Claudia Kohler

Journalistin, Neustadt an der Weinstr.

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Behütet und begleitet bis zuletzt

Auf dem letzten Weg im Hospiz St. Anna in Ellwangen:


 »Der Kreis schließt sich«, sagt Wolfgang Holzfuss über seine Ankunft im Hospiz St. Anna. 1958 ist er im Nebengebäude zur Welt gekommen, das früher die Geburtsklinik der Anna-Schwestern beherbergte. Jetzt ist er einer von acht Hospizgästen, die in  Ellwangen von Pflegern, Ärzten, ehrenamtlichen Mitarbeitern und Ordensschwestern auf ihrem letzten Weg begleitet werden.

 

Der schmale 59-Jährige kann auf ein sehr bewegtes Leben zurückblicken. Noch vor dem Abitur reist Wolfgang Holzfuss mit einem Orchester nach Chicago, macht auch heute noch gerne Musik. Mit Anfang 30 verschlägt es ihn nach Italien. Nachdem er wie durch ein Wunder von einer schweren Krankheit geheilt wird, beginnt er in Palermo als Taufbewerber seinen Glaubensweg. 

Irgendwann muss er zurück nach Deutschland und wird nach der Krebsdiagnose in einem süddeutschen Pflegeheim untergebracht. Hier erlebt Wolfgang Holzfuss das, was man unter dem Begriff »Pflegenotstand« zusammenfasst: Unvollständige Medikation, hektische und gestresste Pfleger, zu viele Patienten in einem Haus.

 

Angekommen nach einer langen Reise

 

»Ich konnte mich nicht bewegen, hatte keinen Appetit mehr und war apathisch«, erzählt er. »Es war kurz vor dem Ende, noch ein oder zwei Tage mehr und ich wäre dort gestorben.« Durch den beherzten Einsatz einer guten Freundin wird er ins Hospiz nach Ellwangen verlegt. Und kann binnen einer Woche wieder sitzen, essen und – für ihn unschätzbar wichtig – erzählen.

»Wir erleben immer wieder, dass die Menschen sich hier wieder aufrappeln, weil sie sich nach einer langen Reise endlich angekommen fühlen«, sagt Hospizseelsorgerin Sr. Mechthild Wansner. »Anderen wiederum fällt die Ankunft sehr schwer und sie brauchen mehr Zeit, um ihre Situation zu erfassen.« 

Das Motto des Hospizes »Dem Tag mehr Leben geben.« steht im Einklang mit dem Sendungsthema der Anna-Schwestern »Dem Leben dienen«. Oberin Sr. Veronika Mätzler erzählt: »Wir haben die Not der Zeit gesehen und erkannt, dass ein Hospiz gut zu unserem Auftrag passt«. Für diese besondere Verbindung ist Hospizleiter Bernhard Amma sehr dankbar. »Ohne die finanzielle Trägerschaft könnten wir nicht bestehen«, macht er klar. »Aber auch in allen anderen Belangen fühlen wir uns von der Gemeinschaft der Anna-Schwestern getragen.« 

18 Pflegekräfte versorgen in diesem speziellen Umfeld acht Hospizgäste. Ihnen zur Seite stehen Hausärzte, Palliativärzte und Schmerztherapeuten. Sie kümmern sich um die Beschwerden der letzten Lebenstage wie Appetitlosigkeit, Schmerzen und Atemnot. Hinzu kommen 30 ehrenamtliche Mitarbeiter und die Ordensschwestern. Sie alle begleiten die Hospizgäste auf ihrem letzten Weg, helfen ihnen bei ihren Problemen, Ängsten und Fragen. 

 

Schlichte Gesten und persönlicher Zugang

 

»Viele kämpfen mit einer inneren Unversöhntheit, sind mit sich selbst, mit Angehörigen oder mit Gott nicht im Reinen«, erzählt Sr. Mechthild. Die Begleiter müssten stets vorsichtig vorgehen; einfühlen und zuhören; nicht drängen, sondern fragen; nicht führen, sondern mitgehen. 

Auch wenn sie damit manchmal selbst schwer geprüft werden. Wie geht man etwa als Ordensfrau mit einem Gast um, der nichts von Gott wissen will? »Man muss offen sein, nichts erwarten Gast ihr erlaube, für ihn oder sie zu beten. Täglich schließen die Anna-Schwestern Pflegepatienten und Hospizgäste in das Offizium mit ein. Viele finden Trost allein in dieser schlichten Geste. Andere beruhigt der Klang der seit Kindestagen vertrauten heiligen Worte, wenn Sr. Mechthild für sie das Vaterunser betet. 

So erspüren sich die Begleiter für jeden Neuankömmling einen persönlichen Zugang. »Der Tod ist, wie die Geburt, etwas sehr Intimes und Individuelles«, sagt Sr. Veronika. Die meisten Gäste und Angehörigen fassen auf diese Weise schnell Vertrauen zu den Hospizmitarbeitern. 

So war es auch bei Hugo Hellermann aus Crailsheim. Im Februar 2016 wird bei seiner Frau Eva ein Hirntumor festgestellt. Ein Schock für das bis dahin gesunde und reisefreudige Rentnerpaar. »Nach der Operation und den Behandlungen war meine Frau körperlich am Ende und auch medizinisch gab es keine Option mehr«, erzählt der 73-Jährige. 

 

Angehörige brauchen ebenso viel Zuwendung

 

Im Juli 2016 kommt er mit seiner Frau nach Ellwangen, wo sich auch Eva Hellermanns Zustand wieder verbessert. Es hat ihrem Mann das Herz gebrochen, dass die leidenschaftliche Köchin während ihrer Therapie jeglichen Appetit verloren hat. Im Hospiz kann sie wieder mit Genuss essen. 

Hugo Hellermann nutzt das Angebot des Hauses, bei seiner Frau mit im Zimmer zu übernachten. Sieben Monate lang lebt er mit ihr den Alltag im Hospiz. Jeder hat seinen eigenen Rhythmus, aber so viel wie möglich wird gemeinsam begangen: Mahlzeiten, Musizieren, Gottesdienste und intensive Gespräche. An Weihnachten kommen die beiden Kinder der Hellermanns zum Festessen vorbei, an Silvester bestaunt das Paar ein Feuerwerk von der Dachterrasse aus. 

In dieser Zeit schließt Hugo Hellermann Freundschaft mit vielen Pflegekräften und Ordensschwestern. Durch sie findet der Elektrotechniker auch eine neue Verbindung zu Gott, die ihn bestärkt. Hier zeigt sich, dass die Angehörigen ebenso viel Zuwendung brauchen wie die Sterbenden – manchmal sogar mehr. 

»Meine Frau war ihr Leben lang der Ruhepol der Familie, und diese ruhige Würde durfte sie bis zu ihrem Tod bewahren«, sagt der 73-Jährige und hat Tränen in den Augen. »Die Begleiter und Schwestern haben sich nicht um sie gesorgt, sondern um mich.« 

Auch nach dem Tod seiner Frau im Februar 2017 kommt Hugo Hellermann gerne ins Hospiz St. Anna und hat für jeden ein offenes Ohr. Noch immer trauert er, doch wie viele Bewohner, Pfleger und Begleiter im Hospiz St. Anna findet er Halt in der Gemeinschaft und im Glauben.

 

Glaube gibt Kraft und Halt

 

Durch regelmäßige Besuche psychologisch geschulter Supervisoren wird das Team zusätzlich gestützt. »Manchmal ist das Aushalten sehr schwer«, sagt Sr. Mechthild. »Dann bete ich den schmerzhaften Rosenkranz und höre, wie Jesus ›für uns das schwere Kreuz getragen hat‹. Das gibt mir wieder Kraft.« 

Wolfgang Holzfuss kommt aus einer Familie, in der Religion keine Rolle spielt. Er findet mit Mitte 30 durch ein einschneidendes Erlebnis zum Glauben und lässt sich in der Osternacht 1994 in Palermo taufen. Aus dieser Zeit in einer der gefährlichsten Städte Italiens begleiten ihn heute noch zwei Dinge: Die Akzeptanz des Todes und ein tiefes Gottvertrauen. »Es ist leichter, den letzten Weg zu gehen, wenn man fest im Glauben verankert ist«, sagt er. 

Für ihre Erfahrungen im Hospiz finden Wolfgang Holzfuss, Hugo Hellermann, aber alles anbieten«, sagt Sr. Mechthild. Meistens beginnt sie mit der Frage, ob der 

und Sr. Mechthild immer wieder die gleichen Worte: Wärme, Geborgenheit, Gnade.

 

Claudia Kohler