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Hashtags, die die Welt verändern

Hashtags, die die Welt verändern

#Aufschrei und #MeToo haben sexuelle Gewalt global zum Thema gemacht. Von einem selbstverständlichen „Yes Means Yes“ sind wird dennoch weit entfernt. Von Britta Rotsch

Am 15. Oktober 2017 tippt eine Frau ziemlich wütend in die Tasten, ohne zu wissen, was sie damit lostritt. An diesem Abend entsteht ein Hashtag, der weltweit viral geht. „Wenn du von jemandem sexuell belästigt oder angegriffen wurdest, dann schreib #MeToo als Antwort auf diesen Tweet,“ forderte Alyssa Milano um 22.21 Uhr. Die eigentliche MeToo-Bewegung startete zehn Jahre zuvor von einer Aktivistin aus New York, Tarana Burke, die damit junge farbige Frauen unterstützen wollte, die bereits Missbrauchserfahrung erlebten. Angesichts des Skandals um den Ex-Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein, der Alyssa Milano und viele weitere Frauen sexuell belästigte, bedrohte oder vergewaltigte, löste sie mit diesem Tweet ein Medienecho aus, das außergewöhnlich lange nachhallt. Die weltweite Reaktion auf die tausenden Tweets und Solidaritätsaktionen ist unübersehbar, die Geschichten dahinter rütteln auf. Bald wurde deutlich: Diese Social-Media-Bewegung hat dauerhaft etwas in Gang gesetzt. Aber kann sie auch für einen nachhaltigen Fortschritt in Sachen sexueller Selbstbestimmung in unserer Gesellschaft sorgen? Was ist nötig, damit sexueller Konsens zur Selbstverständlichkeit wird?

Das Schweigen brechen. Wie konnten diese Frauen so lange schweigen, warum kommen gerade jetzt so viele Fälle ans Licht? Das ist ein Vorwurf von vielen, der ausgerechnet denjenigen gemacht wird, die ihr Schweigen brechen. Die Philosophin Susan Neiman weist im Deutschlandfunk-Interview darauf hin, dass es bei jedem moralischen Fortschritt lange dauert, bis jemand dann den Mut aufbringt und das scheinbar Unsagbare zum Thema macht. „Ich glaube, dass alles in den USA angefangen hat, ist auch zum Teil eine Reaktion auf Donald Trump, der sich sogar während der Wahl-Kampagne gebrüstet hat, Frauen begrabscht zu haben und möglicherweise noch Schlimmeres getan hat.“
Dass betroffene Frauen, die sexuelle Belästigungen oder Übergriffe erfuhren, erst Jahre später von den Erlebnissen berichten, hat oft mit hierarchischen Abhängigkeiten zu tun – besonders in der Arbeitswelt. Die Causa Pilz ist für die feministische Bloggerin Ina Holub ein Paradebeispiel. Der ehemalige Grünen-Politiker nannte seine Mitarbeiterin „Baby“ und machte ihr gegenüber sexuelle Anspielungen, so die Vorwürfe. „Durch solche vermeintlichen Komplimente wird die bestehende Hierarchie am Arbeitsplatz noch unterstrichen, die Assistentin klein gemacht und sexualisiert. Das ist weder professionell noch würden Männer* das zu einander sagen“, so Holub. Diese Abhängigkeit ist auch ein Grund, warum es so schwierig ist, sich zum Beispiel im Arbeitsalltag gegen Sexismus zu wehren. „Ich war selbst schon in solchen Situationen und habe sehr genau abgewogen, ob ich es mir leisten kann, zu widersprechen, obwohl ich genau wusste, dass es Unrecht war“, sagt Ina Holub.

Konsensprinzip. #MeToo sorgte indes auch für juristische Debatte: Schweden plant für Anfang Juli ein Gesetz, das sämtliche sexuelle Handlungen unter Strafe stellt, die nicht im aktiven Einverständnis geschehen, führt also das sogenannte „Konsensprinzip“ ein. In Österreich gilt seit Anfang 2016 das Gesetz, dass sich strafbar macht, „wer sexuelle Handlungen gegen den Willen des anderen vornimmt, auch wenn es zu keiner Gewalt oder Drohung kommt“, erklärt Helmut Fuchs vom Strafrechtsinstitut der Universität Wien. Eine Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung sei demnach dann erfüllt, wenn sich ein Opfer aus Angst nicht wehrt, so der Jurist. Schwierig bleibt es trotzdem: Einen Beweis für solche Verletzungen zu erbringen, ist vor Gericht kompliziert, da die Beweislast weiterhin bei den Kläger*innen liegt und die Rechtslage nicht eindeutig ist. Ist die Hand auf dem Oberschenkel bereits ein strafbarer Übergriff oder bewegt sich das noch im Toleranzbereich? Wann wird bei der Anbahnung sexueller Kontakte die Grenze vom Mut zum ersten Schritt zu einer vorsätzlichen strafbaren Handlung überschritten? Kommt es dabei primär auf die subjektive Sicht der sich belästigt fühlenden Person an?
Viele Betroffene scheuen angesichts der belastenden Verfahren vor einer Anzeige zurück. „Laut Dunkelzifferzahlen aus Österreich werden nur 8,8 Prozent der Vergewaltigungen angezeigt. In Schweden führen 90 Prozent aller Anzeigen zu keiner Anklage“, berichtete der Standard. Für die Täter gibt es keine Konsequenzen.

Obwohl der Handlungsbedarf also offensichtlich ist, sind die Widerstände gegen das Konsensprinzip groß. Warum ist das so? Derzeit wird meist davon ausgegangen, es sei bereits als Zustimmung zu werten, wenn jemand gar nichts sagt und kein klares Nein äußert. Stattdessen explizit vor dem Sex um Erlaubnis zu fragen, ist für viele gewöhnungsbedürftig und schambehaftet. Aber die aggressive Abwehr vieler Männer erklärt sich nicht daraus allein. „Sexueller Konsens und das Fragen danach werden als Schwäche angesehen“, erklärt Holub. Zudem verginge allen die Lust, wenn man immer alles genau absprechen müsse, heißt es in Kommentaren zur schwedischen Debatte, die Ina Holub aufmerksam verfolgt. „Die Idee, dass die Nachfrage, ob die Frau* Spaß hat und Sex möchte, ein Abturner für die Sexualität sein könnte, verrät viel über unser Ungleichgewicht, denn in einer gleichberechtigten Gesellschaft müsste sexueller Konsens das sein, was allen Parteien den größten Spaß bringt“, meint die Bloggerin. „Doch die heteronormative Sozialisation hat uns dahin geprägt, dass selbst ein Nein einer Frau* oft erst ein Anfang und nicht das Ende einer Anmache ist.“ Das Nein sei sexualisiert worden und so interpretiert worden, dass Frauen* nein sagen, aber ja meinen“ und somit Spaß an diesem „Spiel“ hätten. „Wenn Männer* nur hartnäckig genug dranbleiben, könnten sie das Spiel für sich entscheiden“, erklärt Holub.

An dieser Haltung muss sich unbedingt etwas ändern. Denn auch wenn Gesetze eine klare Sprache sprechen: Anzeigen werden oft gar nicht erst aufgenommen oder es kommt zu keiner Verurteilung. Was braucht es also, damit sexueller Konsens neu verhandelt wird? Was verhindert die sexuelle Gleichheit und Freiheit aller Geschlechter?
Auch Frauen tragen durch unsolidarisches Verhalten dazu bei, den sexistischen Status Quo aufrechtzuerhalten. So kritisierte die österreichische Schauspielerin Nina Proll den medialen Diskurs zur #MeToo-Debatte und fragte: „Wollen wir Männern verbieten, sexuelle Avancen zu machen? Oder können wir uns noch darüber freuen, wenn ein Mann versucht, uns ins Bett zu kriegen?“ Proll setzte damit sexualisierte Gewalt mit einer Anmache gleich, bekam aber dennoch Medienecho viel – wie auch andere ähnlich undifferenzierte Kommentare zum Thema. „Solchen Frauen sollte keine medial große Bühne geboten werden, um all die Klischees und Unterdrückungsmechanismen zu reproduzieren“, sagt Ina Holub.
Dass Feministinnen einen langen Atem brauchen, wenn es um strukturelle Veränderungen geht, zeigen nicht zuletzt die medialen Debatten. Angesichts von #Aufschrei und #MeToo entdeckte man in mancher Redaktion erstmals jenes Thema, das feministische Aktivistinnen seit Jahrzehnten beleuchten. Hashtags können etwas aufdecken und bewirken, wie auch Burke nach dem Tweet von Milano glaubt „Das ist mein Lebenswerk und ich bin stolz, dass es sich auf diese Weise vergrößert. Das ist mehr als nur ein Moment – es ist eine Bewegung! #MeToo“.