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Wer hat noch nicht am Gürtel gespielt?

Von Rock über Indie und Hip-Hop bis zu elektronischer Musik ist in den Stadtbahnbögen-Lokalen am Gürtel für jede:n etwas dabei. Die Gürtel Connection am 8. Mai bot die perfekte Gelegenheit, in diverse Veranstaltungsorte reinzuschnuppern.


Wer sie verpasst hat, kann sich freuen: Am 26. August steht wieder der jährliche GürtelNightWalk an. 


Wer denn schon alles am Gürtel gespielt hat, ist die falsche Frage. Richtig müsste sie lauten: „Wer hat noch nicht am Gürtel gespielt?“, so Mike Tscholl, Vorstand des Vereins zur kulturellen Belebung des Lerchenfelder Gürtels. Denn: „Auf dem Weg zur Bekanntheit kommen wohl wenige Acts am Gürtel vorbei.“ Von Wanda und ­Voodoo ­Jürgens bis zu Beth Ditto standen schon viele mittlerweile ­etablierte Stars hier auf der Bühne. Eben das macht die Lokale in den Stadtbahnbögen so besonders für Kunst- und Kulturbegeisterte, aber auch für die Musiker:innen selbst. „Der Gürtel bietet vielen unbekannteren Künstler:innen die Möglichkeit aufzutreten, weil es viele Bühnen gibt und kaum musikalische Einschränkungen“, erzählt Mike Tscholl. Heute sind die Gürtel-Stadtbahnbögen-Lokale aus Wiens ­Kultur- und Clubszene nicht mehr wegzudenken. Doch wann ist der Gürtel, wie wir ihn heute kennen, eigentlich entstanden? 


Die Geschichte des Gürtels
Das Areal des heutigen Gürtels hatte bereits früh eine wichtige Funktion in Wien – jedoch nicht ganz die, die er heute hat: 1704 wurde dort zur Verteidigung der Stadt der sogenannte Linienwall errichtet. 1873 wurde die an seiner Außenseite erbaute, nach dem Vorbild der Ringstraße konzipierte „Gürtelstraße“ eröffnet. In den 1890er-Jahren wurde der Linienwall geschleift und die vom Architekten Otto Wagner geplante Stadtbahn mit ihren 30 Stationsgebäuden errichtet. Seit 1989 fährt auf der früheren Stadtbahn-Gürteltrasse die U-Bahnlinie U6. Mit dem zunehmenden Autoverkehr – der 13 Kilometer lange Gürtel ist die am stärksten befahrene Straße Österreichs – verfiel die Gegend immer mehr und entwickelte sich zum Rotlichtviertel Wiens. Das änderte sich in den 1990er-Jahren – den notwendigen Impuls dazu gaben die Fördermittel der EU. Mit der Eröffnung des ersten Musiklokals, des Chelsea, im Jahr 1995 begann der Aufschwung des Gürtels. Immer mehr Lokale ­siedelten sich an und schufen die Kultur- und Nachtszene, wie wir sie heute kennen. Die Gürtelszene etablierte sich als fester Bestandteil des Wiener Nacht­lebens. Einen großen Vorteil hat nämlich der Lärm des Straßen­verkehrs: die Möglichkeit, die Schanigärten bis zu später Stunde offen zu halten.


Gürtelboom
Der Gürtel wurde zudem durch Veranstaltungen wie den jährlichen GürtelNightWalk (seit 1998) und die seit 2016 zweimal jährlich stattfindende Gürtel Connection aufgewertet. Damals setzen sich die Betreiber:innen zusammen, um das Problem des Straßendealens am Gürtel anzugehen, und nutzten das Treffen, um die Gürtel Connection zu initiieren. „Wir wollten das Image des Gürtels nach außen verbessern, da es schon sehr negativ behaftet war“, so Mike Tscholl. Und das ist gelungen: Die Stadtbahnbögen-Lokale gewinnen immer mehr an Beliebtheit – auch unter Tourist:innen. Das spüren laut Tscholl auch die Betreiber:innen: „Wir wollten durch die Connection auch die Vielfalt des Gürtels aufzeigen. So hat man als Besucher:in die Möglichkeit, in mehrere Lokale an einem Abend reinzuschnuppern.“ Er selbst gestaltet seit über zehn Jahren die Musiklandschaft im The Loft und freut sich, dass die musikalische ­Bandbreite am Gürtel immer größer wird. 


„derAchte“ bei der Gürtel Connection 
Die Vielfalt an Musikrichtungen war auch bei der 14. Ausgabe der Gürtel Connection am 8. Mai zu beobachten. Über 50 Live-Acts und DJ-Sets, 14 Lokale und eine freiwillige Spende brachten Musikbegeisterte zusammen. Auch „derAchte“ ließ sich das nicht entgehen. Hier ein kurzer Stimmungsbericht:

Schon bei Anbruch der Dämmerung versammeln sich in dieser warmen Mai-Nacht die Gäste mit einem kühlen Bier in den Schanigärten der Gürtellokale. Nach und nach werden es immer mehr, denn bald geht es mit den Live-Acts und DJ-Sets los. 

Wir starten ganz klassisch im Chelsea. Der Schani­garten ist voll besetzt. Um 20 Uhr steht die fünfköpfige Band „Freud“ mit ihrer Mischung aus Punk, Electronic, New Wave und Alternative Rock auf der Bühne. Die Besucher:innen stehen bis zum Ausgang, es wird zur ­Musik gewippt, getanzt und getratscht. 

Mit großem Applaus endet das erste Konzert des Abends und schon springen wir weiter zum nächsten Lokal – zum Café Carina direkt bei der U-Bahn-­Station Josefstädter Straße. Seit 1985 bietet das Café Carina an 300 Tagen im Jahr Konzerte und auch heute stehen drei Bands und ein DJ-Set auf dem Programm. Was das Carina unter anderem ausmacht, ist die Vielfalt an Musikrichtungen. Wir erwischen die rockigen „Seven Oak Street“ noch bei ihren letzten Liedern. Der Leadsänger macht Stimmung und das Publikum singt und tanzt mit und ruft nach einer Zugabe. Die vierköpfige Band spielt eine letzte Nummer, dann geht es für uns weiter zu unserer nächsten Station.

Der Kramladen ist ein deutlich kleineres Lokal als die zwei vorherigen, aber mit einem großen Schanigarten vor der Tür, der voll besetzt ist. Im kleinen Veranstaltungsraum bringt gerade die Heavy-Psych-Rock-Band „Great Rift“ das Publikum zum Kopfnicken. Der Kramladen ist die jüngste Live-Location in den Gürtelbögen und ein Geheimtipp für nationale und internationale Live-Acts. Ab 23 Uhr wird hier meistens diverse elektronische Musik gespielt. An diesem Abend ist Techno/House von „Sidequest“ zu hören. Das DJ-Set erleben wir leider nicht mehr mit, weil es schon zum nächsten Lokal gleich gegenüber weitergeht – und zwar über die Straße.

Auch hier, im Concerto, gibt es jeden Abend Live-Musik von Rock über World Music und Reggae bis Jazz, aber auch DJ-Lines. Beim heutigen DJ-Set wird Deep Downtempo aufgelegt. Das Concerto ist kein klassisches Stadtbahnbogen-Lokal und hat seinen eigenen Charme. Die vielen Pflanzen und Sitzmöglichkeiten schaffen eine gemütliche Atmosphäre. Die Gäste unterhalten sich, vereinzelt wird getanzt und im Wintergarten geraucht. Bei der ruhigen Stimmung werden auch wir müde und lassen den Abend bei einem Bier ausklingen, während viele Besucher:innen schon in die nächsten Lokale strömen, um zu den verschiedenen DJ-Sets zu tanzen. Andere genießen die warme Nacht in den Schanigärten entlang des Gürtels.