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Reportage

Atemlos am Amazonas

Foto: Florian Kopp/Misereor

Amnesty Journal 4/2019

 

Sie tragen Kriegsbemalung aus der roten Farbe der Urucum-Samen und Federschmuck zu T-Shirts und Flip-Flops. Gut ein Dutzend Mundukuru-Indios des Dorfes Açaisal haben sich an diesem Vormittag Ende März auf ihrem zementierten Versammlungsplatz getroffen. Bevor er die Gespräche eröffnet, schwingt der Dorfchef, Kazike Josenildo Mundukuru, seine Rassel und beginnt einen Rundtanz, zu dem alle lauthals singen. Auf Portugiesisch:  Die Bewohner von Açaisal, nur 130 Kilometer von Santarém im Norden Brasiliens entfernt, haben so lange versucht, sich an das Leben der Weißen anzupassen, dass ihnen darüber die eigene Sprache verloren gegangen ist. Doch sie fühlen sich als Indios und wollen auf dem Land ihrer Vorfahren ein traditionelles Leben leben; jagen, fischen, pflanzen. Ihre Chancen dafür schwinden. Das Dorf Açaisal ist umzingelt von Sojaplantagen. „Wir beobachten, dass die Bauern immer úngenierter neue Flächen durch Brandrodung in Pflanzungen verwandeln. Der Wald schwindet jeden Tag ein Stück mehr“, erklärt der schmale 33jährige Kazike, der trotz seiner Jugend Autorität ausstrahlt: „Unsere Verwandten werden krank von den Pflanzenschutzmitteln, die Tiere im Wald verschwinden – es ist ein täglicher Kampf, hier im Dorf zu bleiben“. 


Das Hochland von Santarém im Amazonasgebiet ist mit 75.000 Hektar Anbaufläche ein wichtiger Sojaproduzent neben dem Bundesstaat Mato Grosso, der für knapp ein Drittel der insgesamt mehr als 110 Millionen Tonnen umfassenden Ernte verantwortlich ist. Bis zum Horizont erstrecken sich rund um das Dorf Açaisal die grünen Felder. Graubraun vertrocknetes Unkraut an deren Rändern zeugt vom Einsatz von Glyphosat. Das umstrittene Unkrautvertilgungsmittel ist in Frankreich seit Ende 2018 für Hobbygärtner verboten und soll dort bis Ende 2020 ganz abgeschafft werden. EU-weit wird der Einsatz diskutiert, unter Umweltschützern gilt Glyphosat als krebserregend und gefährdend für die Artenvielfalt. In Brasilien wurden hingegen seit Jahresbeginn mehr als 100 Pestizide neu zugelassen. Die neue Landwirtschaftsministerin Tereza Cristina Correa ist erklärte Vertreterin der Agrarlobby. Die Rekordernten, die Brasilien auf den weltweit zweiten Platz der Sojaproduzenten katapultiert haben, werden mit genmanipulierten Pflanzen erzielt, die auch gegen schärfste Pestizide unempfindlich sind. Rund um das Dorf Açaisal beackern Großbauern Tausende von Hektar in Monokultur, ihre Felder grenzen von allen Seiten direkt an das Land der Mundukuru. Wenn die Bauern mit ihren Traktoren die Pestizide versprühen, trägt der Wind die Giftwolken auf die Beete der Indigenen, wo sie alle Pflanzen absterben lassen. Er weht sie auch in die Wohnhäuser und bis in die Schule. „Wir leiden unter Atemwegserkrankungen, die Kinder klagen über Übelkeit und Atemnot. An Tagen, an denen Gift eingesetzt wird, sinkt die Konzentration bei allen spürbar“, erklärt der Dorfschullehrer. Mindestens alle sechs Wochen sprühen die Bauern Glyphosat. 


„Ich versuche, meine eigenen Beete so weit wie möglich von der Grenze entfernt anzulegen, denn wir leben vom Ertrag unseres Biogemüses, das wir auf dem Markt in Santarém anbieten“, erklärt Paulo Mundukuru. Das Haus des 56Jährigen steht idyllisch zwischen Mango- und Graviolabäumen – nur wenige Meter von den Sojafeldern entfernt. „Ich bin hier geboren und aufgewachsen“, erzählt Paulo, „wir hatten früher dichte Wälder voller Wild und Wildfrüchten. Es gab unzählige Flussarme, in denen wir fischen und baden konnten. Heute gibt es kaum noch Fische. Die Flüsse sind ausgetrocknet, weil die Wälder abgeholzt wurden. Sie füllen sich nur noch zur Regenzeit mit dem von den Pestiziden vergifteten Wasser, das aus den Feldern abläuft.“ Es bleibt den Mundukuru nur die Landwirtschaft zum Überleben. „Wir halten jetzt Hühner und pflanzen Maniok“, berichtet Paulo. Um die Pestizidwolken besser zu verkraften, kauft er Milch, die deren Wirkung mildern soll: „Meine Frau leidet immer unter starken Kopfschmerzen, wenn die Bauern das Gift sprühen“. Medizinische Erstversorgung gibt es nur im acht Kilometer entfernten Gesundheitsposten. Eigentlich war geplant, dass Açaisal im Rahmen des Sesai, des Programms zur indigenen Gesundheitsversorgung, einen eigenen Posten bekommen sollte – doch Bolsonaro will das Programm Sesai abschaffen. Im März sind in ganz Brasilien Indigene dagegen auf die Straße gegangen.

 

Innerhalb der Logik des Präsidenten ist es naheliegend, das Sesai abzuschaffen:  Er hält das traditionelle indigenen Dorfleben für rückständig und überholt und möchte die indigene Bevölkerung in die Städte umsiedeln, wo sie sich den Sitten der modernen brasilianischen Gesellschaft anpassen soll. „In Bolivien ist ein Indio Präsident, warum müssen wir unsere Indios dann einsperren, wie im Zoo?“, provozierte Bolsonaro bei einem offiziellen Termin.  Zurzeit sind 13 Prozent des brasilianischen Staatsgebiets als indigene Reservate, kurz TI, registriert, Ansprüche angemeldet haben indigene Völker auf mehr als das Doppelte dieser Fläche. Auch Bolsonaros Vorgänger haben es nicht eilig gehabt, deren Forderungen nachzukommen: Unter Lula wurde mit 81 Gebieten etwa die Hälft der Fläche vermessen, die sein Vorgänger Fernando Henrique Cardoso registriert hatte, Dilma Rousseff genehmigte sogar nur 21 neue Schutzgebiete. Die indigene Bewegung APIB verkündete bei ihrer jährlichen Versammlung in der Hauptstadt Brasilia Ende April: „Wir leben seit 519 Jahren im Widerstand“. Tatsächlich kamen Indigene in der brasilianischen Verfassung ursprünglich gar nicht vor. Erst die Neufassung von1988 enthält einen Rechtsanspruch der Urbevölkerung auf ihre Sitten und Gebräuche, ihre Lebensart und ihre Traditionen und auf die von ihnen traditionell besiedelten Gebiete. Binnen fünf Jahren sollten damals alle diese Flächen vermessen, ausgewiesen und registriert werden. Im Jahr 2019, mehr als 30 Jahre später, sind weniger als die Hälfte offiziell anerkannt. 

 

Für Jair Bolsonaro sind Schutzgebiete Hindernisse: Er will das unter Korruptionsskandalen und Wirtschaftsflaute leidende Land durch eine radikale wirtschaftliche Erschließung des Amazonasgebietes aus der Krise führen. Immerhin sind dort Bodenschätze im Wert von Billionen Euro zu finden. Internationale Konzerne wie der kanadische Goldminenbetreiber Belo Sun warten nur noch auf die Genehmigung der Umweltbehörden, um ihre Millionengeschäfte ohne Rücksicht auf die Wälder und deren Bewohner zu betreiben. Im Amazonasgebiet, das sich über fast die Hälfte von Brasiliens Gesamtfläche ausdehnt, ist reichlich Platz. Tausende von Hektar für das kulturelle Überleben von ein paar Dutzend Indiofamilien zu schützen, findet Bolsonaro unsinnig. Die von Indigenen beanspruchten Gebiete könnten stattdessen ganz legal für Bergbau und Holzhandel geöffnet werden und riesige Flächen für die Rinderzucht und den Anbau von Soja bieten - so sieht es das brasilianische Staatsoberhaupt. Die Kunden für das Gensoja leben in China und in Europa. Auch Deutschland kauft brasilianische Sojabohnen und Sojaschrot, vor allem zur Futtermittelherstellung.

 

Im Hochland von Santarém wird seit 1998 Soja produziert. Der Konflikt um das traditionelle Land der Munduru existiert beinahe ebenso lang. Die Sojaproduzenten versuchen, den Indios das Land abzukaufen. Manche haben sich darauf eingelassen. Weil die Bauern außerdem illegal Waldflächen abholzen, schrumpft der Lebensraum der Mundukuru seit Jahren zusammen: Wer von Santarém nach Açaisal fährt, sieht über unendliche Kilometer nichts als Sojafelder. Seit 2010 versuchen die Indigenen vergeblich, ihr Gebiet offiziell vermessen zu lassen, um sich vor der Landnahme zu schützen. Seit 2017 sollte eine Untersuchungsgruppe von Anthropologen der Funai die Registrierung vorantreiben. Bolsonaro will die Vermessung indigener Gebiete jedoch komplett einfrieren: „Keinen weiteren Zentimeter“ werde er schützen lassen, kündigte der Ultrarechte bereits im Wahlkampf an. Gleich am ersten Amtstag verlegte er die Indianerschutzbehörde Funai aus dem Justizminsterium ins Landwirtschaftsministerium und bestimmte, die Institution sei künftig nicht mehr für die Analyse der indigenen Gebiete zuständig. Damit das Präsidentenwort rechtsgültig wird, muss ihm allerdings der Nationalkongress zustimmen. Eine gemischte Regierungskommission sprach sich jetzt gegen die Umwidmung aus, die einer Entmachtung gleichkommt. 

 

Derweil ist in der Hafenstadt Santarém, aus der ein Großteil der Sojaernte verschifft wird, die Agrarlobby nicht untätig. Die Agrar-Gewerkschaft Sirsan beschäftigt neuerdings einen eigenen Anthropologen für Gegengutachten. Jucelino Oliveira Farias von der Landpastorale, zitiert den Wissenschaftler, der vorsichtshalber freiwillig aus der brasilianischen Gesellschaft für Anthropologie austrat, kurz bevor er wegen unethischem Verhalten ausgeschlossen werden sollte: „Das sind hier alle keine Indios, die sind alle gefälscht! Mit der neuen Regierung werden wir mit denen Schluss machen!“ Unmittelbar nach Bolsonaros Wahlsieg im vergangenen Jahr, begann der Anthropologe, sich für eine Untersuchungskommission in der Abgeordnetenkammer von Santarém einzusetzen. Untersucht werden soll die „von NGOs betriebene ethnische Proliferation“. Im Klartext: Die Agrarlobby verdächtigt NGOs und kirchliche Organisationen, Indios zu schaffen, wo es keine gibt. 

 

„Davon sind nicht nur die Hochland-Mundukuru betroffen, sondern diverse indigene Völker der Region“, erklärt Rechtsanwalt Pedro Martins von der NGO Terra de Direitos in Santarém. „Der Mann ist eine Bedrohung für die Indigenen.“ Nach dem geltenden brasilianischen Gesetz ist es nicht möglich, Ureinwohnern ihren Status abzusprechen: Indigen ist, wer sich als indigen erklärt. Das Gesetz hielt den rechten Anthropologen jedoch nicht davon ab, im November 2018 uneingeladen die interamerikanische Kommission für Menschenrechte zu begleiten, als sie das Dorf Açaisal besuchte. Im Jeep eines Vertreters der Agrarlobby folgte er der Delegation und skandierte unablässig „Das sind keine Indios, hier gibt es keine Indios“. Die Dorfbewohner berichten, er oder Vertreter der Agrarlobby tauchten immer dann auf, wenn sie ihren Widerstand organisierten oder die Öffentlichkeit suchten. Als ein Vertreter der Staatsanwaltschaft das Dorf besuchte, fuhren gleich 30 Jeeps mit Großgrundbesitzern vor, um dessen Zusammentreffen mit den Indigenen zu verhindern. 

 

„Sie fühlen sich unter der neuen Regierung sicher, beschimpfen uns als Vagabunden und werden immer unverfrorener“, sagt Paulo Mundukuru. Sein direkter Nachbar, ein Sojabauer, schleppe häufig absichtlich Baumstämme auf den einzigen Verbindungsweg, sodass Paulo und seine Familie, einen Bogen um das Hindernis machen und dabei den Rand seiner Felder betreten müssen. „Dann brüllt er uns an, wir hätten sein Land zu verlassen“, sagt Paulo. „Er droht: Ich weiß, wer du bist, ich werde dir schon zeigen, wo dein Platz ist.“ Solche Drohungen sind durchaus ernst zu nehmen. Der Bundesstaat Pará weist eine der höchsten Mordraten des Landes auf. Die Mundukuru sehen sich vor. Ihre Führer verlassen das Dorf nur noch zu zweit. Wer in die Stadt muss, nimmt den Bus im Morgengrauen, um ungesehen das Dorf zu verlassen. „Zu viele Wortführer der Indigenenbewegung sind schon gestorben“, sagt Kazike Josenildo. 

 

Ende des vergangenen Jahres wurde ein Schwarzer aus einer nahegelegenen Quilombola-Siedlung brutal mit einem Schraubenschlüssel erschlagen. Die Mundukuru glauben, dass es ein von den Bauern bestellter Auftragsmord war, weil auch das Quilomboladorf mitten im Sojagebiet liegt. Bislang liegen zu der Gewalttat keine Erkenntnisse vor. „Die Polizei untersucht die Mordfälle, die ihnen die Landpastorale vorlegt, entweder gar nicht oder verschleppt die Untersuchungen“, berichtet Jucelino Oliveira. Stattdessen hat Bolsonaro die Überwachung von Nichtregierungsorganisationen und anderen Institutionen der Zivilgesellschaft angeordnet. Sie handelten im Interesse ausländischer Drahtzieher. „Noch gibt es kein offizielles Organ dafür“, sagt Anwalt Pedro Martins, „aber wir gehen davon aus, dass Beobachtung stattfindet.“ Bereits jetzt beurteilt Amnesty international Brasilien als eines der gefährlichsten Länder für Menschenrechtsverteidiger weltweit. Maja Liebing, Amnesty-Expertin für die Region Amerikas ruft dazu auf, die Lage in Brasilien genau zu beobachten: Die Menschenrechte seien in Gefahr. 

 

Bislang sind viele Angriffe eher subtil. Der Staatsanwalt von Santarém etwa wurde persönlich in Misskredit gebracht, um ihn mundtot zu machen. Luis Camoes Boaventura lacht, als er erklärt: „Ich habe erfahren, dass mein Name mit einem illegalen Holzhandelsbetrieb in Zusammenhang gebracht wird“. Boaventura beabsichtigt, seine Pflicht als Ankläger von Unrechtmäßigkeiten zu erfüllen, „solange das möglich ist“. Ob es morgen die Staatsanwaltschaft in dieser Form noch gebe, könne er nicht garantieren. Die Institutionen würden zerstückelt und geschwächt, die Umweltschutzbehörde Ibama etwa habe kaum noch Finanzmittel zur Verfügung. Laut Verfassung ist der Staat verpflichtet, Indigene, ihre Kultur und ihren Lebensraum zu schützen. Momentan sieht es in Amazonien eher nach dem Gegenteil aus. Staatsanwalt Boaventura meint: „Der Staat Amazonas erlebt zurzeit einen historischen Tiefpunkt. Die Lage ist erschreckend“.