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Homosexualität: Was heißt hier "warmer Bruder"?

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Schwule Kultur gehört in Hamburg schon lange zum gesellschaftlichen Mainstream. Der Schlagermove mit seiner Ausgelassenheit ist nur die exzentrischste Geste eines eigentlich wertkonservativen bürgerlichen Lebensstils. Der schwule Aristokrat Ole von Beust war von 2001 bis 2010 Erster Bürgermeister der Stadt. Und als der damalige Innensenator Ronald Schill 2003 versuchte, seinen Chef wegen dessen sexueller Ausrichtung zu erpressen, kostete ihn das vollkommen zu Recht die Karriere. Heute sind führende Köpfe sowohl der hiesigen CDU (Roland Heintze, Dietrich Wersich) als auch der SPD (Johannes Kahrs) offen schwul, und vermutlich ist ihnen dieser Begriff der Homosexuellen-Verunglimpfung gar nicht mehr geläufig: "warmer Bruder".

Der für seine Herzenswärme wenig bekannte Franz Josef Strauß zum Beispiel hat ihn Anfang der siebziger Jahre noch benutzt. Er sei "lieber ein Kalter Krieger als ein warmer Bruder", sagte der 1988 verstorbene CSU-Vorsitzende. Einer der letzten großen Auftritte der Redewendung. Strauß war wohl nie gefährdet, von der überbordenden Zärtlichkeit schwuler Männer überrollt zu werden, aber vielleicht ist das wie mit den Flüchtlingen - die werden ja auch am meisten dort gefürchtet, wo es keine gibt.

Dabei ist die Bezeichnung "warmer Bruder" durchaus faszinierend, sie wirft nämlich mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Warum "warm"? Warum "Bruder"? Dennis Scheller-Boltz forscht zur Gender- und Queer-Linguistik an der Wirtschaftsuniversität Wien, Wortbildung und Soziolinguistik gehören zu seinen Schwerpunkten. "Wahrscheinlich lehnt sich der Begriff 'schwul' an 'schwül' an, davon leitet sich womöglich die Bezeichnung als 'warm' ab", erklärt er. "Eine andere Theorie besagt, dass über die 'Wärme' eine Abgrenzung zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit hergestellt wird: Frauen gelten als schwächer und als 'wärmer' in ihren Gefühlen, ein 'warmer' Mann ist nicht männlich genug. Die Norm für Männlichkeit ist in unserer Gesellschaft häufig noch immer der heterosexuelle Mann - er ist der Prototyp des Menschen, an dem andere gemessen werden.

Was motiviert Leute, so eine Formulierung zu verwenden? "Menschen fühlen sich wohl, wenn sie sich eine Ordnung schaffen können", sagt Scheller-Boltz. "Für die Wahrnehmung einer Persönlichkeit spielt ihre Sexualität eine große Rolle. So liegt es nahe, andere Menschen nach ihrer sexuellen Orientierung zu ordnen, wenn sie von der heterosexuellen Norm abweichen." Doch schon früh wurde der "warme Bruder" in seiner Bedeutsamkeit vom Adjektiv "schwul" überholt. Der Mediziner Magnus Hirschfeld gründete 1919 in Berlin sein Institut für Sexualwissenschaft und war damit ein Pionier der Erforschung der Homosexualität. Es ist überliefert, dass er einmal einen Jugendlichen dafür rügte, dass der sich als schwul bezeichnete, doch da hatte die Umdeutung längst begonnen - die Schwulen fingen an, das Wort für sich zu besetzen und ihm so das Stigma abzustreifen.
Irgendwie schaffte auch der "warme Bruder" es in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, aber dort hat ihm dann ausgerechnet der heterosexuelle Mann ganz sanft das Wasser abgegraben.

"Männer haben heute andere Erwartungen an sich selbst als früher", sagt Dennis Scheller-Boltz. "Vor allem junge Männer achten auf ihre Kleidung, sie pflegen sich, sie erlauben sich emotionale Schwächen - Eigenschaften, die in den Achtzigern noch schwulen Männern zugeschrieben wurden. Auch in der Arbeitswelt hat sich vieles verschoben: Väter gehen in Elternzeit, kochen gern, kümmern sich liebevoll um ihre Kinder. Es entstehen neue Identitäten, dazwischen ist für den 'warmen Bruder' kein Platz mehr."

Ich selbst habe diese Bezeichnung nie zu hören bekommen, obwohl die Rahmenbedingungen nicht schlecht waren. Ich wurde 1968 in der westfälischen Tundra geboren, dort hätte ein Begriff wie "warmer Bruder" recht lange im Sprachgebrauch der Eingeborenen ausharren können. Vielleicht lag es daran, dass ich schon früh in der Adoleszenz die Marke von 190 Zentimetern durchbrochen habe, und in diesem Punkt sind Menschen wie Tauben: Wenn sie einen schon anscheißen, dann von oben, und das ging bei mir schlecht. Die schlimmste Beleidigung meiner Gymnasialzeit kam von einem Sportlehrer, der beim Volleyball zu mir sagte, ich hätte einen Aktionsradius wie ein Bierdeckel. Er hatte recht.

Insgesamt wurde ich so selten diskriminiert, dass ich einmal sogar jemandem seine Beschimpfung geklaut habe: Ich spielte damals Saxofon in einer Band, und als wir nach einem Auftritt das Set abbauten, begrüßte ein Mann aus dem Publikum unseren Gitarristen mit den Worten "Thomas, du Schwuchtel!", worauf ich ihn korrigierte: "Thomas ist der Gitarrist, ich bin die Schwuchtel." Man lachte und trank danach zusammen noch einiges, und ich denke, er wird den Begriff seitdem etwas sparsamer einsetzen. Es könnte ein furchtbarer Kater dabei herauskommen.

Ob der Adressat einer Nachricht sich angegriffen fühlt, hängt also häufig von seiner Auffassung ab. Als die AfD-Parteivorsitzende Frauke Petry unlängst beklagte, im Fernsehen seien zu viele Schwule zu sehen, war ich erst ein wenig pikiert, aber wer weiß: Vielleicht war sie versehentlich auf einer Website mit Bewegtbildern für schwule Erwachsene gelandet. So kann durchaus ein falscher Eindruck entstehen.


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