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Augen zu, Porno an

Manchmal, wenn Nina sich entspannen möchte, dann legt sie sich auf ihr Bett, streckt die Arme in die Luft und atmet tief durch. Das Licht macht sie in solchen Momenten aus. So, erzählt sie, lief es für sie in den letzten Monaten, als sie die auditive Erotikseite Femtasy im Probeabo testete. Denn Nina sieht den Porno nicht - sie hört ihn.

Keine Bilder, dafür mehr Fantasie.

Was passiert eigentlich, wenn das Bild in der Pornographie wegfällt und nur der Ton bleibt? Dann springt die Fantasie an. Angeregt wird sie durch das Stöhnen von Menschen, die sich ihrer Lust hingeben, oder durch die sanfte Stimme eines*r Erzählers*in, der*die sexuelle Handlungen mit literarischen Worten umschreibt. Auditive Pornografie macht sich diese Fantasie zu nutze. Denn die Nutzer*innen hören nicht nur zu, sie werden Teil davon.


Oft wählte Nina die Kategorie „Telefonsex" aus. Diesen simuliert die Stimme am anderen Ende der imaginären Telefonleitung und erzählt ihr, wie sie sich in Wallungen bringt. „Ich finde es schön, direkt angesprochen zu werden", erzählt Nina, die Verkäuferin in einem Bioladen ist. Die Kamera der 23-Jährigen bleibt bei diesem Videotelefonat aus, da ihr engster Kreis es nicht gutheißen würde, wenn sie öffentlich über ihre Lust spricht. „Ich hab dann nicht nur das Gefühl, Teil der Geschichte zu sein. Ebenso bleibt es mir selbst überlassen, was ich tue." Die Sprecherstimme erteilt Nina keine Anweisungen, das gefalle ihr so an dieser Kategorie. Auf Femtasy gibt es aber auch Audiopornos, die weniger kuschelig klingen:


„Die Bluse und den BH zieh ich dir aus, bis du vollkommen nackt vor mir stehst. Du süßes kleines Kätzchen, du machst dein Herrchen ganz geil. Ja, geh auf alle Viere vor mich ... Kriech über den Boden und sieh mich mit unschuldigen Augen an."

Das ist die andere Seite der Lust. Denn was sich bei Nina so traumhaft anhört und nach Selbstbestimmtheit, Emanzipation und Freiheit klingt, birgt Gefahren. Was die Lust für die Ohren mit den Hörer*innen macht, das kommt darauf an, mit welchen Hintergedanken sie produziert wurde. Denn nur, weil das Visuelle wegfällt und die Nutzer*innen stärker auf ihre Fantasie angewiesen sind, heißt das nicht, dass dadurch alles besser ist. Auch auditive Pornographie kann, wie ihr visuelles Pendant, durchzogen sein von Stereotypen, Geschlechterhierarchien, diskriminierenden Worten und Demütigung. Sie kann bei übermäßigem Konsum sogar tief in die Psyche eindringen. Audios und Videos können die Konsument*innen charakterlich verändern. Ein Audioporno ist und bleibt ein pornographisches Produkt.


Eine freundliche Porno-Alternative, ganz in rosa?

Hinter Ninas Lust steckt eine Industrie, die auf Gewinn durch Anreize für die weibliche Sexualität setzt. Sie nennt sich „Sexual Wellness", wirbt mit Bildern, die selbstbestimmte weibliche Sexualität postulieren, verkauft sich als freundliche Alternative zu herkömmlichen Pornos und kommt ganz in rosa daher. Zu ihr zählen das Sextoy-Unternehmen Amorelie sowie das Start-Up Femtasy. Deren Macher*innen beschreiben sich als Anbieter von erotischen Hörspielen, produziert von Frauen für Frauen. Diese Ausrichtung bringt Profit. 2019 waren in Deutschland 75 Prozent der Personen, die auf der weltweit größten Porno-Plattform „Pornhub" Filme schauten, Männer. Anfang dieses Jahres beteiligten sich private Investoren mit einer Summe im siebenstelligen Bereich an Femtasy. Kein Wunder, denn laut einer Studie von Regional Outlook wird der Markt des „Sexual Wellness" bis 2024 um jährlich sieben Prozent wachsen, vor allem mit Konsumentinnen. Die Fantasie steht dabei nur so weit im Vordergrund, wie sie Umsatz generiert.


„Hey Schönheit. Ich wollte dich wissen lassen wie sehr ich dich wertschätze. Ich liebe dich ... Und ich will dich zum Kommen bringen."

Dieser Satz stammt aus einer erotischen, auditiven Geschichte, die James geschrieben und vertont hat. „Ich bin ein lieber Typ, eine zärtliche Person und ein zuvorkommender Liebhaber", sagt er über sich selbst bei einem Videotelefonat. Er trägt einen Vollbart und lächelt etwas verlegen. Mehr über sein Aussehen soll man nicht erfahren, denn der 32-Jährige aus North Carolina will anonym bleiben. James ist sein Pseudonym.


In seinen Geschichten beschreibt James seine Fantasie und die seiner Freundin. Die Aufnahmen landen auf der Plattform Quinn meist in der Kategorie „Boyfriend", da er sich als liebender Freund und nicht etwa als Aufreißer oder dominanter Sexualpartner inszeniert. Weder nennt er Namen, noch beschreibt er das Aussehen der Akteur*innen seiner Geschichten. „Ich lasse extra viele Lücken in den Aufnahmen. Die Zuhörer*innen können sich dann vorstellen, was auch immer sie wollen", sagt James.


Von sinnlichen, körperlichen Geräuschen zu erotischen Hörspielen

Aber was passiert da eigentlich im Gehirn, wenn nur der Ton bleibt? Darauf versucht Claus-Christian Carbon Antworten zu finden. „Geräusche allein können viel stärker stimulieren als Audio und Video zusammen", so Carbon. Er forscht an der Universität Bamberg zu Autonomous Sensory Meridian Response, kurz ASMR. Dieser sperrige Begriff beschreibt ein Kribbeln, das den Körper durchfährt, wenn die Sinne durch alltägliche Geräusche stimuliert werden. Es entsteht so: Die Produzent*innen nehmen alltägliche Handgriffe vor hochempfindlichen Mikrofonen auf. Da werden Haare gekämmt, Briefe aufgerissen oder Hemden gebügelt. In den Hirnen der Hörer*innen entsteht etwas, das einem Gänsehaut-Gefühl ähnelt. Die ASMR-Community zählt sogar zu den größten auf der Videoplattform Youtube. Der Sprung von sinnlichen, körperlichen Geräuschen zu erotischen Hörspielen sei kein großer. „Leises Wispern oder Flüstern sind auditive Signale, die wir so auch bei sexuellen Handlungen erleben. Ich würde nicht per se von Pornografie sprechen, sondern eher von Erotik", so Carbon.


„Er begann mich zart zu küssen. Zärtlich, schüchtern, neugierig. Ich hatte vergessen, wie so ein Kuss schmeckte. Seltsam eigentlich, dass so etwas simples meiner Erinnerung entschwinden konnte ... Sofort wurde mir klar, dass ich nichts anderes wollte, als dass er in mich eindringt."

Girl on the Net, kurz G, schreibt und spricht seit neun Jahren auf ihrem Blog über ihre Beziehung, ihre Lust und ihren Sex. Sie hatte das Gefühl, dass über diese Themen nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird, vor allem bei Frauen. Mit ihrem Blog wollte die 36-jährige Britin dem entgegen wirken. „Auch Frauen können einfach nur auf Sex stehen - nicht auf Geld und Romantik, wie viele Männer das oft glauben."


Können Audiopornos süchtig machen?

G erzählt ihre Geschichte bei einem Videotelefonat. Ihre Kamera ist ausgeschaltet, denn ihre wahre Identität verrät sie nicht. Vor einigen Jahren fiel ihr auf, dass sich einige User*innen ihre Texte von einer Computerstimme vorlesen lassen. G entschied sich daraufhin, ihre erotischen Geschichten selbst zu vertonen und die Erzählungen so lebendiger zu machen. Seit vier Jahren kann sie davon ihr Leben finanzieren.


Auditive wie visuelle Pornografie kann süchtig machen und die Persönlichkeit verändern. Sie kann die Bindungsfähigkeit stören, das Paarverhalten, die Libido, den Sex. Laut der „Speak!"-Studie im Auftrag des hessischen Kultusministeriums kann übermäßiger Konsum das Verhalten von Jugendlichen beeinflussen. Sie würden in ihrer eigenen Sexualität unsicherer. Ganz zu schweigen von dem unrealistischen Körperbild, das sich dabei entwickelt. Effekte, die genauso gut bei Erwachsenen auftreten können.


„Der Königsweg wäre, wenn man gar keine Pornografie bräuchte und sich mittels der eigenen Fantasie in Stimmung bringen könnte", erklärt die Paar- und Sextherapeutin Heike Melzer. Keine andere Expertin spricht in der deutschen Öffentlichkeit so viel über die Auswirkungen von Porno-Sucht wie sie. Auditive Erotik findet sie nicht per se besser, aber sie sieht einen Unterschied. „Audiopornos können wie eine Leinwand für die eigene Fantasie sein", so Melzer. „Solange der Konsum in Maßen bleibt, kann man sich dieser Unterstützung bedienen. Die Dosis macht das Gift."

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