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Feature

Mit Liebe fürs Detail: Sattlerei Paravicini

Angekommen in der Großen Burgstraße 35 steigt ein markant wohliger Duft in meine Nase. Er kommt vom Leder – das Material, mit dem der 29-jährige Nicolai Paravicini hier jeden Tag arbeitet. Ich sehe mich um und fokussiere einen braunen Gürtel, der die Silhouetten großer Lübecker Sehenswürdigkeiten abbildet. Dieser Sattler hat eine Liebe fürs Detail.

„Das ist das, was die Kunden bei mir schätzen“, sagt er stolz. Neben den ausgestellten Eigenkreationen erhält er viele Auftragsarbeiten. Die Kunden können entscheiden, wo sie einen Zentimeter mehr oder weniger Material haben möchten. „Ich nutze so wenige Maschinen wie möglich. Dadurch bin ich freier in der Gestaltung.“ Er begrüßt es, wenn Kunden eigene Entwürfe mitbringen oder mit Reparaturen diversester Art in sein Atelier kommen. „Die Menschen vertrauen darauf, dass zum Beispiel eine Ledertasche einer hochwertigen Marke ihrem Modell entsprechend repariert wird. Auch dafür bin ich da.“

Drei große Bereiche deckt Paravicini ab: Taschen, Gürtel und Accessoires als einen Bereich, der Reitsportbereich und die Ledermasken. „Leder ist wunderbar zu verarbeiten. Es lässt sich im Nasszustand gut formen. Im Trockenzustand ist es dann fest“, erklärt er begeistert. Darüber, dass Leder als Material kritisch diskutiert wird, ist er sich im Klaren. Er sucht seit Längerem nach einer Alternative, doch bisher vergebens. Trotzdem ist ihm die Umwelt sehr wichtig: „Ich verarbeite ausschließlich pflanzlich gegerbtes Leder. Ich habe mich im Einkauf auf zwei deutsche Gerbereien reduziert, die nach deutschen Standards arbeiten. Die Regeln sind hier strenger als in manch anderen Ländern.“

Im Reitsportbereich bedient Paravicini vor allem die Western- und Freizeitreiter. „Da ist der Aufbau der Sättel anders als im klassischen Stil“, betont er und wirft ein: „Etwa das Horn beim Westernsattel – manche finden es gefährlich, wenn sie sich im Wald etwas gebückt halten müssen, um nicht an die Bäume zu geraten, andere finden es total super, um sich daran festzuhalten.“ Letztlich zähle das zu den Dingen, die sich nach den individuellen Wünschen der Kunden richten. „Es ist ein praktischer Gegenstand, der primär nach den Bedürfnissen von Pferd und Reiter entwickelt wird.“

Paravicini, der in der Schweiz geboren wurde, ist seit zwei Jahren selbständig. „Ich wollte immer irgendetwas Handwerkliches machen“, erzählt er. Bereits im Alter von 16 Jahren verließ er die Schweiz und kam für seine Ausbildung nach Deutschland: „Oft sind Sattlereien nur Ein-Mann-Betriebe, in denen viele Reparaturen gemacht werden. In Obersteinebach bei Koblenz entdeckte ich einen Betrieb, der Neuanfertigungen machte. Das war Gold wert für meine Ausbildung.“ Danach konnte er in demselben Betrieb erstmal weiterarbeiten. Er studierte Theologie, wollte sich verändern, und eines Tages landete er – der Liebe wegen – im hanseatischen Lübeck. Zunächst als Näher beschäftigt, fiel ihm nach hunderten Metern Naht plötzlich auf, dass er früher doch einen sehr schönen Beruf gelernt hatte. So entstand die Idee für sein eigenes Sattleratelier.

Über der Tür entdecke ich schließlich noch eine kleine Auswahl an Masken. Sehr fein und detailgenau. Ich frage nach: „Sind die wirklich aus Leder?“ – „Ja, die Masken sind aus wenig bis gar nicht gefettetem Leder. Das Fett macht es geschmeidig, was bei Taschen oder Gürteln wünschenswert ist, damit es nicht brüchig wird. Bei den Masken wird dieser Arbeitsschritt weggelassen. Dadurch werden sie sehr fest.“ Die Ledermasken sind meistens Maßanfertigungen, für Theaterschulen gibt es Durchschnittsmaße.

Text und Foto: Christoph Krelle