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Zeitungsdebatte: Die Wahrheit ist döpfnerig - SPIEGEL ONLINE

10. August 2013, 15:10 Uhr Zeitungsdebatte Die Wahrheit ist döpfnerig

Fast nichts spricht für den Erhalt der gedruckten Zeitung, sagt der freie Journalist Christian Jakubetz, man könne also getrost aufhören, sie zu verteidigen. Für die kommenden Generationen sei die Debatte, ob man Zeitung lesen soll, schon keine mehr: Sie lesen einfach nicht.

Die Geschichte der Argumente zur Verteidigung der gedruckten Zeitung liest sich manchmal wie eine satirische Rechtfertigung dafür, dass sie überhaupt noch da sind: Zu Beginn der Onlinezeiten hieß es, das Lesen an Bildschirmen sei fürchterlich unbequem, das werde niemand gegen gutes, gedrucktes Papier einlösen wollen. Kurz darauf ging man dazu über, dass das gedruckte Wort schlichtweg mehr Gewicht besitze als das irgendwie digital-virtuelle. Man landete dann bei der hübschen Argumentation, die Haptik sei der entscheidende Vorteil der Zeitung gegenüber dem in des Wortes Sinne nicht greifbaren Netz, bis man schließlich zur gegenwärtig beliebtesten Argumentation kam, es handle sich sicher um schwierige Zeiten für die Printbranche. Dennoch aber sei sie aufgrund ihrer hohen Kompetenz für (hier dürfen Sie beliebig viele Schlagworte einsetzen) unverzichtbar und auch weiterhin ein (hier dürfen Sie beliebig viele tolle Attribute einsetzen).

Die Wahrheit ist anders, man könnte sagen: döpfneriger. Das, was seitens der Branche in den letzten Jahren an guten Gründen zum dauerhaften Fortbestand der Tageszeitung vorgebracht wurde, liest sich ein wenig wie das, was Juristen gerne als "hilfsweise Argumentation" bezeichnen, wenn ihnen in der eigentlichen Sache die eigenen Argumente ein wenig schwachbrüstig vorkommen. Und tatsächlich haben sich die gerne verwendeten Gründe für das unbedingte Fortbestehen der gedruckten Tageszeitungen - siehe oben - in schöner Regelmäßigkeit als ziemlicher Unfug erwiesen. Vermutlich empfinden heutige Schüler- und Studentengerationen eher das Blättern in Papier als anstrengend. Die Sache mit der Haptik hat sich in Luft aufgelöst, als das erste Tablet auf den Markt kam. Und dass gedruckte Worte bleibenderen Wert hätten als digitale, das kann man zwar einfach mal so behaupten, es spricht aber ungefähr nichts dafür, dass das auch richtig ist.

Endstadium eines Produktzyklus

Tatsächlich ist die Sache sehr viel einfacher, als es die Debatten um den de-facto-Ausstieg Springers aus der Printwelt vermuten lassen: Für den Erhalt der gedruckten Tageszeitung spricht nicht mehr sehr viel. Die Auflagen befinden sich seit über 20 Jahren in einem stetigen Sinkflug. Seit 1992 hat es kein Jahr mehr gegeben, in dem die Branche auch nur wenigstens eine Stabilisierung auf Vorjahresniveau vermelden konnte. Man muss schon von einer erstaunlichen Naivität sein, wenn man einem Produkt, dessen Akzeptanz seit zwei Jahrzehnten stetig sinkt, noch eine große Zukunft zubilligen will. Alle anderen Indikatoren zeigen ebenfalls nach unten: Umsätze, Erlöse und Reichweite. Das Kerngeschäft der Anzeigen liegt im Bereich der Rubrikenanzeigen in Trümmern, bei den Kleinanzeigen geht es ebenfalls weiter nach unten. Alleine im Jahr 2012 verloren die Tageszeitungen neun Prozent ihrer Werbeumsätze, die Gesamtumsätze gingen um über drei Prozent zurück. Man muss über keine prophetischen Gaben verfügen und auch nicht das letztes Jahr häufig gesehene Gespenst des Zeitungssterbens an die Wand malen, um sagen zu können: Auch 2013 wird das nicht besser aussehen. Und 2014 und 2015 auch nicht. Das Produkt "Tageszeitung" erreicht mit wachsender Schnelligkeit das Endstadium seines Produktzyklus - ein Vorgang, der im Übrigen in einer freien Wirtschaft nicht ungewöhnlich ist (für Rückfragen können Sie sich gerne beispielsweise an die Musikindustrie wenden).

In den Verlagen haben sie das schon lange erkannt, nur öffentlich sagen mag man es noch nicht. Aber wenn man Zeitungshäusern dabei zuhört, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen, dann ist fast nur noch die Rede von diesem Internet, von Apps, Smartphones, sozialen Netzwerken. Ein Verleger, der von sich behaupten würde, die Zukunft seines Verlags sehe er auch weiterhin ausschließlich in der gedruckten Tageszeitung, würde wahrscheinlich sogar in einem eigenen Berufsverband mit schiefen Blicken angesehen. Und dass Mathias Döpfner sich tatsächlich "schweren Herzens" von seiner "Morgenpost" und all den anderen getrennt hat, kann man glauben, muss man aber nicht.

Deutsche Verlage hätten früher und anders reagieren müssen

Für den Niedergang der Zeitungen gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Ein paar, die man den Verlagen beim besten Willen nicht anlasten kann. Und ein paar, die man als hausgemacht bezeichnen darf. Dass das Netz in seiner ganzen geballten Wucht auch den Journalismus auf den Kopf stellt, dass Zeitungen plötzlich in ihrer Langsamkeit und Eindimensionalität wie liebenswürdige Saurier wirken - geschenkt, dafür kann nun wirklich niemand was, das ist in den USA genauso wie, sagen wir, in der Schweiz. Aber genau auf diese Veränderung hätten die deutschen Verlage und Redaktionen früher und vor allem anders reagieren müssen. Stattdessen klagt man gegen Google und die Tagesschau und manchmal auch über den undankbaren Leser. Das ist ein bisschen schade, weil man auch als Tageszeitung den Sprung ins digitale Zeitalter ganz gut schaffen kann, wie man an Beispielen wie der "New York Times" oder dem "Guardian" sieht.

Bleibt schließlich noch eine Zahl: Nicht einmal mehr jeder zweite Jugendliche in Deutschland greift noch zur Tageszeitung. Für die Generation derer, die demnächst die Schulen Deutschlands verlassen werden, ist die Debatte, ob man nun noch Zeitung lesen sollte, keine mehr: Sie tun es einfach nicht.

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