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Crystal Med - Südwest Presse

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Donnerstag, Portugal, Club Med da Balaia. Bacardi-Werbespot. Oder Raffaello. Vielleicht irgendwo, irgendwie dazwischen. Der Club Méditerranée auf den ersten Blick. Doch ist es auch Liebe? Diese Leichtigkeit, die in der Luft liegt und sich in den Gesichtern der Menschen widerspiegelt, egal ob Urlauber oder Animateur. Überall ein Lächeln.

Realität? Relativ. Eher Konzeption. Als Hippiekommune für Erika und Max Mustermann mit 200 Armeezelten in den 50ern in Alcúdia auf Mallorca gegründet, hat sich Club Med heute mit 66 Ferienanlagen und einem Clubschiff über die Welt verteilt.

Wenn man so will, kann man die Reisebranche mit Krieg vergleichen, dann ist jede neue Location ein neuer Stützpunkt. Die Idee der revolutionären Gleichheit aller Urlauber - ein Liberté, Égalité, Fraternité des Tourismus -, nur noch eine vergilbte Polaroid-Momentaufnahme.

Die einstige Bastion des Kommunismus hat sich aus ihrem Kokon geschält und ist zur Kapitalismusmaschine transformiert. Oder muss man es bloß mit Med-Augen sehen: Die Raupe verwandelt sich in einen Schmetterling? Erstes Stadium: die G.O.s. So nennt Club Med seine Animateure. Das Akronym steht für „Gentil Organisateur", französisch für „netter Organisator".

Klingt vielversprechend. Viel sprechend klingen die Mitarbeiter definitiv. Kleine Flaggen rund um ihre Namensschilder, die an Armeeabzeichen und damit an die Wurzeln des Clubs erinnern sowie die strukturierte Hierarchie andeuten, verraten dem Gast, zwischen welchen Kommunikationsarten er wählen kann.

Viel reisend sind sie effektiv. Alle sechs Monate wechseln die G.O.s das Resort, um ihr Begeisterungslevel hochzuhalten. Nur so können sie sich in ihrer Abhängigkeit weiter an der Droge Med berauschen, die ihnen den außergewöhnlichen Elan zu verleihen scheint, der für den 24/7-Job nötig ist. Eingeführt hat das System der Franzose Gilbert Trigano, der die Leitung im Jahr 1954 übernahm und die ebenso berühmt wie berüchtigte Bankiersfamilie Rothschild als Kapitalgeber mit ins Boot holte.

Zweites Stadium: Wo es G.O.s gibt, muss es auch G.M.s geben. „Gentil Membre", „nettes Mitglied", nennt Club Med seine Gäste, die innerhalb eines Tages gleichzeitig Robin Hood und Robinson Crusoe sein können. Morgens spannen die Arme noch Pfeil auf Bogen im Archery-Bereich inmitten der Clubanlage, mittags manövrieren selbige nimmermüde ein Kajak paddelnd auf dem Atlantik. Zur Entspannung hängen sie zwischendurch als Hochseilartist am Fliegenden Trapez.

Abends verwandelt sich der Gast in James Bond - ganz ohne Netz, dafür mit doppeltem Boden. Geschüttelt vor Rührung. Als Amateur, berührt von hübschen Animateuren und noch hübscheren Animateurinnen, die Einsamkeit und Langeweile fernhalten sollen. Das unterschwellige Bunga-Bunga-Image der Sechziger haftet am Club immer noch wie Sand an den Füßen nach einem Tag am Meer und ist wohl der Grund, warum es so viele Väter samt Familie hierherzieht.

Alles ist auf Begegnungen ausgerichtet. Die Minibar auf den Zimmern ist zwar da, aber leer. Spätestens der Appetit treibt einen raus ins Restaurant. An den Achter-Tischen is(s)t niemand allein.

Wahlmöglichkeit gibt es dagegen beim Abendessen. 50 Gerichte von „Kenn ich!" bis „So was kann man essen?" stehen zur Auswahl. Gar ein ganzer Thunfisch schmückt das Büfett, groß genug, dass niemand ihm beim Kajaken vor der Südküste der Algarve im Wasser begegnen möchte.

Sobald die Nacht einbricht, mutiert der Club zum Club. Wie auf Knopfdruck, wohl des DJs, feiern die Menschen und tanzen choreografiert zu französischen und internationalen Popklängen. In aller sektenhaft erscheinender Fröhlichkeit ist oft nicht klar erkennbar, wer Gast und wer Gastgeber ist. Dabei ist die Formel simpel: Die Angestellten sind alle jung.

Bis auf einen, den „Chef de village". Der Clubchef-Guru (wie treffend, dass es einen Zen-Pool gibt) ist verantwortlich für die perfekte Organisation, die perfekte Illusion. Elitär anmutend und älter als die hauseigenen Truppen. Doch nicht minder braun gebrannt, polyglott, bigott. Prägnantestes Merkmal: das von Falten eingeschlossene Lächeln. Mit militärischer Präzision scheint der Slogan des Clubs, „A piece of happiness", in seinen Augen aufzuflackern, der wohl nicht von ungefähr an Disneys Motto vom „The happiest place on earth" erinnert. Ein Disneyland für Erwachsene.

Doch auch solche Nächte enden irgendwann, irgendwie. Das Irgendwo ist der Rückzug auf die einzige einsame Insel in diesem umtriebigen „Meer des Lächelns"-Resort: das eigene Zimmer. Dort, wo man wirklich für einen verblassenden Moment Robinson ist. Bis Freitag kommt.


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