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Die mutigen Frauen vom Amazonas

Foto: Florian Kopp/Misereor
BRIGITTE 06/2019

Leise Stimmen klingen aus dem Regenwald, melodisch wie Gesang. Auf einer kleinen Lichtung gruppiert sich ein halbes Dutzend Holzhütten mit spitzen Palmwedel-Dächern um ein Feuer, das mit einer gespannten Lkw-Plane vor Regen geschützt ist. Rund um das Feuer liegen Frauen, Männer und Kinder in Hängematten und unterhalten sich halblaut, immer wieder unterbrochen von Gelächter. Eine Frau hat ihren Säugling in einem roten handgeknüpften Tragetuch umgebunden und gibt ihm die Brust. Neben ihr spielen zwei Kinder konzentriert im Sand mit einem Barbie-Ken. Ab und zu versuchen Hunde und Hühner, einen Schattenplatz unter dem Dach zu ergattern und werden mit flatternden Handbewegungen verscheucht. Eine füllige Frau mit glatten schwarzen Haaren und mütterlicher Ausstrahlung flicht mit raschen Bewegungen Fasern der Tukumpalme zu einem Korb. Eine andere greift nach der Aluminiumkanne auf dem Feuer und schenkt für alle Kaffee in bunte Plastiktassen ein. Unendlich friedlich wirkt diese Szene.

 

Rückständig und überholt, so sieht der brasilianische Präsident das traditionelle indigene Leben. Die Indios gehören in die städtische Gesellschaft integriert, und Amazonien müsse wirtschaftlich erschlossen werden. Das wolle auch „der Indio“, sagte Bolsonaro kürzlich. Seit er im Amt ist, hat er die Indianerschutzbehörde Funai entmachtet, eine Umweltschutzgegnerin zur Landwirtschaftsministerin ernannt und Hunderte von Pestiziden neu zugelassen. Im ganzen Land nehmen Angriffe auf indigene Gebiete zu – obwohl Wissenschaftler schon lange warnen, dass nur indigene Präsenz den Regenwald schützen kann. 700.000 Hektar Land sind als Indigenes Territorium Apyterewa für das Volk der Parakanã am Xingu im brasilianischen Amazonasgebiet vermessen und seit 2007 mit der Unterschrift des damaligen Präsidenten Lula offiziell festgeschrieben. „Jetzt müssen wir nur noch dafür kämpfen, dass unser Gebiet auch respektiert wird“, heißt es optimistisch im Lehrbuch der indigenen Dorfschule. Luiza Conceição, die den Kaffee einschenkt, hat mehrere Jahre an dieser Schule gelehrt. „Bis vor wenigen Jahren haben tatsächlich viele für die Vertreibung der Eindringlinge gekämpft“, erzählt sie. „Aber dann kam Norte Energia.“ Der Konzern Norte Energia betreibt in etwa 400 km Entfernung das umstrittene Megakraftwerk Belo Monte bei Altamira. Die Parakanã wollten den Koloss mit seinen drei Staustufen nicht. Zehntausende Hektar Wald wurde dafür gerodet und zehntausende Menschen vertrieben – von denen sich viele illegal in Apyterewa ansiedelten. Seit Bolsonaro regiert, eignen sich Holzfäller, Goldsucher und Rinderfarmer immer ungenierter neue Waldstücke an, schlagen die Bäume um, vertreiben das Wild, vergiften die Flüsse. Seit Jahren fordern die Kaziken von wechselnden Regierenden, dass sie die Landräuber endlich aus ihrem offiziell registrierten Territorium entfernen lassen, damit sie in Frieden ihren Traditionen gemäß leben können. Ein Staatssekretär der aktuellen Regierung dagegen schlug kürzlich frech vor: „den ohnehin ruinierten Teil ihres Landes“ doch gleich gegen eine Gewinnbeteiligung den Fremden zu überlassen.

 

Luiza hat das Leben bei den Parakanã vor zehn Jahren kennengelernt. Mit einem Lehrvertrag auf Zeit ist die Flussrandbewohnerin aus Anapu damals nach Apyterewa gekommen, hat einen Indigenen geheiratet und ist geblieben. Sie hat noch die überlieferten Traditionen erlebt, das große Fest für den Jabuti, wie sie die als Delikatesse beliebte Köhlerschildkröte nennen, die Zeremonien der weisen Männer. „80 oder mehr Männer haben sich zu den Zeremonien im Kreis versammelt, getanzt und gesungen, das war eine unglaubliche Kraft“, erzählt die 32Jährige wehmütig. Seit Jahren haben die Parakanã kein großes Fest mehr gefeiert, nicht für den Jabuti, nicht für die Ernte der Babassú-Nüsse, aus denen sie früher Öl gewonnen haben. 

 

Anfangs waren sich die Dorfbewohner im Widerstand gegen Norte Energia einig. Männer, Frauen und Kinder sperrten mehrmals die Transamazônica und reisten bis in die Hauptstadt Brasília, um den Bau von Belo Monte zu verhindern. Doch dann kamen die Geschenke. Luiza zählt auf: Schiffsladungen voller Motorräder, Landmaschinen, Jeeps. Für Menschen, die außer ein paar Feldern voller Maniok und Süßkartoffeln keine Landwirtschaft betreiben. Die jagen und fischen und keine Straßen haben, auf denen sie mit den Autos fahren können. Manche Männer nahmen die Landmaschinen trotzdem und verkauften sie billig an die Rinderfarmer, die das indigene Land illegal bewirtschaften und mit den riesigen Traktoren noch mehr Schaden anrichten. Andere, vor allem die Jüngeren, akzeptierten die Motorräder und lassen jetzt in ihren Dörfern die Motoren im Leerlauf aufheulen – weit fahren können sie ja nicht. Seitdem herrscht Streit in vielen Familien. 

 

Die Zerstrittenen gründen neue Dörfer, es gibt immer mehr Kaziken und immer neue Geschenke. Viele fahren jetzt ständig zu Treffen mit den Weißen in die Stadt, und geben das Geld, das sie bekommen, für Schnaps und Frauen aus. Einige haben Zweitfamilien mit weißen Frauen gegründet. „Die Frauen sind traurig, sie weinen“, sagt Kwataria, die erst Anfang 30 ist, aber schon sieben Kinder geboren hat. „Was sollen sie machen? Eine hat ihre weiße Konkurrentin in der Stadt getroffen und verprügelt, aber ihr Mann fährt weiter dorthin. Jetzt hat sie der anderen zwei ihrer Söhne überlassen, weil sie sagt, dann soll die sich wenigstens um die Kinder kümmern.“ Die Frauen schaukeln in ihren selbst geknüpften Hängematten und erzählen von einer Welt, in der ständig neue Bedrohungen auftauchen. Die Kinder bekommen neuerdings Ausschlag, wenn sie im Fluss baden. Weil die illegalen Goldgräber an der nächsten Biegung Quecksilber verwenden. Bis vor wenigen Monaten hat ein kubanischer Arzt das Territorium Apyterewa versorgt. Doch bereits im Wahlkampf hat der neue Präsident so gegen die „roten“ Ärzte gehetzt, dass bis Ende 2018 alle kubanischen Mediziner ausgereist waren. Was als „Säuberungsaktion gegen Kommunisten“ verkauft wurde, war in Wahrheit ein Schlag gegen die Indigenen und Flussrandbewohner, die seitdem in ihren abgelegenen Dörfern nur noch eine prekäre Erstversorgung durch Krankenschwestern bekommen. „Er will uns vernichten“, sagt Kwataria, und blickt grimmig. Denn jetzt soll die Vor-Ort-Gesundheitsversorgung komplett abgeschafft werden, dagegen sind im März Indigene in ganz Brasilien auf die Straße gegangen. 

 

Kwataria Parakanã gehört zu den jungen Frauen, die mehr Verantwortung in der Gemeinschaft übernehmen wollen. Traditionell ist die Gesellschaft der Parakanã vom Machismo geprägt. Aber was wird aus der Autorität der Männer, wenn sie sich in der Stadt so sinnlos betrinken, dass sie jegliche Kontrolle über sich verlieren? Die Frauen wollen nicht länger im Schatten ihrer Männer stehen, die schon so viele falsche Entscheidungen getroffen haben. Sie haben längst durchschaut, wie die Weißen sie schwächen, indem sie ihnen Geld und damit Zugang zum alles zerstörenden Alkohol anbieten. Keine einzige von ihnen trinkt den Schnaps, der dazu führt, dass es neuerdings immer häufiger Gewalt im Dorf gibt und keine Feste. „Die Männer sagen uns: Kümmert ihr euch um die Kinder, wenn wir zu den Versammlungen gehen!“, erzählt Kwataria. Aber als der Staatssekretär neulich drei Kaziken zum Privatgespräch bat, sind deren Ehefrauen einfach mit ins Nebenzimmer gegangen. Vielleicht haben sie dadurch verhindert, dass ihre Männer wieder einmal über den Tisch gezogen wurden. 

 

Nilda Ribeiro war damals dabei. Die Missionarin des Indigenen-Missionasrates Cimi unterstützt die Parakana-Frauen, wo sie kann. Im Cimi-Büro im lärmenden Zentrum von Altamira erzählt die 49Jährige mit ihrer sanften hellen Stimme: „Die Frauen berichten mir hier von ihren intimsten Nöten mit ihren Männern. Wenn sie in die Stadt fahren, um die staatliche Unterstützung abzuholen, kommen sie immer bei mir im Büro vorbei, manchmal werden daraus Gesprächsrunden von zehn, zwölf Frauen“. Nilda spricht mit ihnen über Frauenrechte, über Fragen der Gesundheitsversorgung oder stärkt einfach nur ihr Selbstvertrauen. Allmählich entsteht hier so etwas wie eine zarte Frauenbewegung der Indigenen. In ihren stark patriarchalisch geprägten Strukturen ist es schon ein Fortschritt, wenn manche Frauen sich jetzt trauen, ihren Mann um das Geld für eine Übernachtung im Hotel zu bitten, anstatt in der staatlichen Unterkunft für Indigene „Casa do Indio“ zu nächtigen, wo es für jedes Dorf einen kargen fensterlosen Raum gibt, in den dicht gedrängt bis zu 20 Hängematten passen müssen. Nilda setzt sich trotz knapper Mittel dafür ein, dass im Aktionsprogramm des Cimi besonderes Gewicht auf die Frauen gelegt wird. „Meine Hoffnung ist es, dass die Frauen hier am Xingu zu Protagonisten werden! Was Norte Energia bereits an Zerstörung angerichtet hat, lässt sich nicht wieder gut machen. Aber zukünftige Projekte lassen sich noch verhindern. Es gibt viele Bodenschätze auf dem Land der Parakanã.“

 

Die Bodenschätze werden auch der Grund für einen Gesetzesentwurf sein, der dem Territorium Apyterewa seinen Status als registriertes Schutzgebiet nach 12 Jahren wieder aberkennen soll. Damit stünde seiner wirtschaftlichen Erschließung nichts mehr im Weg. Als Begründung heißt es unter anderem, dass die Parakanã mit ihrem Schutzgebiet die in der Verfassung garantierten Besitzrechte Dritter verletzen würden: die Rede ist von Kleinbauern, obwohl in der Realität auch reichlich Großgrundbesitzer illegal im Schutzgebiet wirtschaften. Um ihr Land zu sichern, werden die Parakanã wohl wieder einmal die 2000 Kilometer lange Reise in die Hauptstadt Brasilia anzutreten. „Und ich möchte, dass dieses Mal so viele Frauen wie Männer mitfahren“, erklärt Nilda Ribeiro mit Nachdruck. 

 

In Apyterewa senkt sich inzwischen die Sonne über die Biegung des Xingu-Flusses. Das Gemeinschafts-Funkgerät rauscht, immer noch wirkt alles täuschend friedlich. Dabei können jederzeit wieder nachts bewaffnete Farmer auftauchen, so wie die sechs, die kürzlich mit den Männern über die Überlassung des Landes „sprechen“ wollten. Das Feuer prasselt zwischen den Ziegelsteinen und erhellt die Gesichter flackernd. Die 15jährige Watunara hat ein Stück stachelige Wurzel angebracht, auf dem eine alte Frau unreife Genipapo-Früchte reibt. Die Raspeln drückt sie mit der Hand aus, vermischt den Saft mit Asche und rührt in einer Kalebasse schwarze Farbe an. Darin tränkt Watunara einen Strohhalm und beginnt konzentriert, die für die Parakanã typischen Kreuzmuster auf die Arme der Frauen zu malen. Die Genipapo-Farbe gilt als Schutz vor Mückenstichen, bösen Einflüssen und bei Kämpfen. Die Parakanã sind große Krieger. Manche sagen, die Indianerbehörde Funai habe damals vor mehr als vierzig Jahren vor allem deswegen Kontakt zu ihnen gesucht, damit sie aufhören sollten, illegale Holzfäller und Farmer zu attackieren. Viele Generationen lang haben nur die Männer gekämpft. Jetzt bereiten sich auch die Frauen auf einen Kampf vor, von dem das Überleben ihres Volkes abhängt.