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Erasmus: Wie läuft das Austauschprogramm während Corona? | DW | 03.08.2020

"Ich stand vor der Entscheidung: Online-Semester in Berlin oder Mailand?", erzählt Hannah Potthoff aus Deutschland. Während über 80.000 Studierende ihre Erasmus-Semester seit Beginn der Corona-Pandemie abbrachen und nach Hause zurückkehrten, sucht Hannah schon wieder nach einer Wohnung in Mailand.

Durch Erasmus, ein Austauschprogramm der Europäischen Union, werden junge Leute während des Studiums, der Ausbildung oder bei Freiwilligendiensten finanziell unterstützt.

Italien im Ausnahmezustand: der Platz vor dem Mailänder Dom im Juni 2020

In der italienischen Lombardei, zu der Mailand gehört, starben im Vergleich zu anderen Regionen in Europa besonders viele Menschen an COVID-19. Die Università Cattolica del Sacro Cuore, an der Hannah Potthoff gern studieren würde, ist weiterhin wie leer gefegt. Alle Vorlesungen sollen auch im Herbst noch online stattfinden. "So richtig glaube ich das noch nicht", sagt Hannah, die ihr Erasmus-Semester lieber vor Ort verbringen möchte, anstatt vor dem Laptop.

Hannah Potthoff

"Nach hinten verschieben kann ich mein Erasmus nicht - für mich ist es die letzte Möglichkeit, im Ausland zu studieren", erzählt die 24-jährige Geschichtsstudentin.

Abwarten und online studieren

Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) rät zu Abwarten und Online-Studium, bis Universitäten im EU-Ausland vielleicht im Wintersemester 2020/21 wieder physisch öffnen.

Die Europäische Kommission kündigte an, dass es keine Unterbrechung des Programmes geben, der Beginn des Wintersemesters aber vielerorts virtuell stattfinden werde. "Das ist natürlich nicht die gleiche Erasmus-Erfahrung", sagt Kostis Giannidis, Präsident des Erasmus Student Network (ESN). Die Nichtregierungsorganisation betreut Austauschstudenten an Hochschulen und vertritt die Interessen international Studierender auf europäischer Ebene.

Kostis Giannidis

Viele angehende Austauschstudenten warten lieber noch ein halbes Jahr länger und beginnen ihren Aufenthalt erst im Frühjahr 2021, so Giannidis. Andere holten ihr während der Pandemie abgebrochenes Erasmus-Semester dann nach. Der ESN-Präsident Giannidis und die Europäische Kommission schätzen, dass es im kommenden Frühjahr deutlich mehr Erasmus-Bewerbungen als in den vergangenen Jahren geben wird.

Allein 2018 waren 853.000 Schüler, Studierende und Auszubildende für Studium, Praktika und Freiwilligendienste mit Erasmus im Ausland unterwegs.

"Sobald ein Impfstoff da ist, wird es wieder einen größeren Run auf die Erasmus-Programme geben. Hierfür brauchen wir mehr Mittel", sagt Sabine Verheyen, Abgeordnete der deutschen Konservativen (CDU) im Europäischen Parlament und Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Bildung.

Sabine Verheyen

Nicht genug Erasmus-Plätze für alle

Der erwartete Ansturm auf das Erasmus-Programm fällt in die Startphase des neuen mehrjährigen Finanzrahmens des EU-Haushalts. Für die Jahre 2021 bis 2027 einigten sich die Mitgliedsstaaten vergangene Woche auf ein EU-Budget. Das sieht unter anderem mehr Geld für Erasmus vor.

Schon 2018 plädierte das Europäische Parlament für eine Verdreifachung des Erasmus-Budgets von bislang rund 15 Milliarden Euro auf gut 41 Milliarden Euro, denn auch die Teilnehmerzahl sollte in den kommenden sieben Jahren verdreifacht werden. Dann kam die Corona-Pandemie und das Erasmus-Budget wird nun nicht einmal verdoppelt. Für die kommenden sieben Jahre sind rund 21 Milliarden Euro Förderung vorgesehen.

Nach ihm wurde das Programm benannt: Erasmus von Rotterdam, Gelehrter der Renaissance

Europaabgeordnete zeigten sich deswegen empört: "Im Frühjahr wird es nicht genug Plätze für alle geben, die ihr Erasmus nachholen oder sich neu bewerben wollen. Dann müssen viele Bewerber abgelehnt werden", sagt Bildungspolitikerin Verheyen.

Erasmus soll mit dem neuen Budget inklusiver und grüner werden: Auch junge Menschen aus finanziell schwächeren Verhältnissen sollen durch höhere Zuschüsse an Studienaufhalten im Ausland teilnehmen können, ebenso wie Menschen mit Behinderung. Das Erasmus-Programm war in der Vergangenheit dafür kritisiert worden, sich ausschließlich an junge Leute der Mittelschicht zu richten.

Erasmus-Stipendien bei Online-Studium in Gefahr

Hannah wollte in ihrem letzten Jahr vor dem Abschluss an der Mailänder Università Cattolica del Sacro Inspiration für ihre Masterarbeit über mittelalterliche Geschichte finden. In ihrem Auslandssemester wäre sie durch das Erasmus-Programm finanziell unterstützt worden.

Jetzt, da viele Universitäten ihre Kurse online anbieten, ist unklar, wie die monatlichen Zuschüsse der Erasmus-Stipendien überhaupt aussehen werden. Das Stipendium ist als Reisezuschuss für die europäische Mobilität gedacht und wurde bisher nach den Lebenshaltungskosten des Ziellandes berechnet. Wer jedoch von zu Hause aus studiert, braucht allenfalls einen Internetanschluss, lautet das Argument.

COVID-19: Europäischer Austausch ist wichtiger denn je

Hannah möchte für ihr Erasmus in Mailand leben - auch wenn sie erst einmal online ins Semester startet. Das Stipendium wäre ihr ein willkommener Zuschuss zu den hohen Mailänder Mieten. Vor Ort zu sein und beim gemeinsamen Kochen im internationalen Wohnheim neue Leute kennenzulernen, ist ihr besonders wichtig. "Auch wenn die Uni zu ist, kann ich die Stadt ja trotzdem erleben", meint sie.

ESN-Präsident Giannidis warnt davor, die Bedeutung von Erasmus zu unterschätzen: "Die junge Generation ist ohnehin schon am stärksten von COVID-19 betroffen."

Die Isolation und nationale Abschottung fast aller EU-Staaten habe gezeigt, wie wichtig der Austausch und das gegenseitige Verständnis seien, meint auch EU-Parlamentarierin Verheyen.

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