Christine Wollowski

Brasilien Korrespondentin, Berlin

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Reportage

Nach dem Spiel

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28/2015

 

Vor einem Jahr tauchten die tuckernde Fähre, die sandige Dorfstraße oder der goldgelbe Sandstrand ständig in den TV-Nachrichten auf. Ganz Deutschland kannte Santo André, das Dorf in dem die Nationalelf trainierte. Dann reiste Jogi Löw mit seinen siegreichen Jungs ab, und Santo André im Nordosten Brasiliens war wieder vergessen.

 

In der Erinnerung der Bewohner ist die Zeit mit den Deutschen noch frisch: Sie waren so schön! Es war so viel los im Dorf! Aber auch: Es war total nervig, dass wir ständig den Ausweis dabei haben mussten. Sechs Wochen lang waren die Fremden da, 400 Leute mehr im 800-Einwohnerdorf. Die Fähre kreuzte pausenlos den Fluss, im Supermarkt war manchmal das Mineralwasser ausverkauft, die Dorfstraße vor der Unterkunft der Fußballer abgesperrt. „Mein Haus liegt schräg gegenüber vom Campo Bahia“, sagt die Bäckerin Ane, „ich brauchte den Ausweis sogar, um nach Hause zu gehen!“

 

Ane Alcantara ist eine hochgewachsene Frau die gerne lacht und ebenso gerne kritisiert. Dass die Preise explodiert und nicht mehr gesunken sind. Dass die Bebauung im Campo Bahia dichter ist als im Naturschutzgebiet erlaubt. Und dass dort Events mit lärmenden Generatoren stattfinden. Weg will sie trotzdem nicht, „auch wenn mir schon eine Million für mein Haus geboten wurde!“ Ane stammt aus einer der vier Familien, die einst den Ort gegründet haben, weil hier die Fischgründe gut waren, das Wetter mild, das Leben einfach und ruhig. Auf den ersten Blick hat sich seitdem nicht viel geändert.

 

Vor mehr als zwanzig Jahren hat einer von Anes Cousins einem der ersten Fremden ein riesiges Meergrundstück für einen Ghettoblaster und ein paar Schuhe überschrieben, „weil es das hier nicht gab. Es gab keine Fähre, keine Straße, wir lebten am Ende der Welt“, erinnert sich Ane. Bis heute wirkt es, als drehe sich die Welt ein paar Takte langsamer zwischen der zwei Kilometer langen Sand- und der asphaltierten Schnellstraße. Viele Grundstücke gehören Zugewanderten aus Argentinien, Spanien, Italien oder Deutschland, die sich hinter Eukalyptuszäunen ihre Residenzen oder Chalets gebaut haben. Aber sie sind immer noch Hektargroß, es stehen hundertjährige Mango- oder Cajábäume darauf, und es verkehren kaum Autos.

 

Während des Tropenwinters im Mai ist es so ruhig, dass die Kellnerin im Restaurant Sant’ Anna den Chef erst in seinem Wohnhaus holen geht. Hat er genug Gäste? „Momentan sind Sie da“ lenkt der Italiener Stefano brummelnd ab und verschwindet in der Küche. „Im Sommer ist hier jeder Tisch besetzt!“, erklärt auskunftsfreudiger Mayo Schweizer. Die blonde Mittvierzigerin lebt seit sieben Jahren im Dorf und vermietet Ferienhäuser in einem großen Waldgrundstück direkt am Strand. Die Saison nach der WM sei gut gelaufen, sagt die gebürtige Schweizerin, allerdings dauere sie in Santo André nur von Weihnachten bis Mitte Januar. „Die Leute hatten sich bessere Geschäfte erhofft, aber die Journalisten und der Begleittross wurden in den Hotels verpflegt. Wir hatten Glück, bei uns hat sich das ZDF einquartiert, denen habe ich jeden Abend Currywurst gebraten“. Das Erbe der WM? „Es kommen viele Tagesausflügler, die sehen wollen, wie es hier so ist.“

 

Zu sehen ist ein Straßendorf, das seinem endlosen menschenleeren Strand mit goldgelbem Sand und sanfter Brandung den Rücken kehrt, als sei er nichts Besonderes. Die Häuserfronten richten sich zur Sandstraße, auf der morgens um acht eine Mutter ihre Tochter in Schuluniform hinter sich her zieht, ein Rastafari auf dem Fahrrad vorbeiradelt und ein Mann im Fußballtrikot eine Schildkröte streichelt. Ein Zentrum oder einen Dorfplatz sucht der Besucher vergebens. Stattdessen findet er Projekte: Ein von Müttern selbst verwalteter Kindergarten, ein Musikprojekt mit Violinen- und Flötenunterricht. Und eine erstaunliche kulinarische Vielfalt. Stefano kocht hausgemachte Pasta, Mayo brät Currywurst, Ane backt Vollkornbrot und Nelmo grillt amerikanische Burger.

 

Ein Stück weiter an der Dorfstraße steht an einer Sandsteinmauer „Campo Bahia – Catch your dreams“. Hier ist es. Das 15-Millionen-Euro-Projekt der deutschen Unternehmerfamilie Hirmer, in dem die Spieler ihren Teamgeist entwickelt haben sollen. In das sie nach jedem Spiel unbedingt zurück wollten. Der englische Untertitel wirkt im dörflichen Brasilien ähnlich fremd wie eine Inschrift von Außerirdischen. Hinter der Mauer leuchtet getrimmter Rasen, surrt ein Golfcar über geharkte Kieswege zwischen den Villen, in denen die Spieler WG-ähnlich zusammen gewohnt haben. Keine Absperrung verschließt mehr den Zugang; einzig ein Torhüter mit Walkie-Talkie heißt Besucher willkommen.

 

Hier haben die Hirmers eine kleine Luxuswelt erschaffen, perfekt zugeschnitten auf die Bedürfnisse einer Nationalelf mit Anhang. Die Spieler hatten direkten Blick aufs Meer, der Trainer den direkten auf die Spieler. Jede der 14 Villen ist von einem Künstler ausgestattet, so schlief etwa Schweini unter dem Blick eines in den deutschen Nationalfarben geschminkten Pataxo-Indiojungen. Im luftig zu den Seiten offenen Restaurant stand ein deutscher Chefkoch am Herd. Ein Glasbungalow am Strand war das Fitnesscenter. „Wir sind stolz darauf, einen kleinen Teil zum Sieg beigetragen zu haben“, zitiert die tz die Hirmers nach der WM. Was anschließend mit der Anlage passieren sollte, hatte sich womöglich keiner so genau überlegt. Zuerst hieß es, die Villen würden einzeln verkauft, dann wurden sie als Ferienhäuser vermietet, jetzt läuft das Campo Bahia als Resort. Da können die einander bis dato fremden Gäste der Luxuszimmer abends im Wohnzimmer der Villen gemeinsam im Riesenkuschelsofa auf dem Flachbildschirm Filme gucken – WG-ähnlich, wie die Fußballer.

 

Für Santo André bedeutet das Projekt einen Gewinn von rund 50 Arbeitsplätzen, denn 70 Prozent der Angestellten kommen aus der nächsten Umgebung. „Ich war vorher arbeitslos“, sagt Vanessa, für mich war das ein großes Glück!“ Vanessa strahlt heute noch, wenn sie sich daran erinnert, wie sie den Fußballstars Getränke an den Pool bracht. „Wenn die Abends im TV kamen, konnte ich sagen, ich habe sie alle aus der Nähe erlebt!“ Ein signiertes Shirt bewahrt sie wie eine Reliquie auf – „ es hat mir schon jemand 800 Reais geboten, aber das verkaufe ich nie!“ Die Deutschen haben nicht nur Schuhe und Shirts verteilt, sie haben auch sonst gespendet.

 

Darüber wird im Dorf viel gesprochen. Der Fußballplatz habe seinen Rasen von den Deutschen. Die Schule bekäme den Erlös von gespendeten Mountainbikes, und überhaupt seien Hunderttausende fürs Dorf gespendet worden - und irgendwo versickert. Tatsächlich haben die Nationalspieler ein Projekt finanziert, das vier Jahre lang an zwei Nachmittagen pro Woche für die Kinder der öffentlichen Schule Musik- und Kunstunterricht organisiert. Der Kulturnachmittag hat gerade angefangen, aber es sind kaum Kinder da. „Das muss sich erst herumsprechen“, sagt Lola Pinto von der NGO Iasa, die das Projekt ausführt. „Wir hoffen, damit auch die Schüler zu erreichen, deren Eltern sonst keine Förderung für ihre Kinder suchen.“ Der Fußballrasen hingegen war eine Ausgleichzahlung für die dichte Bebauung des Campo Bahia. So etwas ist in Brasilien möglich. Die Behörde und die Gemeinde genehmigen eine Bebauung von fast 50 Prozent der Grundfläche eines Meergrundstücks in einem Naturschutzgebiet, in dem sonst maximal 20 Prozent erlaubt sind. Dafür zahlt der Bauherr eine mit der Gemeinde abgestimmte Sonderabgabe. In Santo Andre waren das 300.000 Reais für ein Müll- und Recyclingprojekt sowie eine geringere Summe für den Fußballrasen. Ziemlich bescheiden angesichts eines 15-Millionen-Euro-Projekts.

 

„ Bis jetzt hat die WM für mich nichts geändert“, findet Elielton Ramos, ein Cousin von Ane. Elielton wohnt auf einem weitläufigen Gelände in der hinteren Straße, in die sich Fremde selten verirren. Der kräftige Mann mit dem verschlossenen Gesicht liebt seinen Beruf als Fischer, auch wenn er dafür mitten in der Nacht aufstehen muss. Naiv ist er nicht. „Ich verkaufe nicht, ich bin hier aufgewachsen und möchte hier in Ruhe leben können.“ Noch gehe das, manchmal bringe er sogar Urlauber zum Korallenriff zum Schnorcheln. „So wie es jetzt ist, ist es gut, mehr darf es nicht werden“, sagt er, „ich hoffe nur, dass da nicht irgendwelche Investoren in den Startlöchern stehen, die abwarten, bis die Preise wieder sinken.“ Damit das Leben in Santo André noch lange ein paar Takte langsamer laufen kann als anderswo.