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Krisen in Kalifornien: In Utopia brennt die Hütte

Der Ocean Beach in San Francisco im August 2020

Kalifornien und vor allem San Francisco sahen sich immer als gesellschaftliche Vorreiter der USA. Belagert von Corona und ausufernden Waldbränden verändert sich einiges.



Die Einwohner von San Francisco verlassen das Haus nicht ohne Maske. Sie sind vorbildliche Corona-Bürger - aber seit einer Woche gibt es noch einen anderen Grund: Je nachdem, wie der Wind steht, riecht die Luft beißend nach Qualm, und die Sonne ist nur noch ein orangefarbener Ball hinter Staubwolken. Rund um die Stadt lodern Waldbrände, die größten seit Menschengedenken. Ein Ausflug in die Berglandschaft nördlich der Golden Gate Bridge oder in die Weingegend um Napa und Sonoma, bisher ein Lichtblick in der tristen Corona-Einsiedelei, ist zunehmend unmöglich.


So sitzt man zu Hause und "doomscrollt", wie das zwanghafte Suchen nach immer neuen Katastrophenmeldungen im Internet genannt wird. Wenn es noch den Strom dafür gibt - der Energieversorger PG&E hat damit begonnen, in sogenannten rolling blackouts regelmäßig dem Strom in Teilen des Landes abzustellen, weil er den durch die Hitzewelle gestiegenen Bedarf nicht bedienen kann. Zyniker munkeln, dass zur Abrundung des Schreckensjahres 2020 nur noch The Big One fehlt, das große Erdbeben, das alle paar Jahrzehnte die Stadt erschüttert.


Ist das ein Leben, für das es sich lohnt, die durchschnittliche Miete von 3.600 Euro für eine Dreizimmerwohnung zu bezahlen oder den mittleren Preis von 1,1 Millionen Euro für ein Einfamilienhaus? Viele Menschen finden das offenbar nicht: Das Immobilienportal Zillow meldet, dass in San Francisco heute doppelt so viele Wohnungen und Häuser auf dem Markt sind wie vor einem Jahr, die Lokalpresse spricht schon von einem "Exodus".


Eine solche Stimmung ist bemerkenswert in einer Stadt, die sonst vor Selbstbewusstsein strotzt und sich als Vorhut gesellschaftlichen Fortschritts sieht, sei er sozial oder technologisch. San Francisco ist eine Inselerscheinung in den wie sonst nur New York. Jeder Lebensstil wird hier nicht nur geduldet, sondern gefeiert, die Toleranz endet allenfalls bei den Anhängern des aktuellen Präsidenten, der hier bei der vorigen Wahl nur neun Prozent der Stimmen holte.


Natürlich hat auch San Francisco seine Schattenseiten: Besucher von außen, insbesondere aus Europa, sind entsetzt über die offen sichtbare soziale Ungleichheit. Die gut verdienenden Mitarbeiter der Tech-Firmen haben die Immobilienpreise in Höhen getrieben, die zum Beispiel für die Lehrer ihrer Kinder längst nicht mehr erschwinglich sind. Die Zeltdörfer der Obdachlosen, die in Corona-Zeiten von der Stadt geduldet werden, dringen immer weiter in die Wohnviertel der gut Betuchten vor. Die tragen zwar eine fortschrittliche Haltung vor sich her, sträuben sich aber gegen jede Veränderung. Die Zeitschrift Wired beschrieb es kürzlich so: "Je mehr Black-Lives-Matter-Poster man in den Fenstern der reich-liberalen Viertel sieht, deren Bewohner sich gegen sozialen Wohnungsbau wehren, um so klarer wird es, dass etwas nicht stimmt mit San Franciscos progressiver Ideologie."


Schnell reagiert auf das Virus

In der Corona-Krise aber zeigte sich die Stadt zunächst von ihrer besten Seite. Bürgermeisterin London Breed war landesweit die erste Politikerin, die den Ernst der Lage erkannte. Schon am 25. Februar, es gab noch keinen einzigen Fall in der Stadt, trat sie vor die Presse und erklärte den Notstand für San Francisco. Die Bürgermeisterin hörte auf ihre Gesundheitsbehörde und verkündete einen Lockdown, als ihr New Yorker Amtskollege Bill de Blasio noch abwiegelte und die Bürger aufforderte, ihrem gewohnten Alltag nachzugehen. Das könnte auch damit zu tun haben, dass die Stadt in den Achtziger- und Neunzigerjahren schmerzhafte Erfahrungen mit der Bekämpfung einer Seuche gemacht hat: "Wenn ein Arzt, der schon gegen die Aids-Krise in San Francisco gekämpft hat, dir sagt: 'Du musst dir Sorgen machen', dann machst du dir Sorgen", sagte Breed im Interview mit Wired.


Die umliegenden Kreise in der Bay Area zogen mit, am 19. März legte der Gouverneur Gavin Newsom auch das öffentliche Leben in ganz Kalifornien lahm. Das war die Grundlage für das "kalifornische Wunder": Während in anderen Teilen des Landes die Corona-Infektionszahlen in die Höhe schnellten, blieben sie in Kalifornien bis zum Juni erstaunlich niedrig. Für San Francisco liegen sie bis heute in der Größenordnung deutscher Großstädte, nur 80 Menschen sind bisher der Pandemie zum Opfer gefallen. Hätte sich die Infektion ausgebreitet wie in New York, dann wären mehr als 2.000 Opfer zu erwarten gewesen.


Beigetragen zu dem Erfolg hat auch die frühe Reaktion der Tech-Konzerne, die sich traditionell von Daten leiten lassen. Twitter empfahl seinen Mitarbeitern schon am 28. Februar, zu Hause zu bleiben, binnen einer Woche zogen alle großen Internetfirmen nach. Das Geschäft ging praktisch ungestört weiter, die Börsenkurse stiegen auf Rekordhöhen. Google bietet seinen Mitarbeitern, die sich um Kinder oder Angehörige kümmern müssen, großzügige bezahlte Auszeiten an. Die Option, im Homeoffice zu arbeiten, wird für die Googler mindestens bis Juli 2021 gelten, in anderen Firmen ist es ähnlich.


Die soziale Spaltung der Stadt wurde durch diese Entwicklung natürlich verstärkt. Während die einen bei voller Bezahlung in ihren schmucken Häusern saßen und allenfalls von lärmenden Kindern gestört wurden, trugen die anderen die Last der Pandemie. Insbesondere die Latino-Bevölkerung der Stadt. Sie stellt einen großen Teil der essential workers, der Briefträger und Krankenschwestern. Eine große Testaktion im Mission District ergab, dass dort 95 Prozent der Corona-Infizierten Latinos waren – ihr Bevölkerungsanteil beträgt lediglich 40 Prozent.


Der lange Lockdown zehrte an den Nerven der San Franciscans. Die Schulen, geschlossen seit dem 16. März, haben auch nach den Sommerferien nicht wieder geöffnet, die Kinder lernen weiterhin online. Zudem mussten die Eltern die 11-wöchige Ferienzeit überbrücken, ohne die Kleinen in die sonst üblichen Tagescamps schicken zu können. Zwar sind die Maskenträger auf den Straßen von San Francisco immer noch in der Mehrheit, aber die Sitten weichen auf: Eltern ignorieren mit ihren Kindern die Plastikbänder, mit denen immer noch alle Spielplätze abgesperrt sind. Der Verkehr auf der Golden Gate Bridge hat sich seit April wieder verdoppelt. In den für die Stadt ungewöhnlich warmen vergangenen Wochen haben sich die Bürgersteige zunehmend in Straßencafés verwandelt.


Und der ganze Staat Kalifornien musste lernen, dass auch die vorsichtigen Lockerungen durch Gouverneur Gavin Newsom offensichtlich verfrüht waren. Das "kalifornische Wunder" endete im Juni, als die Zahl der täglichen Neuinfektionen im Staat plötzlich dauerhaft über der 5.000er-Marke lag. Das bevölkerungsreiche Kalifornien hat mittlerweile die meisten Corona-Fälle im Land (umgerechnet auf 100.000 Einwohner liegt es nur auf Platz 21 der 50 Staaten). Die Fälle sind dabei sehr ungleich verteilt: Sie häufen sich im Süden des Landes, um Los Angeles und San Diego, und in den Kreisen des Central Valley, wo viele landwirtschaftliche Arbeiter erkrankt sind. Unter den 10 Millionen Einwohnern von Los Angeles gab es viermal so viele Fälle und fünfmal so viele Tote wie in der Bay Area um San Francisco, deren Bevölkerung nur unwesentlich kleiner ist.


Im Moment sind die Fluchtmöglichkeiten für San-Francisco-Müde eingeschränkt. Es brennt im Süden, im Norden und im Osten. Die Feuer in Kalifornien, die diesmal nicht auf menschliches Fehlverhalten, sondern auf den heißen Sommer zurückzuführen sind, haben 100.000 Menschen obdachlos gemacht und eine Fläche von der Größe des Staates Rhode Island (oder fast die doppelte Fläche des Saarlands) vernichtet. Die Pandemie erschwert die Brandbekämpfung: Früher wurden oft Häftlinge als Feuerwehrleute eingesetzt – in diesem Jahr stehen weniger dieser Hilfskräfte zur Verfügung, weil viele von ihnen wegen Corona-Gefahr freigelassen wurden.


"Und dann kommen sie alle wieder angestürmt"

Es gibt aber auch in Kalifornien noch Zufluchtsorte. Einen davon hat Christina Steinbrecher-Pfandt mit ihrer Familie gefunden. Die 37-Jährige ist eine international erfahrene Kuratorin und hat im vergangenen Jahr in San Francisco ein Start-up gegründet, das digitale Kunst mit Blockchain-Technik versieht und damit einzigartig und unfälschbar macht. Mit ihrem Mann und den beiden Töchtern fuhr die Kuratorin im März zum Skifahren in die Gegend um den Lake Tahoe, vier Stunden östlich der Stadt. Daraus wurde dann zunächst ein dreimonatiges Pandemie-Exil im Airbnb. Der Familie gefiel es so gut, dass sie sich entschloss, die Mietwohnung im Szene-Stadtteil San Franciscos ganz aufzugeben und ein Häuschen in dem Dorf Glenshire zu kaufen.


"Das ist hier wie Bullerbü", sagt Steinbrecher-Pfandt. Die weltgewandte Kunstexpertin ("San Francisco war bis jetzt die kleinste Stadt, in der ich gelebt habe") entdeckt die Vorteile des Landlebens in einer Zeit, in der das städtische Leben zusammengebrochen ist. In ihrer Branche erwartet sie auch keine baldige Wiederbelebung: Die Museen hätten 80 Prozent der Belegschaft entlassen, und die Künstler könnten sich das Leben in der Stadt ohnehin schon lange nicht mehr leisten.


Das ist ein Einzelfall – ob der Exodus aus San Francisco ein Massenphänomen ist, darf man bezweifeln. Schon oft wurde vorausgesagt, dass die irre Immobilienblase der Stadt platzen würde, aber sie überstand sowohl die erste Dotcom-Bubble 2001 als auch die Finanzkrise 2008. Misha Weidman, ein datenaffiner Makler in San Francisco, analysiert Monat für Monat die Lage auf dem Wohnungsmarkt und hat eine differenzierte Einschätzung zum Report des Immobilienportals Zillow. Der Corona-Lockdown habe den Markt tatsächlich zunächst fast zum Erliegen gebracht, aber schon im April sei die Zahl der Wohnungskäufe wieder stark angestiegen. Die Krise betreffe vor allem Appartements in großen Mietkomplexen in der Innenstadt, das stadttypische viktorianische Eigenheim erfreue sich ungebrochener Beliebtheit. Und die Zukunft sieht Weidman optimistisch, nicht nur, weil er es als Makler muss: "Auch das hier wird vorbeigehen", schreibt er in seiner jüngsten Marktanalyse. "Und dann kommen sie alle wieder angestürmt und wollen zurück in die Stadt an der Bay."

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