Carolin Weische

Freie Journalistin, Eberswalde - Berlin

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Neues Interesse an Energie aus Südamerika

Brasilien will wegen des Ukraine-Kriegs seine Ölförderung ankurbeln - auf Bitten der USA. Länder wie Argentinien würden gerne mehr Gas liefern. Doch wie schnell ist das möglich?


Von Matthias Ebert und Carolin Weische, ARD-Studio Rio de Janeiro

Vor wenigen Monaten noch hätte sich Bento Albuquerque, Brasiliens Minister für Bergbau und Energie, eine solch dringende Bitte aus den USA wohl kaum vorstellen können. Als Anfang Dezember der Preis für die Ölsorte Brent noch bei 70 US-Dollar pro Barrel lag, wäre kaum jemand auf die Idee gekommen, dass dreieinhalb Monate später die US-Regierung um eine schnelle Steigerung der brasilianischen Ölproduktion bitten würde.


Anruf aus Washington

Die Förderung von Brasiliens Offshore-Öl - aus tiefen Salzschichten unter dem Ozean - ist vergleichsweise teuer, weswegen die Südamerikaner für eine lukrative Produktion auf einen hohen Ölpreis angewiesen sind. Dieser ist nun, während des Ukraine-Kriegs, sprunghaft auf mehr als 100 US-Dollar pro Barrel gestiegen. Zudem verkündete US-Präsident Biden ein Öl-Embargo gegen Russland.


Wohl vor allem deshalb griff US-Energieministerin Jennifer Granholm am 10. März zum Telefonhörer, um mit ihrem Amtskollegen in Brasilia zu sprechen. Energieminister Albuquerque wurde gedrängt, die Erdölförderung in Brasilien schnell zu steigern.

Die wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Kriegs sind - neben den gestiegenen Preisen an den Tankstellen - nun endgültig in Südamerika spürbar. Bei Rohöl soll auch Brasilien einspringen, um die ausbleibenden Lieferungen aus Russland zu kompensieren. Albuquerque hat mittlerweile der Bitte seiner Amtskollegin entsprochen und angekündigt, die Erdölproduktion zu erhöhen. Brasilien werde die weltweiten Bemühungen um eine Steigerung der Kraftstoffproduktion unterstützen, heißt es aus Brasilia.



Bei hohem Ölpreis profitables Geschäft

Konkret will Albuquerque 2022 7,3 Prozent mehr Öl fördern als im Vorjahr. In den kommenden zehn Jahren soll die Produktion um 70 Prozent ansteigen und 5,3 Millionen Barrel pro Tag erreichen. Dies sei mit den Geschäftsführern der in Brasilien tätigen Rohstoffkonzerne abgesprochen, so Albuquerque. Diese wollen nun geplante Förderprojekte vorziehen und somit schneller mehr Öl fördern als bislang angepeilt. So lange das Ölpreis-Hoch anhält, ist der Abbau vor der Atlantikküste für die Konzerne profitabel.


Im vergangenen Jahr gingen pro Tag rund 1,2 Millionen Barrel ins Ausland - damit ist Brasilien der größte Erdölexporteur Lateinamerikas. Die Export-Menge dürfte nun ansteigen, weil der Hunger nach fossilen Brennstoffen in Europa und den USA durch den Ukraine-Krieg und die verhängten Sanktionen langfristig steigen dürfte.


Große Schiefergas-Vorkommen in Nord-Patagonien

Davon könnte theoretisch auch Argentinien profitieren. Zwar steht das Land bislang weltweit nur auf Rang 27, was die Erdgas-Produktion angeht. Doch hegen sie am Rio de la Plata seit Jahren ambitionierte Pläne. Argentinien verfügt nach Schätzungen über die zweitgrößten Schiefergas-Vorkommen der Welt. Zur Erschließung sind riesige Fracking-Projekte geplant. Der größte Teil ruht in Lagerstätten in Nord-Patagonien. Die Politik setzt vor allem auf die Förderstätte Vaca Muerta. 

Umweltschützer sehen die Fracking-Gasförderung dagegen kritisch. Sie warnen vor vielen Milliarden Tonnen CO2, die dabei freigesetzt werden. Dies seien enorme Risiken für das Klima und die Umwelt. Doch die neue Lage auf dem Energie-Weltmarkt könnte aus dem umstrittenen Projekt nun einen echten Hoffnungsträger machen.


Es fehlen die Pipelines

Einziger Wermutstropfen für die Unterstützer von Vaca Muerta: Argentinien hat es bislang versäumt, genügend Gas-Pipelines zu Häfen mit Flüssiggas-Terminals zu bauen. Vor allem deshalb könne die Förderung nun nicht von heute auf morgen hochgefahren werden, kritisieren Experten.


Während es am Gas nicht mangelt, haben es die verschiedenen Regierungen versäumt, an einem Strang zu ziehen, um dieses Energie-Infrastrukturprojekt voranzubringen. Die verschiedenen politischen Lager sind sich uneins, welche Rolle der Staat beim Pipeline-Bau einnehmen soll. Außerdem war bislang die anhaltende Wirtschaftskrise ein Hemmschuh für den schnellen Ausbau.


Engpässe bei den Raffinerien

Auch Brasilien leidet unter einem Infrastruktur-Defizit: Obwohl das Land große Mengen an Öl fördert, importiert es noch immer mehr als hunderttausend Barrel pro Tag aus dem Ausland. Das liegt daran, dass nicht alle Raffinerien im Land auf Schweröl ausgelegt sind, das in Brasilien gefördert wird. "Wir müssen immer noch acht Prozent Leichtöl importieren, um die ideale Mischung für unsere Raffinerien zu erhalten - sowohl aus technischer als auch aus wirtschaftlicher Sicht", sagt Rodrigo Leão, Forscher an der Bundesuniversität von Rio de Janeiro (UFJR).


Bis also Südamerika mit voller Kraft mit dafür sorgen kann, den neu entstandenen Energiebedarf des Nordens zu decken, wird noch einige Zeit vergehen. Denn auch hier hat niemand so richtig geahnt, wie schnell die Lage in der Ukraine eskalieren würde - und was das für den globalen Rohstoffhandel bedeutet.