Christine Wollowski

Brasilien Korrespondentin, Berlin

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Reportage

Normal gebären ist für Tiere

BRIGITTE, 13/2014
 
Adelir war 29 Jahre alt und zum dritten Mal schwanger. Sie bereitete sich in ihrem halbfertigen Holzhaus mit ihrem Mann Emerson und dessen Sohn auf die Geburt vor. Ihre beiden anderen Kinder schliefen im Nebenraum. Adelir hatte das Licht ausgemacht und Kerzen angezündet, um den Wehen nachzuspüren. Alle fünf Minuten kamen sie schon. Gleich würde sie ins Krankenhaus fahren. Nach zwei Kaiserschnitten dieses Mal endlich für eine normale Geburt. Plötzlich hörte sie ein Auto anhalten. Neun bewaffnete Polizisten stiegen aus dem Mannschaftswagen: In dieser Nacht zum 1. April 2014 erlebte Adelir de Goés in Torres im Süden Brasiliens statt einer normalen Geburt einen Albtraum. Auf Antrag ihrer Ärztin hatte ein Gericht verfügt, dass ihre Tochter per Kaiserschnitt zur Welt kommen musste. Andernfalls bestehe Lebensgefahr für Mutter und Baby. „Sie haben mir die Geburt gestohlen“, sagt Adelir. „Wir haben zuerst gar nicht verstanden was los war, ich wäre doch ohnehin gleich darauf ins Krankenhaus gefahren!“

Als ich von Adelirs Geschichte erfahren habe, war ich gleichzeitig den Tränen nah und froh. Den Tränen nah, weil sie mich daran erinnert hat, wie es sich anfühlt, nicht mehr über den eigenen Körper bestimmen zu dürfen. Und froh, weil ich wusste: jetzt würde ich endlich darüber schreiben können. Brasilien ist eines der Länder mit den höchsten Kaiserschnittraten der Welt: mehr als 50 Prozent in öffentlichen Krankenhäusern, bis zu 100 Prozent in Privatkliniken – gegenüber einem Gesamtdurchschnitt von 32 Prozent in Deutschland. So lassen sich Klinikabläufe besser planen, mehr Geburten in weniger Zeit durchführen, und der teure 24-Stunden-Bereitschaftsdienst fällt weg. Laut Gesetz dürfen auch brasilianische Frauen selbst entscheiden, wie sie gebären wollen – wenn es nicht um lebensbedrohliche Situationen geht. Aber viele private Krankenversicherungen übernehmen nur die Kosten von geplanten Geburten, und „die meisten Frauen haben kein Vertrauen in ihre Gebärfähigkeit und lassen sich durch Einschüchterungsmanöver der Ärzte manipulieren“, sagt Rechtsanwältin Gabriella Sallit aus Belo Horizonte, die sich auf Fälle von Gewalt in der Geburtshilfe spezialisiert hat. Bei Adelir entschied die Ärztin im Krankenhaus, sie könne ihre Tochter nicht spontan gebären, weil sie bereits zwei Kaiserschnitte hinter sich hatte und das Baby sich in Steißlage befand. Keine der Begründungen gilt nach WHO als zwingender Grund für eine OP. Trotzdem holte sich Adelirs Ärztin Unterstützung bei der Staatsanwaltschaft, um die Gebärende zu bevormunden. Als klar war, dass meine Tochter zur Welt kommen würde, entschied ich mich für eine Hausgeburt, weil ich keine Klinik gefunden hatte, in der ich mich sicher gefühlt hätte.

Durch Adelir ist das Thema natürliche Geburt endlich ein Thema in Brasilien. Berichtet wird sonst eher über die gelungene OP. Während meiner Schwangerschaft fragten mich Brasilianerinnen oft fast ungläubig: „Und du willst wirklich eine normale Geburt? Du bist aber mutig!“ In Youtube finden sich dagegen unter dem Titel „Mein Kaiserschnitt“ reichlich Videos, in denen Babys aus grünen OP-Tüchern gehoben werden. In besseren Privatkliniken gehört es längst zum Service, dass die Familie im Nebenraum die Live-Übertragung der Operation verfolgen kann. Die Mütter-Zeitschrift Crescer berichtet, wie die 28-jährige Marketingfachfrau Fernanda Misseroni in vollem Make-up, frisch gefönten Haaren und High Heels zum vereinbarten Geburtstermin kam und sich anschließend - noch unter Narkose - von ihrer Mutter die Fingernägel lackieren ließ: „Dann habe ich mein Make-up aufgefrischt und perfekt zurecht gemacht meine Tochter erwartet.“ Ganz nach dem Vorbild der Stars, die gleich vom OP-Saal wieder zum nächsten Dreh eilen.

Ich hatte mir für die Geburt meiner Tochter eine Gebärwanne besorgt, frei nach dem Vorbild von Supermodel Gisele Bündchen, die ihre beiden Kinder in ihrer New Yorker Wohnung in der Badewanne bekommen hat. In ihrer Heimat, in der Schönheits-OPs schon bei Teenagern normal sind, ist Gisele mit ihrer klaren Stellungsnahme für Hausgeburten fast eine Sensation. Der eigene Körper wird zur Ware, die perfekt auszusehen hat. Die Schmerzen und die Selbsterfahrung einer Spontangeburt passen nicht dazu. „Normal zu gebären hat nichts Normales!“, erklärt Patrícia Gocalita, Mutter und OP-Verfechterin, in ihrem Youtube-Video, „die Frauen kommen vor Schmerzen fast um, die Krankenschwestern lassen ihnen die Fruchtblase gewaltsam platzen, dann reißt ihnen der Damm von vorne bis hinten. Und wenn sie Pech haben, müssen sie hinterher doch eine OP machen, weil ihr Becken zu eng ist. Ich bin absolut für den Kaiserschnitt: da spüre ich nur die Emotion, mein Baby zum ersten Mal zu sehen!“ Aus Patrícias Erklärung spricht vor allem ihre große Angst vor Schmerzen. Kaum irgendwo auf der Welt werden mehr Schmerzmittel und Antidepressiva verkauft als in Brasilien. Meine Hebamme hatte mir geraten, vor dem Geburtstermin die Nachbarn zu informieren, dass ich zuhause gebären wollte – damit sie nicht die Polizei riefen, wenn es lauter würde. Die Tendenz, lieber zu unterdrücken als sich auseinanderzusetzen, mag auch in Deutschland dafür sorgen, dass neben den zunehmenden Hausgeburten gleichzeitig die Kaiserschnittraten wachsen. In Brasilien hat eine Untersuchung der Stiftung Oswaldo Cruz ergeben, dass mehr als 80 Prozent der befragten Brasilianerinnen zu Beginn der Schwangerschaft normal gebären wollten. Am Ende hatten 90 Prozent einen Kaiserschnitt. Freiwillig? Die Anwältin Gabriella Sallit sagt: „Grundlage für eine unabhängige Entscheidung wäre hinreichende Information – uninformierte oder bewusst von den Ärzten falsch informierte Frauen lassen sich verunsichern.“

„Meine ersten beiden Kinder sind per Kaiserschnitt auf die Welt gekommen, weil ich nicht Bescheid wusste“, sagt auch Adelir. Die stille junge Frau mit der nachdenklichen Art war 21, als sie ihr erstes Kind erwartete. Als der Arzt in der 39. Woche eine OP ansetzte, weil „kein Fruchtwasser mehr da war“, nahm sie das ungeprüft hin. Sie war jung, weiblich und arm, und die brasilianische Gesellschaft ist stark patriarchalisch geprägt. Das Wort der Ärzte gilt ungleich mehr als das einer Schwangeren – wenn sie sich denn überhaupt traut, etwas zu sagen. Beim zweiten Kind gelang Adelir die Spontangeburt wieder nicht – weil sie in der 41. Woche in die Klinik ging, als der Schleimpropf sich vom Gebärmuttermund gelöst hatte. „Ich wusste nicht, dass ich trotzdem zuhause die Wehen hätte abwarten können“, sagt die dreifache Mutter heute. Inzwischen kennt sie sich aus. Hat sich ein Messgerät für den Herzschlag des Babys gekauft. Redet in Fachbegriffen wie eine Hebamme. Es hat ihr nichts genutzt. „Das Außergewöhnliche am Fall von Adelir ist nicht die Gewalt, sondern dass sie sich gewehrt hat“, sagt Rechtsanwältin Sallit: „sie war informiert, sie wusste, was sie wollte!“

Dabei ging es Adelir de Goés gar nicht um Protest. Sie wirkt nicht einmal jetzt wütend. Trotzdem ist sie zum Symbol der brasilianischen Bewegung für natürliche Geburt geworden. Auf Antrag von Artemis, einer Organisation gegen Gewalt an Frauen, wird ihr Fall sogar vor der Menschenrechtskommission der Abgeordnetenkammer diskutiert werden. Auch die brasilianische Regierung hat sich solidarisch erklärt - ziemlich verspätet. In Adelirs Namen sind Frauen in allen brasilianischen Großstädten auf die Straße gegangen, haben sich in Facebook und Twitter Protestgruppen gebildet. „Wir sind alle Adelir - unser Körper, unsere Regeln“ lautet das Motto.

Auch ich bin Adelir. Meine Tochter ist durch einen ungewollten und medizinisch nicht begründeten Kaiserschnitt in einem brasilianischen Krankenhaus zur Welt gekommen. Ein Arzt des öffentlichen Gesundheitssystems hat mir ihre Geburt gestohlen. Bei mir war kein Gerichtsbeschluss dazu nötig, weil ich nicht so gut auf die Macht der Weißkittel vorbereitet war wie Adelir de Goés.

Luana sollte zuhause auf die Welt kommen. Im Meditationszimmer. Kerzen brannten, die Geburtswanne war mit lauwarmem Wasser gefüllt. Ich saß auf einem Gymnastikball und kreiselte die Wehenschmerzen weg. Zwei Doulas, professionelle Geburtsbegleiterinnen, und eine Hebamme massierten mir den Rücken und die Füße, Luanas Vater brachte aus der Küche Obst und frische Fruchtsäfte. Von mir aus hätte die Geburt drei Tage dauern können, so wohl habe ich mich gefühlt. Keine 24 Stunden später war ich mitten in einem Horrorfilm, weil mein Blutdruck gestiegen war und die Hebamme die Verantwortung für die Hausgeburt nicht mehr tragen wollte.

Der Warteraum für einen der intimsten Momente meines Lebens war ein hell erleuchteter Saal mit dreizehn Betten, in denen Frauen klagten, schrien, sich wälzten. Alle hingen sie am Tropf mit Wehen förderndem Oxytocin – das vom brasilianischen Gesundheitsministerium als Routinemaßnahme abgelehnt wird. Mir gegenüber stöhnte eine junge Frau mit strähnigen Haaren und wirrem Blick, sichtlich auf Droge, vermutlich Crack. Sie rief unablässig nach ihrer Mutter und schrie – ob der Schmerz von den Wehen kam oder vom beginnenden Entzug wusste sie vielleicht selbst nicht. Alle paar Stunden stürmte eine neue Gruppe Studenten in den Wartesaal. Ohne sich auch nur vorzustellen, griffen fremde junge Männer uns in die Vagina. Wenn sie uns ansprachen, nannten sie uns „Mama“. Kommentierten mit dem begleitenden Arzt, was sie erfühlt hatten und zogen wieder ab, ohne sich zu verabschieden. Wir durften nichts essen, nicht einmal Wasser trinken. An der Aufnahme hatten wir alle unsere Kleidungsstücke abgegeben. „Auch die Unterhose, glaub nur nicht, dass du deine Unterhose anbehalten kannst!“, hatte mich die Schwesternhelferin angebellt. Da wusste ich noch nicht, dass ich mit meiner Intimwäsche auch meine Privatsphäre, meine Persönlichkeitsrechte und meine Menschenwürde abgeben würde. Irgendwann befahl mir ein Arzt brüllend: „Ab zur OP!“ Ich wurde zur Eile angetrieben, als ginge es um Leben oder Tod. Dabei fand der Arzt nur, ich hätte lange genug die Wehen ertragen. So jedenfalls hat er sich später gegenüber einer Kollegin geäußert.

„Frauen, denen es gelingt, normal zu gebären, erleben dabei gewöhnlich so viel Gewalt, dass die Geburt zum traumatischen Erlebnis wird“, sagt Anwältin Gabriella Sallit. „Was mich am meisten schockiert hat“, sagt Adelir am Ende unseres Gesprächs mit noch leiserer Stimme als vorher, „das waren nicht die Polizisten, sondern die Ärztin, die mir während der OP vorgeworfen hat, ich sei eine Verrückte, die ihr Baby in Gefahr gebracht habe.“

Zum gewöhnlichen Klinik-Alltag gehören Aussagen wie: „Normal gebären ist für Tiere.“ Der Satz klingt der Geburtsschwester Lizandra Guimaraes bis heute in den Ohren: „Das haben sogar Ärztinnen gesagt!“. Heute arbeitet sie im ersten Geburtshaus der Millionenstadt Salvador da Bahia, das 2011 eröffnet wurde. Lindgrüne Sofas und Blumensträuße verbreiten eine freundliche Atmosphäre. Hier erwarten geräumige Geburtszimmer mit Balkon die Schwangeren. Sprossenwände, Geburtshocker, Gymnastikball und eine Art Schaukelpferd sollen ihnen die Wehen erleichtern, zwei Geburtshelferinnen und Hebammen sind bei ihnen, zwei weitere Begleitpersonen dürfen sie mitbringen. Dammschnitte und Oxytocin-Infusionen werden nur im Notfall eingesetzt. Der Aufenthalt und die Betreuung im Geburtshaus sind kostenlos. Trotzdem ist es nicht überlaufen. „Wir könnten gut doppelt so viel Geburten betreuen“, sagt Lizandra, „die Frauen aus den umliegenden Stadtvierteln kommen oft nur unwillig her. Sie sagen, hier gäbe es ja weder Dammschnitt noch Betäubung, hier müssten sie die ganze Arbeit selbst machen“. Dahinter stecke vor allem Angst, sagt ihre Kollegin Katia, die regelmäßig Schwangeren-Beratungsrunden leitet. Angst, die Schmerzen nicht auszuhalten. Angst, die Geburt nicht zu schaffen. Angst, ohne einen Mediziner könne die Geburt nicht gut gehen. „Viele Frauen haben außerdem entweder selbst Gewalt in der Geburtshilfe erlebt oder davon gehört“, sagt Katia mit der mütterlichen Ausstrahlung. Und die Männer sorgten sich, wenn bei Problemen nicht augenblicklich Intensivmedizin zur Verfügung stehe. Viele hätten auch Bedenken, nach einer Vaginalgeburt sei der Sex nicht mehr so spannend wie vorher. „So ein Umdenken geht nur mit Erziehung und mit viel Zeit. Es fängt schon damit an, dass Puppen Nuckelflaschen haben!“, sagt Katia. „Meine Tochter spielt mit einer Gebärpuppe, bei der das Baby aus der Vagina schlüpft, auch wenn ihr Vater befürchtet, das könne die Eltern ihrer Schulfreundinnen schockieren.“

Lizandra, Katia und die anderen Frauen im Geburtshaus Casa do Parto haben in Schulungen geübt, sich nicht mehr wie Untergebene des Facharztes für Geburtsmedizin zu verhalten, wie sie es gelernt hatten. „Anfangs war es nicht einfach, selbst zu entscheiden“, erinnert sich Lizandra, „inzwischen bin ich beim Dienst in meiner anderen Arbeitsstelle - in einem traditionellen öffentlichen Krankenhaus im Hinterland – froh, wenn die Frauen gebären, bevor der Arzt eintrifft und so den überflüssigen Interventionen entgehen.“

Umkehren wird sich der Trend zur geplanten Geburt vermutlich nicht. Ein von Präsidentin Dilma Rousseff ins Leben gerufenes Projekt mit dem Namen „Rede Cegonha“(Storchennetz) für eine „humanisierte Geburt“, fördert seit 2011 die „humanisierte“ Betreuung Schwangerer im öffentlichen Gesundheitssystem, Spezialstationen in öffentlichen Kliniken und Geburtshäuser wie das Casa do Parto. Dafür sollen dem Storchennetz umgerechnet mehr als drei Milliarden Euro zur Verfügung gestellt worden sein. Eine generelle Verbesserung der Situation ist bislang trotzdem nicht abzusehen. Vielleicht hilft Adelirs Geschichte, neben den ohnehin engagierten Protestlerinnen auch andere Frauen und Männer daran zweifeln zu lassen, dass eine normale Geburt „nur für Tiere“ ist.