Christa Roth

Freie Journalistin, Tel Aviv/ Berlin/ Stuttgart

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(Mehr im Heft 03/2017 (Normalnull) und unter http://oe-mag.de/ sowie hier)

Alle reden von versinkenden Südseeparadiesen - und was ist mit den Nordseeparadiesen? Auch sie sind vom Klimawandel bedroht. Aber wie gehen die Küstenbewohner damit um? Eine Stippvisite auf der Ferieninsel Amrum.

Ihrem Ruf von der rauhen Nordsee werden die Wellen an diesem wolkenlosen, ungewöhnlich heißen Septembertag auf der Insel Amrum nicht gerecht. Der Wind bläst zwar – doch zu mehr als einem lauen Lüftchen reicht es nicht. „Komm, stell dich hier hin“, ruft ein älterer Mann hinter mir seiner Frau zu. „Das ich muss ich fotografieren, sonst glaubt uns das keiner. Sieht ja aus wie in der Wüste hier!“

Vor unseren Füßen liegt eine fast 15 Kilometer lange und anderthalb Kilometer breite Sandbank. Die breiteste Europas! Im Laufe der Jahrhunderte hat sie sich der schmalen Nordseeinsel immer weiter angenähert. So sehr, dass sie inzwischen als Teil von Amrums Westküste wahrgenommen wird, obwohl sie geologisch gar nicht zur Insel gehört, sondern ihr nur vorgelagert ist. Noch. Mehr noch: Die riesige Sandbank – zehn Quadratkilometer feinster weißer Kniepsand – wandert langsam, aber sicher im Uhrzeigersinn um das sichelförmige Amrum herum.

Knapp zwei Meter über dem Meeresspiegel liegt dieser sogenannte Hochsand, der von der normalen Flut unberührt bleibt, aber einen angenehm flachen Einstieg ins kühle Nass ermöglicht. Während sich hinter uns Amrums spektakulärste Düne 32 Meter gen Himmel reckt. Es ist nicht der einzige Widerspruch, der sich einem in den Weg stellt, wenn man versucht, der derzeitigen Situation in der Nordsee auf die Spur zu kommen.

Besuch an der Front

Berechnungen der gemeinnützigen Hamburger Institution Maribus zufolge bewohnt über eine Milliarde Menschen weltweit Küstengebiete, die meisten in Asien. Darüber hinaus stellen große Hafenstädte einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor für die regionalen Handels- und Transportnetze dar. Sie sind unverzichtbar. So wie der Sand für die Touristen und der Tourismus für die nordfriesischen Inseln.

Amrums eiszeitlicher Geröllkern, der Geest, schafft es auf stattliche 18 Meter über Normalnull. Ziemlich viel für die ansonsten eher niedrige Nordseeküste. Dem wissenschaftlich mehrfach bestätigten Meeresspiegelanstieg könnten gerade die Amrumer gelassen entgegensehen. Sind sie doch quasi von Natur aus noch eine ganze Weile vor Überschwemmungen geschützt. Vielleicht ist das der Grund, weshalb die Nachricht, dass der Meeresspiegel laut Einschätzungen des Weltklimarats (besser bekannt als Intergovernmental Panel on Climate Change, kurz IPCC) bis zum Ende dieses Jahrhunderts um bis zu 80 Zentimeter ansteigen könnte, hier niemanden in Panik versetzt.

Träfe dieses Szenario tatsächlich ein, verlöre Amrum je nach Berechnung ein signifikantes Stück Strand – und damit den Touristenmagneten schlechthin. Für die Insel selbst ergäbe sich aber kein existentielles Problem. Anders auf der Nachbarinsel Pellworm. Diese ähnelt wie die Insel Föhr einer Schüssel: Die besiedelte Mitte liegt unter dem Meeresspiegel und ist jetzt schon nur durch fortwährende Küstenschutzmaßnahmen bewohnbar. Das Helmholtz-Zentrum in Geesthacht warnt jedoch auch vor zunehmenden Starkregen und heftigeren Niederschläge im Winter als Folge des Klimawandels, die das Land zusätzlich belasten werden.

So drastisch es klingen mag: Pellworm ist ein langsam versinkender Lebensraum. Aber auch Föhr, Sylt oder die Ostseeinsel Norderney, der das Meer Jahr für Jahr signifikante Mengen Land abtrotzt, wird der Meerespiegelanstieg immer mehr zum Verhängnis. Dank massiver Landesschutzdeiche, von denen die meisten Südseeinseln nur träumen können, sowie aufwendiger Sandvorspülungen für mehrere Millionen Euro jährlich lässt sich der Untergang allerdings noch eine Weile hinauszögern. Ignoriert wird dabei, dass diese Verteidigungsstrategie sich als falsche Herangehensweise herausstellen könnte.

Baureserven für nachfolgende Generationen

Doch gehen wir einen Schritt zurück. Alle zehn Jahre überprüft das Land Schleswig-Holstein den Zustand seiner 451 Kilometer langen Küstenschutzanlagen. Nachgerüstet wird, wo Schäden entstanden und Anpassungen an den Klimawandel nötig sind. „Letzteres bedeutet, dass die Deichverstärkung bereits heute 50 Zentimeter höher ausfällt als es der aktuelle Meeresspiegel erfordert“, erklärt Dietmar Wieholdt, der im Kieler Umweltministerium die Abteilung Wasserwirtschaft, Meeres- und Küstenschutz leitet. Vorgesehen ist außerdem, Deiche flacher und breiter zu bauen, um die Wucht der Wellen vor dem Ufer zu brechen. „Sollte der Meeresspiegel stärker ansteigen als angenommen, können spätere Generationen mit wenig Aufwand auf den vorhandenen Deichkörper eine weitere Kappe von einem Meter aufsetzen“, ergänzt Wienholdt. „Mit solchen Klimadeichen lässt sich Zeit gewinnen, um zu überlegen, wie man weiter verfährt.“

Für Jasmin Diercks aus der Amrumer Gemeinde Norddorf ist das Thema Meeresspiegelanstieg derzeit keines. Wie die Mehrheit der circa 2.300 anderen Insulaner, lebt auch die 33-Jährige mit ihrer Familie direkt vom Tourismus. Nebenbei hält sie noch einige Pferde. Vor elf Jahren kam die junge Frau aus Elmshorn für einen Arbeitsurlaub als Reitlehrerin auf die Insel. „Dann bin ich hängen geblieben“, erzählt sie beim Frühstück und lächelt verlegen.

Unterstützt von einer Angestellten kümmert sich die Mutter zweier Kinder in der Hochsaison um 41 Gäste, die sowohl im Privathaus der Familie wohnen als auch in zusätzlichen Ferienhäusern. Jasmins Mann Ole versorgt währenddessen die Pferde oder hilft in der Gemeinde, wenn mal wieder ein Sturm zu heftig an einer Düne gefressen hat. „37.000 Kubikmeter Sand haben sie diesen Sommer aufgeschüttet und damit den Strand erhöht“, erzählt sie stolz.

Mit Deichverstärkungen gegen den Klimawandel

Obwohl die Amrumer geologisch im Vorteil sind, nagt der Meeresspiegelanstieg auch an ihnen, sprichwörtlich. Dem nur wenig gesicherten Wattweg, einem Rad- und Spazierweg im Südosten, haben Gezeiten und Sturmfluten in den letzten Jahren offensichtlich zugesetzt, wie eine eher notdürftige gesicherte, ziemlich angefressene Abbruchkante verdeutlicht. Die Frage nach dem besten Küstenschutz umtreibt die Bewohner, wenn sie darauf angesprochen werden.

Und das liegt zum Teil auch an Leuten wie Dietmar Wienholdt. 2014 kam der Ministerialdirigent mit den Amrumern ins Gespräch über eine Verbesserung des Hochwasserschutzes, obwohl im Generalplan des Landes bis 2025 keine derartige Maßnahme vorgesehen ist. „Wir müssen 93 Kilometer Deich verstärken, um dem Klimawandel standzuhalten“, sprach Wienholdts Chef, Minister Robert Habeck bei der Verabschiedung des Plans 2012.

Fahrradverleiher Tim Eisenloher, der schon zu DDR-Zeiten als politisch aktiver Jugendlicher in Ostberlin aufgefallen ist und seit rund zehn Jahren auf Amrum wohnt, erinnert sich an die Debatte und an das Projekt, das Wienholdt auf die Insel führte. „Beim Thema Deich hieß es, es gäbe zwei Möglichkeiten“, erklärt der 43-Jährige. „Zunächst wurde uns vom zuständigen Amt ein Überlaufdeich präsentiert. Ab einem bestimmten Wasserstand wären niedrigere Flächen, darunter die Felder eines Bauern, überschwemmt und versalzt worden.“ Auch das Klärwerk der Insel hätte wohl verstärkt werden müssen. Folgekosten unklar.

Dieser mit 2,2 Millionen Euro veranschlagte Vorschlag stieß bei den Anwohnern auf Ablehnung. Deren Favorit, die Variante Deicherhöhung auf 4,60 Meter, wurde seitens der Landesbehörde mit 3,67 Millionen Euro Baukosten damals schließlich als „zu teuer“ verworfen. „Wir hatten also nie eine wirkliche Alternative“, empört sich Tim.

Kaum noch Sand am Meer

Wienholdt verweist auf den weichen Untergrund des bereits bestehenden Deichs im Süden Amrums. Diesen zu verstärken, wäre „nur mit erheblichem Aufwand“ möglich, aber zur Zeit keineswegs notwendig. Bei einem Überlaufdeich hätte man dagegen bei einer Jahrhundertflut den Druck auf das Land reduzieren können. Konkret heißt das: Die niedriggelegenen Felder wären zwar überschwemmt worden, ansonsten hätte ein Hochwasser aber kaum Schaden anrichten können. Eine ohnehin erhöhte Verbindungsstraße und die wenigen Häuser in der Nähe hätte man durch eine kleine Verwallung gesichert. Wienholdt erkennt in dieser Maßnahme vor allem die Vorteile. „Salzwiesen würden neu entstehen und könnten als Ausgleichsmaßnahmen für andere Küstenschutzmaßnahmen genutzt werden. Letzteres wäre für uns sehr interessant gewesen.“

Dazu muss man wissen: In Naturschutzgebieten erfordert jede Landversiegelung eine Ausgleichsfläche, die vom Meer überschwemmt werden könnte und etwa aus Weidefläche Salzwiesen machen würde. Der Behördenansatz hätte eine noch nie dagewesene Überflutungsfläche an der Nordküste nach sich gezogen. Und die Hinwendung zu der Einstellung: anpassen statt verteidigen.

Denn inzwischen wird etwa die jährliche Umschichtung von Millionen Kubikmeter Sediment aus ökologischen und ökonomischen Gründen hinterfragt. Riesige Saugbagger helfen, Meeresboden zu Strand zu machen. Eine Sisyphusarbeit – holt sich doch das Meer den Sand im Winter immer wieder. Klimaforscher wie der ehemalige Leiter der Lister Wattenmeerstation auf Sylt, Karsten Reise, sprechen sich deshalb für einen Paradigmenwechsel aus (siehe nebenstehendes Interview): Mit dem Wasser leben statt dagegen zu kämpfen, lautet ihr Hauptargument. Zumal die kostspieligen Sandaufspülungen nur beibehalten werden können, solange der Vorrat reicht und Geld vorhanden ist.

Für diese Sicht spricht auch, dass die Inseln und Halligen, sprich kaum geschütze Marschinseln, teilweise mit dem Meer mitwachsen, weil dieses nicht nur Dünen und Land fortträgt, sondern auch Sand und Sedimente, also Ablagerungen, anspült. Was aber nur bei beweglichen Landmassen funktioniert. Mit Asphalt fixierte Ufer konterkarieren ein solches Prinzip. „Sylt erhalten wir jetzt schon nur dadurch, dass wir jedes Jahr eine Million Kubimeter Sand vor die Insel spülen“, sagt Wienholdt. Betonwellenbrecher haben sich als nutzlos erwiesen.

Die Ostfriesen bleiben wehrhaft

Amrum als Experimentierfeld zu nutzen, kommt für die widerstandsfähigen Amrumer derzeit nicht in Frage. Sie wollen sich nicht nicht einschränken oder vertreiben lassen – von nichts und niemandem. Auf die Frage, wie es weitergehen soll, heißt es typisch friesisch und recht lakonisch: „Liewer düd aß Slaawe“ (zu Deutsch: Lieber tot als Sklave).

Verteidigen, anpassen oder gar zurückziehen? Auch für Jasmin Diercks ist die Entscheidung nicht so unerheblich, wie es zunächst anmutet. „Natürlich würde ich meinen Kindern das hier alles gern vererben“, antwortet sie und schaut sich nachdenklich in dem mit viel hellem Holz sorgfältig eingerichteten Frühstücksraum um. „Aber meiner Tochter Henricke sind die vielen Gäste teilweise jetzt schon zuviel.“ Was in zehn oder mehr Jahren los sei, dafür lasse sich sowieso schwer vorausplanen, gibt sie sich überzeugt.

Wie gerechtfertigt der enorme Aufwand für ein kleines Idyll aus reetgedeckten Friesenhäusern ist und ob Überlaufdeiche auf Dauer nicht eine bessere, weil fortschrittlichere Lösung darstellen, ist schwer zu sagen. Scheinbar gilt, was Jasmin über das Inselleben denkt: „Bei uns herrscht eben noch so eine Art heile Welt“. Und diesen Status quo will man sich erhalten. Solange wie möglich.