale Medien):Digitale Plattformen, über die Nutzer Inhalte kreieren, Inhalte teilen und sich austauschen können – in einer definierten Gemeinschaft oder öffentlich. Beispiele sind etwa Instagram (Gewicht auf Fotos) und Youtube (Videos).

(Instant) Messenger: Programm, in dem mit einer oder mehreren Personen in Echtzeit kommuniziert werden kann (meist in Form von kurzen Nachrichten).

Posten (Substantiv: der Post):Inhalte in Sozialen Medien veröffentlichen.

Follower/-in (Verb: jmd. folgen):jemand, der Inhalte einer bestimmten Person regelmäßig empfängt und über Neue informiert wird.

Influencer/-in:eine Person, die in Sozialen Medien viele Follower hat und daher besonders einflussreich ist.

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