Carmen Molitor

Selbständige Redakteurin und Reporterin, Köln

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Arbeitsdirektor*innen und das Management in der Transformation

Claudia Bogedan, Geschäftsführerin der Hans-Böckler-Stiftung, und DGB-Chefin Yasmin Fahimi. Foto: Matthias Hubert

Vertrauen zwischen Beschäftigten und Management in den Unternehmen ist die wichtigste Basis dafür, dass die digitale und sozialökologische Transformation der deutschen Wirtschaft gelingen kann. Über die Schlüsselfigur Arbeitsdirektor*in für einen verlässlichen Interessensausgleich diskutierten Fachleute aus Unternehmen, Wissenschaft, Gewerkschaften und NGOs auf einer Tagung des Instituts für Unternehmensführung (I.M.U.) der Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf.


Von Carmen Molitor


Über alle möglichen Aspekte der Transformation wird grade wortreich diskutiert: Wie kommt man an bezahlbare Energie und Rohstoffe? Wie findet man neue Geschäftsmodelle? Aber eine essenzielle Frage ist kaum Thema: Wie schafft man das notwendige Vertrauen, damit Unternehmensleitung und Beschäftigte bei den nötigen Umwälzungen an einem Strang ziehen?

Für Yasmin Fahimi, Vorsitzende des DGB und des Vorstands der Hans-Böckler-Stiftung, heißt die Antwort paritätische Mitbestimmung. Auf der Tagung des I.M.U. nannte sie die Mitbestimmung Mutmacher und Motivation im Umbruch, denn sie garantiere den Beschäftigten die nötige Sicherheit, Stabilität und Beteiligung. „Vertrauen entsteht, in dem ich erstens verstehe, warum Veränderung überhaupt notwendig ist. In dem ich zweitens die Ziele teile, die notwendig wären. Und drittens, wenn ich erlebe, dass ich ein Teil dieser Veränderungskraft sein kann. Und das alles ist Mitbestimmung", sagte Fahimi.

Deshalb sei es höchste Zeit, die rechtlichen Schlupflöcher zur Behinderung der betrieblichen und der Unternehmensmitbestimmung zu schließen und eine gesellschaftliche Debatte über ihren Wert zu führen, so Fahimi. Die schleichende Erosion der Mitbestimmung schade der Wirtschaft, der Umwelt und dem sozialen Zusammenhalt. Neben einer Sicherung gehöre eine Ausweitung der Mitbestimmung auf die Tagesordnung, etwa eine echte Parität im Aufsichtsrat, ohne Doppelstimmrecht für den Vorsitzenden von der Kapitalseite. Und warum, so Fahimis rhetorische Frage, gibt es nur in Montanunternehmen die gesetzlich abgesicherte Position von Arbeitsdirektor*innen, also Personalvorständen, die nicht gegen die Stimmen der Mehrheit der Beschäftigten im Aufsichtsrat berufen werden können? Diese Vertrauensposition sei für alle Unternehmen ein Gewinn.

Thomas Wessel, Arbeitsdirektor der Evonik Industries, sprang Yasmin Fahimi bei „Wir sind im Augenblick in einem perfekten Sturm." Es gehe zurzeit „um nichts Geringeres als das Gelingen unseres Geschäftsmodells in Deutschland, was uns Arbeit und damit Wohlstand sichert", so Wessel. Eine breite Debatte über eine Stärkung der Mitbestimmung gehöre deshalb schnellstens auf die Tagesordnung. „Wenn nicht jetzt, wann dann?"

Wessel und andere boten einen Einblick in die Transformationsarbeit ihrer Unternehmen: Die einen - wie Markus Grolms, Arbeitsdirektor bei Thyssenkrupp Steel Europe oder Jörg Waniek, Arbeitsdirektor beim Braunkohleunternehmen LEAG, arbeiten daran, soziale Härten der Transformation abzufedern, neue Geschäftsmodelle zu finden und für Qualifizierungen zu sorgen. Die anderen, wie Lothar Schröder, Aufsichtsrat der Deutschen Telekom oder Denise Hahn, Arbeitsdirektorin der Hannoverschen Verkehrsbetriebe, beschäftigt, wie die Digitalisierung und eine Einführung von Künstlicher Intelligenz in den Betrieben human gestaltet werden können. Gemeinsam ist der Ruf nach klaren Rahmenbedingungen für die Transformation

„Wir können ein Musterbeispiel dafür werden, dass die Transformation der Industriegesellschaft gelingen kann, ohne dass sie mit sozialen Blutbädern einhergeht", sagte Markus Grolms. Thyssenkrupp Steel Europe will künftig Grünen Stahl produzieren und betritt damit technisch völliges Neuland, so Grolms. Der Arbeitsalltag von vielen Stahlkochern werde sich radikal verändern, man bilde inzwischen sogar schon Chemikanten aus. Doch trotz der Unsicherheit verliefe die Transformation im Unternehmen erfolgreich und ruhig. Grund sei das Vertrauen der Belegschaft auf den Arbeitsplatzerhalt, darauf, dass niemandem betriebsbedingt gekündigt werde.

Auch im stufenweisen Ausstieg aus der Braunkohle in der Lausitz bis 2038 sorgten festgezurrte Vereinbarungen der Kohlekommission und Tarifverträge mit Kündigungsausschluss für Verlässlichkeit und damit Vertrauen der Belegschaft in die Zukunft, berichtete LEAG-Arbeitsdirektor Jörg Waniek. Man habe die Transformation im Griff, stelle sogar Personal ein, bilde aus und suche nach neuen Geschäftsmodellen, beispielsweise mit dem Partner Deutsche Bahn oder in der erneuerbaren Energieerzeugung. Schwierig zu vermitteln sei allerdings, dass immer wieder ein vorgezogenes Ende der Kohle in den Raum gestellt werde, während die Beschäftigten gerade wegen der Energiekrise bis zum Anschlag arbeiten müssen. Dass Braunkohlebriketts noch einmal so reißenden Absatz finden würden, damit hatte keiner gerechnet.

Daneben brachten Professorin Lisa Herzog und die Professoren Werner Widuckel, Michael Müller-Carmen und Klaus Dörre ihre Thesen zur Transformation in die Diskussion ein. Auf dem Podium traf Pauline Brünger, Sprecherin von Fridays for future, auf die Arbeitsdirektoren von LEAG und Thyssenkrupp. „Wir haben an vielen Stellen gemeinsame Interessen", sagte Brünger und wies auf die sozialen Konflikte hin, die in aller Welt durch den Klimawandel drohten. „Es wird hart und wir müssen da gemeinsam durch."

„Arbeitsdirektoren sind weder Fisch, noch Fleisch und vegan sind sie auch nicht", kommentierte ein Teilnehmer in der Plenumsdiskussion. Zwischen allen Stühlen zu sitzen, ist aber auf der anderen Seite das, was ihre Rolle in den Betrieben für den Ausgleich prädestiniert. Sie brauchen Charisma, um das Vertrauen der Beschäftigten zu gewinnen, betonte Führungskräfteberaterin Anja Beenen: Ihnen müsse einerseits zugetraut werden, dass sie die Stärke und das Selbstbewusstsein hätten, um zu führen. Auf der anderen Seite müssten sie die Beschäftigten davon überzeugen, dass sie ihre Aufgabe mit Integrität, einer Lauterkeit der Motive, Wertorientierung und in guter Absicht erfüllten.

Claudia Bogedan, Geschäftsführerin der Hans-Böckler-Stiftung, gab in ihrem Abschlussstatement den Kolleginnen und Kollegen Arbeitsdirektoren eine Empfehlung mit auf den Weg: Sie brauchten jetzt mehr denn je die Fähigkeit, Vieldeutigkeit und Unsicherheit zur Kenntnis zu nehmen und ertragen zu können.

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