Carmen Molitor

Redakteurin, Reporterin, Digital Media Managerin, Köln

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Die Umweltdirektorin

Foto: Juha Roininen

Lobbyistin in Brüssel? Dazu fallen einem viele Klischees ein. Erika Mink, Umweltdirektorin von Tetra Pak International, gelernte Mechanikerin und studierte Umweltingenieurin, erfüllt die wenigsten davon.
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Ein vorsintflutlich wirkender Mini-Aufzug rattert das Treppenhaus hinauf, und die Sekretärin auf der kleinen Büroetage ist so zuvorkommend, dass das Wort „Vorzimmerdame" berechtigt ist. Hier hat Erika Mink, die Umweltdirektorin des größten Verpackungsherstellers der Welt, Tetra Pak International, ihren Arbeitsplatz.

Die 50-Jährige fühlt sich wohl in diesem kleinen Reich an der Rue de la Loi in Brüssel: Die U-Bahn fährt sie von ihrer Wohnung am Stadtrand, wo sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn lebt, gleich bis unter das Haus. Bis zum Europäischen Parlament und der EU-Kommission sind es nur ein paar Schritte. Praktisch. Sie sitzt sowieso oft genug in Autos und Flugzeugen, um zu Meetings in aller Welt zu kommen. Etwa die Hälfte des Monats arbeitet sie hier in Brüssel, die andere Hälfte ist sie weltweit unterwegs.


„Ich bin zuständig für die Koordination der Umweltthemen und Teil eines weltweiten Managementteams, das die Umweltfragen im Konzern bearbeitet", erzählt die Umweltingenieurin. „Ich repräsentiere Tetra Pak gegenüber der EU und koordiniere außerdem weltweit die Government Relations, das heißt, wie wir uns im Bereich Umweltgesetzgebung in den verschiedenen Ländern engagieren." Der Konzern, der 2010 fast zehn Milliarden Euro Nettoumsatz verzeichnete, hat soeben seine globale Strategie bis 2020 vorgestellt. Für einen der vier Eckpfeiler ist Mink zuständig: Umwelt und Nachhaltigkeit. „Ich gucke genau, was die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind, die wir gerne hätten, um Themen wie Recycling weltweit voranzutreiben."


Erika Mink ist eine bekennende Pragmatikerin. Seit neun Jahren bewegt sie sich auf der Brüsseler Bühne, hält Kontakt zu den entscheidenden politischen Spielern aus den Bereichen Verpackung, Abfall, Klima, Forstwirtschaft und Nachhaltigkeit und schmiedet in Interessenverbänden der Verpackungsindustrie strategische Bündnisse mit den Konkurrenten. „Der Politik pragmatische Lösungsansätze zu bieten" sei ihre Strategie, erzählt sie. „Natürlich versuchen wir, zu beeinflussen, aber über Kompetenz, über Fakten und über fundiertes Wissen."


Und über wirtschaftlichen Druck? „Wir arbeiten nicht mit Druck, denn das wäre lächerlich", betont Mink. „Wir haben als größtes Unternehmen in der Verpackungsbranche 22 000 Leute weltweit. Gucken Sie sich im Vergleich einen Automobilstandort an!"


Dass Erika Mink einmal die Umweltgeschicke eines globalen Unternehmens lenken sollte, war ihr nicht in die Wiege gelegt. Sie wuchs als ältestes von vier Kindern eines Maurers in einem Dorf im Schwarzwald auf - in einer geistigen Enge, aus der sie so schnell wie möglich wegwollte. „Meine Familie war bildungsfern und bildungsfeindlich", berichtet sie. Mit 17 zog sie aus. Aber durch die Kämpfe mit dem Elternhaus habe sie früh gelernt, gesetzte Grenzen infrage zu stellen. Bis heute. „I take the fight", sagt sie ohne Pose.


Nach der mittleren Reife begann die technisch interessierte Schülerin eine Lehre als Mechanikerin. Das machte sie zwar stolz, aber sie fühlte sich fremd in dem männerdominierten Umfeld. Nach fünf Jahren hatte sie genug davon. Sie bildete sich weiter, machte ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, studierte mit einem Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung in Gießen und in den USA.


Die junge Erika Mink hätte nicht akzeptiert, dass die ältere heute überzeugt ist, für die Erhaltung der Umwelt am besten in einem globalen Konzern arbeiten zu können. Die großen Konzerne seien es, die durch ihre weltweit gleichen Umwelt- und Sozialstandards und moderne Technologien den Fortschritt in ärmere Länder brächten, sagt sie heute. Das Herz der Studentin Erika Mink hätte womöglich für die Kritiker geschlagen, die Tetra Pak Greenwashing vorwerfen und die angeblichen Öko-Vorteile von Verbundverpackungen infrage stellen. Denn in jungen Jahren engagierte sich Mink in Umweltverbänden, feministischen Gruppen und der Gewerkschaft. Sie wollte Funktionärin in einer Partei oder in der Gewerkschaft werden. Aber sie fand keine Gruppe, in der sie ihre Ideen umsetzen konnte.

„Viele waren in den 70er und 80er Jahren eher einer Ideologie verschrieben als pragmatischen Lösungen", erzählt sie. Das schreckte sie ab.


Die Umweltspezialistin entschied sich für eine Karriere in der Wirtschaft: 16-Stunden-Tage waren die Regel, Höchstleistung bringen, an die Grenzen gehen, stets nach vorne schauen, gutes Geld verdienen. Als Ingenieurin mit Fremdsprachenkenntnissen gelang ihr bald der ersehnte Sprung in die weite Welt - als Beraterin von Lahmeyer International, einem Ingenieurbüro, für das sie Projekte in Lateinamerika und Osteuropa betreute. Dann stieg sie bei Tetra Pak ein, schaffte es auf einen Direktorensessel - und damit wieder in eine Männerwelt. Nur eine Quote könne helfen, endlich mehr Frauen nach vorne zu bringen, sagt Mink. Auch das sieht sie ganz pragmatisch.

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