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Irakische Filmemacherinnen: Bewegte Bilder gegen erstarrte Strukturen

Filmstill: elbarlament

Ein Junge und seine Mutter, abschätzige Blicke des Taxifahrers in den Rückspiegel. Was geschehen ist, verraten die kindlichen Fragen. Sie treffen ins Mark: „Mama, warum sagen die Leute, Papa sei beim IS? " „Mama, warum hat uns der Schulleiter rausgeworfen?" „Mama, gehen wir morgen wieder in die Schule? - Nein."

Das Taxi holpert über die Straßen von Mossul, der Großstadt im Norden des Irak. Der IS hatte sie von 2014 bis 2017 in seiner Hand. Als die Mutter mit dem Jungen in ihrem Viertel aussteigt und sie nur noch wenige Schritte von ihrer Wohnung trennen, umringt sie auf einmal eine Horde Kinder: „IS, IS, IS!", schreien sie. Am Ende löst die Mutter das Problem - mit Süßigkeiten für alle.

„Daesh in Mossul, das war ja nicht nur ein böser Traum", sagt Dahlia Qutaiba, die selbst aus der Stadt kommt. Sie hat den Kurzfilm „Schranken der Identität" gemeinsam mit Hajir Azhar produziert. „Die IS-Herrschaft war unsere Realität, sie ist Teil unserer Erfahrungen. Sich damit auseinanderzusetzen, macht uns nur stärker."

Qutaiba und Azhar haben neben 14 weiteren Frauen an „Women Make Film" teilgenommen, einem Trainingsprogramm für irakische Kulturschaffende und Künstlerinnen, aus dem vier Kurzfilme hervorgegangen sind. Viele von ihnen, wie Dahlia Qutaiba selbst, hatten vorher kaum Erfahrungen mit dem Filmemachen. Qutaiba sah sich viel stärker als Autorin. Sie ist als Teil eines Mossuler Lesezirkels auch mit der Autorin Rola Buraq gut bekannt, die kürzlich im Rahmen des Inana-Projekts für irakische Autorinnen auf Lesereise in Deutschland war.

Der Lange Schatten des „Islamischen Staates"

Die Episode der IS-Herrschaft arbeitet und gärt noch, und sie wird weitere Generationen prägen in diesem Land, das an Geschichte und Erzählungen so reich ist wie wenig andere. „Im Irak stehen tausende Geschichten im Regal, die noch nie jemand erzählt hat", so beschreibt es die Bagdaderin Nour Ali. Eine davon hat sie in ihrem Film „Warten" aufgegriffen, den sie gemeinsam mit Kawthar Jbara, Mariam Alzayidi und Teeba Adel gedreht hat. Die Handlung spielt während des Iran-Irak-Kriegs in den 1980er-Jahren. „Dieser Krieg hat tausende von Menschen das Leben gekostet, aber weil er zur Zeit der Diktatur von Saddam Hussein geschah, es keine freien Medien und natürlich keine sozialen Netzwerke gab, ist sehr vieles im Dunkeln geblieben", sagt Ali.

Ihr Film beschreibt die düstere Sprachlosigkeit einer Familie, die auseinandergerissen wird, als der Vater in den Krieg eingezogen wurde. Sie bricht ein zweites Mal auseinander, als sich herausstellt, was die Kriegsgefangenschaft aus ihm machte: einen depressiven, herrischen, sich ins Religiöse flüchtenden Mann. Einen Gebrochenen, der es nicht erträgt, dass seine Frau auch mal schicke Schuhe trägt und seine Teenager-Tochter so gerne zeichnet. Am Ende verlässt ihn seine Frau, selbstbestimmt und stark zwar, aber auch traurig. Das Bild ihres Mannes aus besseren Zeiten nimmt sie mit.

„Women Make Film" ist ein Projekt der Organisation elbarlament und lief, so Projektmanagerin Kenza Rady, am Ende ganz anders, als anfangs geplant. Wegen der Covid-19-Pandemie konnten die fünf im Irak angedachten Workshops nur online stattfinden - für die Trainerin, die Kairoer Regisseurin Salma El Tarzi, wohl die größte Umstellung. Auch das große Finale in Bagdad musste letztlich in den virtuellen Raum verlegt werden. Dass sich vor Ort eine Produktionsfirma fand, Ishtar Productions - gegründet übrigens von einer Frau -, sei ein Glücksfall gewesen, so Rady.

Sowohl Dahlia Qutaiba als auch Nour Ali betonen, wie sehr das Projekt sie, die sich vorher kaum mit dem Filmen auskannten, verändert habe. Da verwundert es nicht, wenn sie die Frage, ob Kunst und Kultur ein Land verändern könnten, ohne zu zögern mit Ja beantworten. „Filmemachen ist ein kreativer Prozess, ein Schaffensprozess", meint Ali. Qutaiba betont vor allem die Kraft guter Geschichten: „Wir Menschen glauben an Geschichten. Wir erzählen uns, wie jemand Schwierigkeiten überstanden hat, wie er aus Tragödien etwas mitnahm und an ihnen wuchs. Literatur und Filme können das transportieren."

„Es wird Jahrzehnte dauern, bis wir Demokratie haben"

Dass sich der Irak verändern muss, daran zweifelt keine der am „Women Make Film"-Programm beteiligten Frauen. Viele von ihnen sind aktiver Teil der revolutionären Bewegung, die das Land seit über einem Jahr prägen, mit dem Bagdader Tahrir-Platz als Epizentrum. Seit Monaten steht die Bewegung unter Druck, Milizen greifen ihr Camp in Bagdad an, verüben Attentate oder entführen Menschen, die sie als Teil der Protestbewegung ausmachen. „Veränderung geschieht nur nach und nach", sagt Nour Ali. „Es wird Jahrzehnte dauern, bis wir Demokratie im wirklichen Sinne haben. Bis dahin hoffe ich einfach, dass wir die korrupten Parteien und ihre extremistischen Milizen loswerden."

Es spielt sich aber noch eine weitere Revolution in den Köpfen und Herzen des Irak ab. Alte Rollenbilder über Mann und Frau brechen langsam auf, und die treibende Kraft dahinter sind, natürlich, die Frauen. Am 31. Oktober 2020 jährt sich die UN-Resolution 1325 zum zwanzigsten Mal. In Deutschland wurde das Jubiläum kaum beachtet, im Irak sehr wohl: In der Resolution „Frauen, Frieden und Sicherheit" wurden die Mitgliedsstaaten der UN erstmalig dazu aufgerufen, die Rechte von Frauen zu achten.

Aber die Resolution geht über die Forderung nach mehr Schutz hinaus, weil sie Frauen eine aktive Rolle an der Beilegung und zukünftigen Vermeidung von Konflikten zuspricht. „Wegen der großen Bedeutung dieser UN-Resolution haben wir sie auch im Projekt aktiv thematisiert", sagt Projektmanagerin Kenza Rady. „Außerdem hatten wir mit einer Aktivistin aus Erbil eine Sitzung zu Gender-Themen."

Beispielhaft für das Thema Rollenbilder steht der Kurzfilm „Picknick" von Zozan Saeed, Zahra Alkindy, Tuqa Al-Din, Seivan M. Salim und Kashen Waisy. Darin streiten zwei Eheleute in einer wohlhabenden Gegend des Irak über typische Klischeefragen - „mach du endlich die Weinblätter für das Picknick im Park, ich kümmere mich um das Auto." Als das Auto nicht anspringt und sich herausstellt, dass die Nachbarin viel mehr Ahnung vom Schrauben hat als der Ehemann, bekommt das alte Rollenbild einen ersten Knacks, jedenfalls für den Mann. Die Frau wusste schon längt: „Alles, was Männer können, können Frauen auch. Der einzige Unterschied: Frauen können es ein bisschen besser." Es ist einiges in Bewegung im Irak.

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