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Dichtung und Wahrheit – Die „Fälle“ Relotius und Menasse


Als das Wochenmagazin Spiegel offenlegt, dass der preisgekrönte Starreporter Claas Relotius in seinen Reportagen Zitate, Begebenheiten und Begegnungen erfunden hat ist die Empörung groß. Wenig später wird auch der österreichische Schriftsteller und Essayist Robert Menasse in die Mangel genommen. Er soll dem Europapolitiker Walter Hallstein in Essays und Reden Aussagen in den Mund gelegt haben. Während auf Twitter scherzhaft angemerkt wird, Relotius Reportagen seien wohl eher als „Literatur“ zu lesen, zeigt man sich dem Literaten Menasse gegenüber nachsichtiger – ist es nicht sogar Aufgabe eines Schriftstellers erzählte und reale Welt im höheren Auftrag der Kunst ineinanderfließen zu lassen?


In der Diskussion werden wie in der Alltagssprache zwei Begriffe synonym verwendet, die keinesfalls gleichzusetzen sind. Literatur ist nicht gleich Fiktion und Fiktion ist nicht gleich Literatur. „Literatur“ meint in diesem Fall die ästhetische Qualität, also die Wertung von einem Text; Fiktion bezieht sich vielmehr auf den Status, den Wahrheitsgehalt des Textes. Ein Text kann literarisch oder von literarischem Wert sein ohne dass auch nur ein Wort davon erfunden sein müsste – und nicht alles, was jemand erfindet, ist automatisch Literatur. Relotius Reportagen beispielsweise sind spannend zu lesen. Sie sind aber auch pathetisch und voller abgegriffener sprachlicher Bilder, sodass sie auch als fiktionale Texte gelesen nur von fragwürdigem literarischem Wert zeugen. Journalismus ist schließlich Handwerk, nicht Kunst.

Der Schriftsteller Menasse setzt seine Kunst hingegen seit jeher in Zusammenhang zu einer politischen Agenda. Er setzt er sich journalistisch, essayistisch, aktivistisch in Medien für ein Europa nach dem Nationalstaat ein – eine große Idee, für die er mit allen (literarischen) Mitteln kämpft. Hier eine Übertreibung, dort eine Zuspitzung – man ist geneigt, Menasse einiges durchgehen zu lassen, da sein Anliegen progressiv und seine Agenda sympathisch scheint. Solche Rechtfertigungen sind aber nichts anderes als das banale und gemeine Allerwelts-Storytelling, mit dem populistische Parteien auf Stimmenfang gehen. Sie sind dem anspruchsvollen Autor und dem anspruchsvollen Leser unwürdig.


In der Literaturwissenschaft beantwortet man die Frage nach dem Verhältnis von Fakt und Fiktion mit  dem sogenannten „Fiktionspakt“. Dabei schließen Leser und Autor eine Art Vertrag über die Erwartungshaltung des Lesers ab. Kaufe ich einen von mir gelesenen Text beim Buchhändler ums Eck und er befindet sich zwischen zwei Buchdeckeln mit der Beschriftung „Roman“, stelle ich als Leser vielleicht den Anspruch auf eine höhere ästhetische Wahrheit, keineswegs erwarte ich mir faktuale Authentizität. Kaufe ich mir jedoch in der Trafik nebenan eine Zeitung, erwarte ich mir neben Information sehr wohl auch faktuale Wahrheit des Inhalts, allem Gerede von fake news und dem „postfaktischen Zeitalter“ zum Trotz. Und das gilt für die hinteren Seiten des Feuilletons genauso wie für die große Reportage auf dem Titelblatt.


Wenn Menasse als respektierter Intellektueller in Zeitungen Aussagen tätigt und deren fiktionalen Status, im Nachhinein darauf angesprochen, dann so argumentierend verteidigt, ist die ganze Sache eine peinliche Angelegenheit, die der Relotius- Affäre um nichts nachsteht.


Christine Mayrhofer, Dezember 2018