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Reportage

Das Wolkenschloss

Die "Elbschloss Residenz" ist Deutschlands feinstes Altenheim. Die Bewohner zahlen auch für die Illusion, dass der Tod nicht existiert.

Das Paradies liegt in Hamburg, an der Elbchaussee 374. Während überall der Pflegenotstand herrscht, werden in der "Elbschloss Residenz" reiche Senioren rund um die Uhr umsorgt - und mit aller Macht so getan, als gäbe es den Tod nicht. Die MOPO am Sonntag warf einen Blick hinter die Kulissen von Deutschlands vielleicht feinstem Altersheim.

Kurt Grobecker (75) steht auf Granitboden und atmet den Geruch von Sommerblüten ein. "Diese in manchen Altersheimen herrschende miefige Atmosphäre wollte ich für mich nicht akzeptieren." Vor ihm glänzt die Empfangshalle in warmem Pastell, hinter den Fenstern ragen weiße Wohnblöcke wie Wolkenhäuser aus dem Elbhang. Der Journalist im Ruhestandhat es geschafft - in Deutschlands vielleicht feinstes Altenheim. "Ich will bei vielen kulturellen Anregungen meine Ruhe genießen, bis der da oben mich abruft", sagt Grobecker.
Bis zu 6000 Euro im Monat zahlen die Bewohner für eines der knapp 190 Appartements in der "<<Elbschloss->> <<Residenz>>". Für zu Schwänen gefaltete Servietten, für ein Vier-Gänge- Menü jeden Mittag. Für eine 200-köpfige Armada dauerlächelnder Helfer. Und für die Illusion, dass sie der Tod hier oben über der Elbe vielleicht vergisst. "Die Bewohner haben Ansprüche, die sie sich verdient haben", sagt Christiane Harms (45).

Die Geschäftsführerin schlurft in Plastikpuschen durch die Wellness-Landschaft. "Es sind Kaufleute, Schauspieler, Menschen mit sehr erfüllten Leben." Erst kürzlich ist ein großer deutscher Schriftsteller mit seiner Frau eingezogen. "Wir haben zwei Aufgaben: diesen Menschen Sorgen abzunehmen und auch, sie zu beschützen." Darauf wurde jeder Zentimeter der Anlage genau abgestimmt. Fast alle Böden sind rutschfest beschichtet, Türen gehen wie von Geisterhand auf. Sensoren tauchen die Gänge für die Bewohner in honigfarbenes Licht, wenn sie sich nähern. "Wir wollten kein steriles Krankenhaus-Licht in der <<Residenz>>", sagt Christiane Harms. Ihre Perlenohrringe wippen wild hin und her, als schockiere Harms schon die Vorstellung.

Wenn Kurt Grobecker seinen Mittagsschlaf gehalten hat, kann er im geschwungenen Wellen-Pool noch ein paar Bahnen schwimmen. Den gebrechlicheren Damen hilft ein Kran ins Wasser - und verschwindet wieder spurlos hinter einer Vertäfelung aus feinem Lärchenholz.

Diskretion sei wichtig, sagt Christiane Harms. "Man sollte sich im Alter in existenziellen Fragen nicht selbst belügen", sagt dagegen Kurt Grobecker. Der 75-Jährige weiß, was ihn erwartet. "Zunächst steht unser hauseigener ambulanter Pflegedienst zur Verfügung, wenn der Körper nicht mehr mitspielt. Und wenn es dann schlechter läuft, ist der Umzug nach Klein Flottbek unvermeidbar." Dort steht die Demenzstation der "<<Elbschloss->><<Residenz>>". "Wir Bewohner behandeln dieses Thema aber nicht ausführlich", sagt Grobecker und lacht bitter.

Christiane Harms will die Rentner fit halten, solange es geht. Mit Kreativitätskursen, mit Lesungen und Krafttraining an High-Tech-Geräten. "Aber es gibt leider eine gewisse Fluktuation." Eine schöne Umschreibung für den Verfall. Die meisten ziehen erst mit 80 Jahren in die "<<Elbschloss->><<Residenz>>" ein, oft ist es Luxus für die letzten Tage. "Einige schotten sich in ihren Apartments ab, das macht es schwerer." Sie blickt zu Boden, sagt dann leise: "Wenn ich es mir aussuchen könnte, hätte ich die Bewohner früher, damit sie sich einleben können."
 Wenn der Tod doch den Elbhang hinaufkommt, sind es schwierige Tage für Christiane Harms. Beim Mittagsmenü werden die Bewohner heimlich durchgezählt, von den Kellnern mit dem Katalog-Lächeln. Ein Anruf im Appartement - dann gibt es Entwarnung oder Gewissheit. Kurt Grobecker sagt, dass die Leichenwagen häufig nachts kommen. Christiane Harms wiederholt dazu ihr Motto: "Wir müssen die Bewohner auch beschützen."

Lange hat die Heimleitung überlegt, wie sie die Toten würdigen soll. "Wir können nicht alle Spalier stehen, das würden einige Bewohner nicht verkraften". Die Lösung ist ein Kondolenzbuch in der Nische der Residenzbibliothek. Christiane Harms blättert langsam durch die Pergamentseiten, auf ihnen steht fast immer derselbe Satz. "Ein Leben hat sich vollendet." Wird ein Appartement frei, ist es schnell wieder weg. "Die Zahl der Leute, die so schnell es geht einziehen möchten, ist dreistellig." Sie scheint nicht zu wissen, ob sie nun lächeln oder einfach schweigen soll.