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Was Robert Habeck den Frankfurtern zu sagen hatte

Nachdem einige Wochen zuvor bereits der Fraktionsvorsitzende der FDP - Christian Lindner - an Frankfurts Goethe-Universität über Europa sprach und Fragen beantwortete, ist am Montag, 16. Juli, nun Robert Habeck, der Bundesvorsitzende der Grünen, zu Besuch in der Mainmetropole gewesen. Nach einer Besichtigung der Paulskirche kam der noch amtierende Umweltminister Schleswig-Holsteins an die Hauptwache und suchte den Dialog mit den Bürgern. 


Nathalie ist Mitglied bei Bündnis90/ Die Grünen und wartete gespannt auf den Auftritt Habecks. „Ich erhoffe mir generelle Infos zur aktuellen politischen Lage von Robert Habeck", sagt die 18-jährige. Sie finde es gut, dass der Bundesvorsitzende die Sommerpause nutze, um ein bisschen „unter die Leute zu kommen". Auch die Frankfurterin Sybille Zahlten ist gespannt. „Er ist für mich ein Hoffnungsträger. Ich schätze sehr an ihm, dass er den Mut hat, sich schwierigen Fragen zu widmen" An diesem Tag musste Habeck jedoch eher Antworten geben, Fragen bekam er viele.


Zu Frankfurt, Deutschland und der Welt 


Unter zustimmendem Applaus der Anwesenden äußerte Habeck gleich zu Beginn des Bürgerdialogs an der Hauptwache seine Bedenken zu den aktuellen Entwicklungen auf Bundes- und EU-Ebene. Er sieht in der Überzeugung „Wenn jeder Nationalstaat an sich denkt, dann ist an alle gedacht" einen „gefährlichen" Trend. Hinzu komme, dass man sich in einer Zeit befinde, in der das „ökologische Korsett" stetig enger werde. „Aber so richtig Kraft hat eigentlich nur Europa", meint Habeck unter dem bestätigenden Applaus der in der prallen Sonne stehenden Zuschauer, von denen bereits einige ihre Regenschirme zum Sonnenschutz aufgespannt hatten. Von den Anwesenden kamen Fragen zu allen möglichen Themen, unter anderem zur Bekämpfung von Fluchtursachen und Umverteilung.


„Unser Wohlstand ist erkauft aus den Produktionsbedingungen in anderen Ländern. Die Gewinnmage ist aber immer bei uns", kritisiert Habeck mit der Frankfurter Finanzskyline im Rücken und dem Blick auf die Zeil, wo Primark, Zara, H&M und Co. im Sommersale mit niedrigsten Preisen bewaffnet um die Kunden kämpfen. „Wir können, wenn wir denn wollen, auch soziale Standards über Landesgrenzen hinweg verwirklichen", ist Habeck überzeugt. „Wenn man Europa eine größere Geschichte machen möchte, dann muss man auch ein soziales Europa daraus machen." Habeck zog dabei mehrfach seine Partei in die Verantwortung, sich den neuen Fragen dieser Zeit zu widmen und „radikaler zu werden, um überhaupt realistisch zu werden".


Landtagswahlen stehen bevor


Das scheint auch in Hinblick auf die anstehenden Landtagswahlen in Bayern und Hessen relevant zu sein. Aktuell regiert in Hessen eine Koalition aus CDU und den Grünen. Trotz dieser bevorstehenden Wahlen ging Habeck nur auf Nachfrage auf das Thema Landtagswahlen ein, von denen er sich ein anständiges Ergebnis für die Grünen erhofft.


Das wilde Frankfurt


Neben der Innenstadt schaute sich Habeck auch einen Druckraum im Bahnhofsviertels und den Neuen Frankfurter Garten am Ostbahnhof an. Dort lagen auf den mit Kartoffelsäcken und Bembeln geschmückten Bierbänken „Give Bees a Chance"-Flyer aus. Unter einem Schatten spendenden Baum ist ein kleines Podium mit Klappstühlen aufgebaut worden, wo später der „Dialog im Gartencafé" stattfand. Von den Leiterinnen des Projekts bekam Habeck jedoch zuerst eine Gartenführung, durfte Tomaten begutachten, an Blumen riechen und auf eine Art Baumhaus - den Bienenbaum Wipfelpfad - klettern, um Bienenstöcke zu bewundern. Platten mit belegten Broten und Bananenbrot aus „geretteten Lebensmitteln" wurden herumgereicht, Bier und Bio-Limonade geöffnet und gerippte Gläser gefüllt. Man kennt sich dort. Der Dialog begann und schnell wurde deutlich, was vielen der Anwesenden Sorgen bereitet: Grünflächen verschwinden für neue Bauflächen und Pestizide landen auf den riesengroßen Äckern der industriellen Landwirtschaft.


Neben Habeck beantworteten noch Rosemarie Heilig, Umwelt- und Frauendezernentin Frankfurts, und Martina Feldmayer, die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Hessischen Landtag die Fragen der Anwesenden. Feldmayer betonte: „In dieser Zeit ist es wichtig, dass es soziale und ökologische Projekte gibt, wo Menschen zusammenkommen" und lobte nochmal den Frankfurter Garten. Auch Habeck fand: „Das wilde Frankfurt - das ist doch cool" Die Natur wandere in die Stadt, man müsse den urbanen Raum mitbedenken. Rosemarie Heilig erwähnte diesbezüglich die Fördermittel für die Begrünung von Hinterhöfen und Co. in Frankfurt, die ein Schritt in die richtige Richtung seien.


Konsumenten müssen keine Engel sein


Obwohl Umfragen nach zu urteilen die Umwelt einen hohen Stellenwert für viele Deutsche hat, entscheiden sich die Leute beim Einkauf dennoch häufig für das billigste Produkt, was bei vielen Anwesenden für Unverständnis sorgte und auch wiederholt die Frage aufbrachte „Was nun?" Am Ende seien es Gesetze, die gemacht werden müssten, so Habeck. „Wir müssen aus Konsumenten keine perfekten Engel machen. Wir sollten nicht bessere Menschen machen wollen, sondern bessere Politik", meint er, auch wenn er natürlich nichts gegen bessere Menschen habe. Dennoch, die Aufgabe von Politikern sei es nun einmal, Gesetze zu machen und Anreize zu schaffen.

Mit einem Haufen von Anregungen und Fragen im Gepäck verließ Habeck dann pünktlich um acht die Mainmetropole. Im Frankfurter Garten wurde jedoch noch länger weiter diskutiert.

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