Chris Tomas

Freie Redakteurin und Autorin, München

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Sarajevo: Alte, neue Liebe

Sonnenuntergänge haben ja immer etwas Magisches. Doch in Sarajevo vibriert die ganze Stadt. Die mehr als 200 Minarette der Balkanmetropole leuchten wie lange Kerzenständer, dazu hallt der Gesang der Muezzins über die Dächer. Einmalig schön! Kein Wunder, dass sich jeden Tag sowohl Touristen als auch Einheimische auf der Žuta Tabija versammeln, einer alten Bastion hoch über der Stadt, um diesen Moment von oben mitzuerleben.

25 Jahre nach Ende des Krieges ist die Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina wieder ein beliebtes Ziel für neugierige Besucher aus der ganzen Welt. Ich bin eine von ihnen, aber es gibt noch einen anderen Grund für diese Reise: Mein Vater stammt aus Bosnien. Als Kind verbrachte ich jeden Sommer im Haus meiner Großeltern, half meinem Onkel beim Wasserholen und spielte mit meinen Cousins zwischen Maispflanzen.

Als die Jugoslawienkriege 1991 ausbrachen, sind all meine Verwandten ins Ausland geflohen. Niemand kehrte je zurück. Auch mein Vater nicht, er starb zehn Jahre später an Krebs. Aus einer diffusen Angst vor traurigen Erinnerungen mied auch ich seine alte Heimat. Bis jetzt.

Mit dem letzten Licht des Tages steige ich hinunter in den Talkessel und lasse mich durch die Altstadt Baščaršija treiben. Rund um den Sebilj, einen hölzernen Brunnen, jagen Kinder nach Tauben.
Die Bars sind voll, Gelächter und der Duft von gebratenen Cevapcici ziehen durch die Gassen. Überall warten lauschige Hinterhöfe, kleine Treppen, Kaffeestuben, Antikläden und traditionelle Kupferschmieden darauf, entdeckt zu werden. Die Erinnerungen an meine Kindheit sind auf einmal wieder sehr deutlich. Ich sehe buntgemusterte Teppiche, wie sie im Haus meiner Großeltern lagen. Oder Džezve, kleine Kännchen mit langem Griff, in denen bosnischer Kaffee zubereitet wird. Aber auch die Folgen des Krieges sind sichtbar: hier ein eingefallenes Dach, dort Einschusslöcher in der Fassade. Davon abgesehen hat sich die Stadt jedoch gut erholt. Das Zentrum? Super renoviert. Die Infrastruktur? Bestens. Kneipen, Restaurants Ausstellungen, Konzerte – es gibt alles.
Die wahrscheinlich schrulligste Bar Sarajevos heißt „Zlatna Ribica“. Bis unter die Decke stapelt sich dort goldener Kitsch, jeder Drink wird in einem anderen Glas serviert. Ich lasse mich in einen der Ohrensessel fallen. Hausgemachte Zitronenlimonade oder Rotwein? Da Bosnien und Herzegowina hervorragende Tropfen produziert, entscheide ich mich für ein Glas Blatina. Brombeeraromen, im Barrique gereift – fantastisch.

Den nächsten Morgen beginne ich mit Pfannkuchen und Mokka. Ich beobachte Mädchen in High Heels, die mit ihren verschleierten Freundinnen Arm in Arm durch die Straßen flanieren. In manchen Vierteln zeigt sich Sarajevo ganz großstädtisch, es sieht aus wie Wien oder Istanbul. Und dann wiederum Ecken, die an ein alpines Bergdorf erinnern. Tatsächlich fährt eine Seilbahn binnen Minuten vom Zentrum in die Wanderparadiese der umliegenden Berge.

Nach ein paar Tagen traue ich mich hinaus in das Dorf Žeravac, um unser altes Familiengrundstück zu besuchen. Vom Haus meiner Großeltern ist nichts mehr übrig. Gras überwuchert die Mauerreste, es sieht aus wie ein Grabhügel. Ich schlucke. Wenigstens steht das Haus von meinem Onkel noch. Ich setze mich davor in die Sonne und genieße die Stille. Lange habe ich mich meinem Vater nicht mehr so nah gefühlt wie in diesem Moment. Ich merke, dass ein Teil von mir noch hier zu Hause ist.

Als ich später am Fluss Miljacka bummele und die vielen Brücken zähle, fällt mir das passende bosnische Wort dazu ein: „merak“. Es bedeutet: kleine Dinge so zu genießen, dass sie dem großen Glück sehr nahe kommen. Ich fülle meine Trinkflasche am Brunnen der Gazi-Husrev-Beg-Moschee. Wer daraus trinkt, so die Legende, wird nach Sarajevo zurückkehren. Ich schwöre mir, dass bis dahin nicht wieder 20 Jahre vergehen.

Entspannen, essen, entdecken
❚ Wohnen: Wer es nostalgisch mag, bucht das Hotel Michele, DZ ab 60 Euro, hotelmichele.ba
Neben Galerien und Ateliers liegt das kleine Gästehaus „Ovo Malo Duše“ mit nur sechs Zimmern. DZ ab 50 Euro, ovo-malo-duse.com
❚ Essen: Die besten Cevapcici der Stadt (manche behaupten sogar, ganz Bosniens) werden im Restaurant Željo serviert, Kundurdžiluk 19
Ein Kuriositätenkabinett an Antiquitäten, Menschen und Drinks erwartet Gäste in der Bar Zlatna Ribica, Kaptol 5
❚ Entdecken: Das preisgekrönte War Childhood Museum dokumentiert das Leid der Kinder im Krieg,
warchildhood.org