Claudia Kohler

Journalistin, Neustadt an der Weinstr.

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Interview

Widerspruchslösung: »Man könnte nicht mehr von einer Spende sprechen«

Wir hören hin: Was sagen katholische Klinikseelsorger zur Widerspruchslösung?

 

Soll jeder Deutsche automatisch Organspender sein, so lange er, seine Angehörigen oder ein Bevollmächtigter nicht ausdrücklich widersprechen? Gesundheitsminister Jens Spahn hat mit der Forderung nach einer Widerspruchslösung bei der Organspende eine weitreichende Debatte ausgelöst. Die Regelung würde einen erheblichen Eingriff des Staates in das Leben der Bürger bedeuten. Neben Bedenken um ihre Freiheit machen sich die Menschen aber auch Sorgen um die ethischen Konsequenzen. Wir haben fünf Klinikseelsorger aus unserer Diözese gefragt, wie sie aufgrund ihrer Erfahrungen und Ansichten die Widerspruchslösung bewerten. ck

 

Ute Wolff (64) ist Klinikseelsorgerin im Marienhospital Stuttgart:

Ich erinnere mich an eine 45jährige Frau, bei der nach einem operativen Eingriff unvorhersehbar der Hirntod eintrat. Für die Angehörigen war es ein Schock, niemand hatte damit gerechnet. Auch hatten sich die Familienmitglieder noch nie über eine Organspende Gedanken gemacht. Die Frage danach traf sie völlig unvorbereitet.

Als Seelsorgerin habe ich versucht, ihnen zuzuhören und eine Atmosphäre zu schaffen, in der sie ohne Einflussnahme von außen, ohne Druck und  ohne Schuldgefühle über eine Organentnahme entscheiden konnten. Aufgrund solcher Erfahrungen halte ich die Auseinandersetzung mit dem Thema Organspende und das offene Gespräch unter Paaren, in der Familie und bei Bevollmächtigten für unerlässlich. 

Angehörigen sollte bewusst sein, dass Organe nur einem künstlich am Leben erhaltenen Menschen entnommen werden können. Sie müssen erfahren, dass durch die Organentnahme der natürliche Sterbeprozess unterbrochen wird und sie ihren lieben Menschen nicht bis zum letzten Atemzug begleiten können. 

Die »Widerspruchslösung« birgt hier eine neue Gefahr: Wegen der hohen Arbeitsbelastung und des Zeitdrucks in den Kliniken könnte es dazu kommen, dass Angehörige vor einer Organentnahme gar nicht oder nicht rechtzeitig benachrichtigt werden.

 

 

Diakon Bernhard Meyer (52) ist Klinikseelsorger im Klinikum am Plattenwald, Bad Friedrichshall

Bei uns im Klinikum liegen oft Menschen mit irreversiblen Hirnschäden. Die meisten nach einem Unfall oder einer Reanimation. Der Körper wird künstlich am Leben erhalten, Monitore zeigen vermeintliches Leben an. Die Angehörigen verstehen die Welt nicht mehr.  Und dann steht plötzlich die Frage nach einer Organentnahme im Raum. Dieser Moment zwischen Abschiednehmen und Hoffnung schenken, ist mit einer der größten Herausforderungen in der Seelsorge.

Hier den Wunsch des Menschen im Bett zu erspüren, ist das wichtigste. Weil er nicht mehr für sich sprechen kann, benötigt seine körperliche Unversehrtheit einen besonderen Schutz. Am Einfachsten ist es, wenn in gesunden Zeiten über das Thema Organspende gesprochen wurde. Aber die wenigsten Menschen machen sich Gedanken über die Frage: Was wäre wenn?

Für mich als Ethikberater wirft die diskutierte Widerspruchsregelung viele Fragen auf. Denn nicht jedes Schweigen bedeutet eine Zustimmung – genauso wenig wie es bei der bestehenden Regelung immer Ablehnung bedeutet. Wichtig ist ausführliche Information: Nur wer gut informiert ist, kann eine eigenverantwortliche Entscheidung treffen.

 



Pfarrer Josef Wiedersatz (61) ist Krankenhauspfarrer im Katharinenhospital Stuttgart:

Als Krankenhausseelsorger denke ich an die Menschen, die ich bei der Organspende begleiten durfte. Zum Beispiel eine Patientin, die drei bis fünfmal im Jahr stationär in die Klinik kam. Grund waren Infektionen, die eine Gefahr für ihre transplantierte Niere darstellten. Vor der Spende aber musste sie wöchentlich zur Dialyse und hat diese nur schlecht vertragen. Sie war unendlich dankbar, ein Spenderorgan erhalten zu haben. Trotz der vielen Medikamente und Krankenhausaufenthalte bedeutete es für sie ein besseres, unabhängiges Leben. So habe ich bei fast allen Empfängern Glück und große Dankbarkeit erlebt. 

Die Situation um mögliche Spender ist eine andere: Angehörige, die in einer Krisensituation eine schwere Entscheidung treffen sollen. Ärzte und Pfleger, denen die Zeit für eine einfühlsame Begleitung fehlt. Die Teams der Deutschen Gesellschaft für Organtransplantation, die versuchen, ohne Druck und nach höchsten ethischen Standards zu beraten. 

Ob die aktuell diskutierte »Widerspruchsregelung« diesen hohen Anforderungen gerecht werden könnte? Ich bin unsicher. Meiner Meinung nach muss eine Spende immer freiwillig sein und bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Spenders oder eines Bevollmächtigten. Alls anderen Lösungen, auch wenn sie mehr Organe bedeuteten, sind für mich ethisch fragwürdig.

 

 

Rachel Rau (58) ist Klinikseelsorgerin an der Uni-Kinderklinik Ulm:

Sollte die »Widerspruchslösung« in Kraft treten, könnte man nicht mehr von einer Organ-Spende sprechen. Eine Spende ist eine freiwillige Gabe, ein Ausdruck der Nächstenliebe eines Menschen. Die »Widerspruchslösung« geht von einer gesetzlich verankerten Pflicht zur Organbereitstellung aus. Ich halte dieses Modell für problematisch. Es nimmt keine Rücksicht auf die immer noch offene Frage, ob ein für »hirntot« erklärter Mensch tatsächlich tot oder noch ein Sterbender ist.

Als Seelsorgerin in der Kinderklinik habe ich die Mutter eines 13-jährigen, hirntoten Jungen bis vor den OP begleitet, in dem die Organentnahme stattfand. An der Tür zum OP verabschiedete sie sich von ihrem beatmeten und durchbluteten Sohn. Erst zwei Tage später, beim Besuch im Abschiedsraum, war sein Tod für sie endgültig fassbar. Ebenso habe ich eine Familie begleitet, die sich für ihr 9-jähriges Kind mit Hirntotdiagnose anders entschieden hat: Bis zu seinem letzten Atemzug lag es in den Armen seiner Eltern.

Man sieht: Liebe, auch Nächstenliebe, hat viele Facetten und es gibt zahlreiche Möglichkeiten, schon zu Lebzeiten Nächstenliebe zu schenken. Aber das Leid der Kranken darf nicht ausgespielt werden gegen die Würde der Sterbenden!

 

Diakon Klaus-Dieter Pape (56) ist Klinikseelsorger an der Uniklinik Tübingen:

Die Organspende liegt zwischen Sterben und letzter Hoffnung auf eine neue Lebensperspektive. Dieses Dilemma erzeugt ein Spannungsfeld, das gerade die Angehörigen der Sterbenden unter Druck setzen kann. Sie müssen sich Abschied und Trauer stellen und sich gleichzeitig mit der möglichen Rettung eines anderen Menschen beschäftigen. Dass sich dem nicht jeder aussetzen kann und will, kann gesetzlich nicht verhindert werden. Immer wieder kommt es zu Situationen, in denen sich Angehörige überfordert fühlen: Sie sollen mitten im Abschiedsprozess über die Organspende entscheiden, obwohl der Sterbende keinen entsprechenden Ausweis besaß und darüber nie in der Familie gesprochen wurde. 

Gleichzeitig ist die Not der auf ein lebensrettendes Organ wartenden Patienten mit Händen zu greifen. Ich bin nicht davon überzeugt, dass die Änderung der bisherigen Praxis die Zahl der Organspenden signifikant erhöhen würde. Ein Gesetz, egal wie gestaltet, kann die beschriebene Spannung wohl kaum auflösen. Ich halte es für wahrscheinlicher, dass durch eine verbesserte Kommunikation über das Sterben in den Zeiten, in denen es uns gut geht, die Bereitschaft zur Organspenden erhöht wird. Wenn wir eben nicht nur Worte für eine Kultur des Lebens, sondern auch eine Sprache für die Kultur des Sterbens entwickeln.