Birk Grüling

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Kinderseite der Süddeutsche Zeitung: Vater, Mutter, Kind?

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Mama Wolf und Tante Ameise, Onkel Albatros und Opi, die alte Schildkröte: Alle auf einem Familienfoto.

(Foto: imago images/H. Tschanz-Hofmann)

Von Birk Grüling

Regenbogen-Albatrosse Soziale Wale

Zwei Papas oder Mamas zu haben ist auch im Tierreich nichts Ungewöhnliches. Bei den Laysanalbatrossen auf Hawaii etwa tun sich regelmäßig Weibchen zusammen und bleiben sich ein Leben lang treu. Ihre Eier lassen sie von einem Männchen befruchten, aber um die Küken kümmern sich die beiden Mamas. Damit sind sie nicht allein: In einem Zoo in Sydney adoptierten zwei Pinguin-Männchen ein befruchtetes Ei, das von der Mutter verstoßen wurde. Um das Küken kümmerten sich die beide Papas rührend - und haben mittlerweile sogar ein zweites Ei ausgebrütet. Auch in Berlin und New York gibt es Pinguin-Papa-Paare.

Gleichberechtigte Wölfe

Orcas leben in Großfamilien mit bis zu 50 Tieren. Angeführt wird die Familie von einem erfahrenen Weibchen. Orcas sind supersozial: Sie jagen gemeinsam und teilen ihre Beute mit allen Verwandten - selbst wenn sie noch zu jung oder schon zu alt für die Jagd sind. Forschende haben sogar beobachtet, dass Orcas mit krummen Wirbelsäulen oder verletzten Schwanzflossen von der Familie versorgt wurden. Auch um die Aufzucht der Jungen kümmern sich alle gemeinsam.

Adoptierte Flusspferde

Mutter und Vater Wolf bleiben ein Leben lang zusammen und ziehen ihren Nachwuchs gemeinsam groß. Bis zu acht Welpen bekommt eine Wölfin pro Jahr. Zum Rudel gehören aber auch Teenager. Erst mit zwei Jahren zieht der Nachwuchs aus, um selbst ein Rudel zu gründen. Bis dahin wird alles gemeinsam gemacht, gejagt, gefressen, auf die Welpen aufgepasst, das Revier verteidigt. Früher glaubten Forschende, dass dabei ein männlicher Leitwolf das Sagen hat. Allerdings gibt es den nur bei Rudeln im Zoo. Dort können die Jungtiere das Rudel nicht verlassen und es braucht eine klare Rangordnung. In freier Natur herrscht dagegen Gleichberechtigung zwischen den Eltern.

Alleinerziehende Eisbären Fiese Fische

Ein Hochwasser spülte das kleine Flusspferd Owen vor der kenianischen Küste an. Tierschützer retteten es vor dem Ertrinken und brachten es in einen Wildpark. Dort fand der kleine Dickhäuter einen Ersatzpapa: eine über 100 Jahre alte und 300 Kilogramm schwere Riesenschildkröte namens Mzee. Anfangs war die Schildkröte von der Liebe des kleinen Nilpferds etwas überrascht. Inzwischen sind beide unzertrennlich. Das Essen wird geteilt, abends gekuschelt. Doch die gemeinsame Zeit wird bald enden. Owen soll mit einer Nilpferd-Dame zusammengebracht werden. Sie gründen wohl eine neue Familie. Vielleicht darf Opa-Schildkröte dann mal auf den Nachwuchs aufpassen?

Halbwaisen-Ameisen

Bei Eisbären sind die Mütter alleinerziehend. Ihren Nachwuchs bekommen sie in der Geburtshöhle, mitten im arktischen Winter. Während draußen dichter Schnee fällt und es saukalt ist, bleiben Mama und Nachwuchs im Warmen - so eine Schneedecke isoliert erstaunlich gut. Nicht mal zum Essen oder Trinken geht die Mutter vor die Tür. Für die Geburt und die Stillzeit hat die Eisbärin vorgesorgt und sich im Sommer ordentlich Speck angefressen. Bei der Geburt sind die Babybären kaum größer als ein Meerschweinchen. Doch sie wachsen schnell. Wenn sie nach drei bis vier Monaten erstmals die Höhle verlassen, wiegen sie schon bis zu 15 Kilogramm. Muttersöhnchen sind sie trotzdem, sie bleiben fast drei Jahre bei ihren Müttern.

Wer genug Kinder hat, muss es mit dem Elternsein nicht mehr so ernst nehmen? Mondfische zum Beispiel legen bis zu 300 Millionen winzige Eier - mehr als andere Fische im Ozean. Eine solche Kinderschar im Auge zu behalten ist schlicht unmöglich. Die bis zu drei Meter langen Knochenfische geben sich aber auch keine große Mühe, sondern überlassen ihren Nachwuchs sich selbst. Schutzlos werden die meisten der winzigen Mondfisch-Larven aufgefressen. Bei Millionen Eiern ist das aber nicht so schlimm. Ein paar Larven überleben und wachsen zu gewaltigen Fischen heran, die ausgewachsen kaum Feinde haben.

Rote Waldameisen haben keine richtige Familie, sind aber trotzdem nie allein. Bis zu 600 000 Tiere leben in einem Ameisenhaufen zusammen. Jeder hat dort seine Aufgabe. Es gibt Arbeiterinnen, die sich um den Bau kümmern, Ameisen, die draußen im Wald Futter suchen, Soldatinnen, die den Hügel verteidigen, und Kindermädchen, die sich um den Nachwuchs kümmern. Die Ameisenkönigin legt ihre Eier, mehr muss sie nicht tun. Männliche Ameisen sucht man im Nestalltag vergebens. Sind sie groß genug, breiten sie ihre Flügel aus und fliegen davon. Sie suchen sich eine junge Königin, befruchten ihre Eier und sterben dann.

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