1 Abo und 1 Abonnent
Artikel

Corona im Gefängnis: Der härteste Lockdown

Jedes Gefängnis könnte zum Superspreader-Ort werden. Die Anstalten müssen Covid-Infektionen deshalb unbedingt verhindern. Das hat oft funktioniert. Doch zu welchem Preis?


Als Timo Bogner sich Ende April mit einem Kugelschreiber über mehrere Blätter Papier beugt, sitzt er seit 20 Tagen in Einzelhaft. Nur ein paarmal durfte er mit anderen Gefangenen für eine Stunde raus, in den Hof der Justizvollzugsanstalt Straubing in Ostbayern, duschen konnte er in dieser Zeit alle zwei bis drei Tage, mit etwas Glück zumindest. Bogner ist weder ein besonders gefährlicher Häftling noch ist die Einzelhaft eine zusätzliche Strafe. Sie dient Bogners eigenem Schutz: Mitte des Monats brach im Gefängnis Corona aus, es gab Dutzende Infektionen. Seitdem herrschte strikter Lockdown.

Weil das bayerische Justizministerium den Gefangenen keine Telefonate mit der Presse erlaubt, beschreibt Bogner, 42, seine Erfahrungen in einem Brief an ZEIT ONLINE. Handgeschrieben, 15 Seiten lang. Bogner heißt eigentlich anders, so wie alle Gefangenen, die in diesem Text vorkommen. Anfangs habe er Angst gehabt, schreibt Bogner. Es sei eine "Krisensituation", die Einschränkungen teilweise massiv. "Ich habe mich immer wieder selbst diszipliniert und mir Geduld und Verständnis für die Maßnahmen abgerungen."

Die Justizvollzugsanstalten sind in der Pandemie besonders gefährdet: In Gefängnissen leben viele Menschen auf wenig Raum zusammen, viele davon gehören zu Risikogruppen. Deswegen versuchen die Justizvollzugsanstalten, die Kontakte nach außen zu minimieren. Das hat offenbar funktioniert: Rechnet man die Angaben der zuständigen Justizpressestellen zusammen, steckten sich im vergangenen Jahr etwa 1.100 Gefangene mit dem Coronavirus an. Damit liegt die Ansteckungsrate in Gefängnissen unter dem Wert der Gesamtbevölkerung. Viele Infektionen fanden laut Angaben der Ministerien nicht im Gefängnis statt, sondern fielen auf, wenn Gefangene bei ihrer Aufnahme getestet wurden.

Doch die Gefängnisinsassen so abzuschotten hat einen Preis. Für Manuel Matzke, Sprecher der Gefangenengewerkschaft GG/BO, ist klar: "Das System verfehlt seinen Auftrag." Was das eigentliche Ziel einer Haftstrafe ist, wird oft vergessen: Es geht nur am Rande um die Vergeltung einer Straftat. Eine Haft soll einen Menschen wieder in die Gesellschaft eingliedern, der gegen die Regeln des Zusammenlebens verstoßen hat. Resozialisierung, das ist der Auftrag der Haftanstalten. "Unter Pandemiebedingungen ist das nur schwer möglich."




Mit einem Klick auf "Zum Original" können Sie den gesamten Text lesen.

Zum Original