Caroline von Eichhorn

Journalistin, Autorin, Gestalterin, München

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Ich und ich | SZ Jugendseite

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Aus der Ausstellung „Selfies: Der Tümpel des Narziss“

Warum Hannah Fee Kreuzer so großen Spaß hat, sich selbst zu fotografieren, weiß die 19-Jährige nicht. Seit sechs Jahren posiert sie vor der Kamera mit Selbstauslöser - jetzt macht sie eine Ausstellung. Vom 2. bis 15. August sind Hannahs Selfies im Farbenladen vom Feierwerk zu sehen.


Hannah Fee Kreuzer ist 13, als sie die Spiegelreflexkamera ihre Mutter findet und beginnt, sich damit zu fotografieren. Die Münchnerin schminkt sich, schlüpft in verschiedene Klamotten und Kostüme, stellt Licht auf und posiert. Alleine, meist in ihrem Jugendzimmer.

Heute ist Hannah 19 und wohnt zwischen Abitur und Studium für ein Jahr in Berlin. Sie fotografiert immer noch am liebsten einfach sich selbst - mit Kamera und Selbstauslöser. Die Selbstporträts aus den letzten sechs Jahren, sogenannte Selfies, stellt sie im August nun im Münchner Farbenladen aus.


Zu sehen ist Hannah lasziv mit knallroten Lippen und edler Blässe, Hannah bedrückt und dreckverschmiert, Hannah in rosa Unterhose und Oma-Maske, den Po in Richtung Linse gestreckt; oder auch Hannah mit Kopfschuss, Blut läuft über das Gesicht, doch sie lächelt leicht und legt die Hand auf die Brust, als wäre sie geschmeichelt von der Attacke. „Hier war meine Absicht, einen Kontrast zwischen Spaß und Brutalität herzustellen", sagt sie.


Warum sie so einen großen Spaß an Selfies hat, weiß Hannah selbst manchmal nicht so genau. „Anscheinend habe ich einen Drang, mich zu inszenieren, alle Ecken und Kanten meines Selbst zu entdecken", sagt sie. „Ich will zeigen, was in meinem Kopf los ist, was ich denke, wie ich die Welt beobachte - auch wenn es mir nicht immer gelingt." Eine andere Art der Fotografie hat sie bisher noch nicht ausprobiert, und es interessiert sie auch nicht.

Selfies eines Teenager-Mädchens als Ausstellung - für manche mag es total banal erscheinen, weil genau das derzeit jeder macht: Speicherkarten und das Netz sind voll davon. Nach einer Studie von Samsung sind in Großbritannien etwa ein Drittel aller Fotos der 18 bis 24-Jährigen Selfies.


Seit der Erfindung der Handy-Kamera ist es auch kinderleicht: die Linse meist von schräg links oben gehalten; manchmal ist der Arm als Stativ auf dem Bild zu sehen. Auch Angela Merkel, Bastian Schweinsteiger und Brad Pitt grinsen mit, beim Selfie-Hype, und kassieren mit ihren Celebrity-Selfies besonders viele Reaktionen. Es ist nicht nur enorm praktisch, wenn man keinen Fotografen braucht; das Selfie ist auch eine hervorragende Möglichkeit der Selbstvermarktung. Man kann spontan zeigen, wo man sich mit wem wie fühlt und was man macht. Gleichzeitig waren selten so viele Leute genervt von einem Hype.


Sich selbst zu porträtieren ist freilich alles andere als eine neue Kulturform. Seit es das Individuum gibt, sucht es nach Wegen der medialen Präsentation. Vincent van Gogh und Albrecht Dürer malten sich, Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller schrieben über sich. Im Zeitalter der Kamera wird sie logischerweise auch auf den Fotografen gerichtet.

Der Begriff „Selfie" ist allerdings nicht besonders alt. Die ältesten bekannten Spuren liegen zwölf Jahre zurück, ein Australier verwendete den Begriff in einem Internetforum. 2013 kürten ihn Sprachforscher zum englischen Wort des Jahres. Und dieses Jahr, 2014, erlebt das Selfie zahlreiche Weiterentwicklungen und Abwandlungen wie etwa das „Shelfie - ich vor einem Regal", das „Drelfie - ich betrunken", „Relfie - ich und mein Partner" oder „Welfie - ich beim Workout". Die Liste an -elfies ist endlos.


Doch was sagt der Rummel ums Selfie über unsere Zeit aus: Baden alle in Narzissmus, weil es technisch möglich ist? Treibt uns das Selfie in selbstverliebten Egoismus? Kürzlich wurde der Fall des 15-jährigen Engländers Danny Bowman bekannt, der an Selfiesucht litt und bis zu 200 Bilder täglich von sich schoss; weil ihm das perfekte Bild nicht gelang, warf er eine Überdosis Pillen ein, die ihn fast umbrachte. Eine Psychologin schreibt in einem Magazin, viele Selfies stünden im Verhältnis zu einem schwachen Selbstbewusstsein.


„Selfies sind, das hält auch ihre Definition fest, kommunikativ und daher eben nicht per se schon narzisstisch", entgegnet der Medienwissenschaftler Jens Ruchatz von der Philipps-Universität in Marburg. „Das zeigt sich bei vielen Selfies auch daran, dass sie eher auf Spontanität und Unfertigkeit setzen, um umgehend weitergeleitet zu werden." Hannah ist kein Fan vom Massenphänomen Handy-Selfies. Auf ihrem Handy hat sie auch kein einziges Selfie von sich. Aber ihre inszenierten Bilder macht auch sie, um Reaktionen ihrer Betrachter hervorzurufen. Sie will mit den Bildern andere provozieren und berühren, zeigt sich deshalb so gerne in verschiedenen Verkleidungen und Gemütslagen. Hannah beweist in ihren Bildern Phantasie und Gespür für Bildkomposition, und sie wagt es, sich in jungen Jahren zu offenbaren. Doch sind Selfies Kunst? Das muss wohl jeder für sich selbst beantworten.

Für Hannah sind sie vielmehr auch ein großes Stück Freiheit. Ihre ersten Selbstbilder schoss sie während der Schulzeit, wenn sie zwischen Nachmittagsunterricht und Lernen Zeit fand - Hannah ist eine der ersten G-8-Gymnasiastinnen, sie hat Schule gehasst. „Man konnte sich überhaupt nicht frei bewegen", sagt sie. „Es war der totale Zwang, etwas auswendig zu lernen."


In den Selfies hingegen kann Hannah tun, was sie will. Dieser Freiheitsdrang gefiel vor drei Jahren auch einem Hamburger Galeristen, der sie förderte und ihr Ausstellungen in Berlin, Hamburg und Düsseldorf ermöglichte. Sie verkaufte sogar drei Selbstporträts für je dreistellige Beträge. Vor einem Jahr strukturierte sich der Galerist allerdings neu; seither ist Hannah Fee Kreuzer nicht mehr in seinem Programm zu finden. Die Ausstellung im Farbenladen des Münchner Feierwerks ist die erste, die sie selbst organisiert.


Wie es mit Hannahs Selfies weitergeht, weiß sie noch nicht, und das plant sie auch nicht. Sie geht es wie mit ihren Motiven an: „Einfach laufen lassen". Auch wenn sie bereits zu hören bekam, sie hätte das Zeug zum nächsten Kunstszenestar, möchte sie beruflich erst einmal einen anderen Weg einschlagen: Wahrscheinlich beginnt sie ein Biologie-Studium in Köln.

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